Text: G. Kemper
WissenschaftlerInnen an der Universität von Kalifornien in San Francisco haben eine neue Arbeit vorgestellt, bei der es um die Austestung von Biomarkern geht. Sie sollen auch bei den sogenannten Vorstufen von Brustkrebs – wie
Ductales Carcinoma in Situ (DCIS) – ein wenig mehr Aufschluss geben können, z.B. über die tatsächliche Gefährdung, die eine individuelle Patientin hat, bei DCIS nachfolgend wirklich eine Brustkrebserkrankung zu entwickeln. Bisher wird hier in der Regel durch Unterschung einer Gewebeprobe der Van Nuys Prognoseindex eingesetzt, um zu einer Einschätzung eines individuell vorliegenden Krankheitsrisikos zu gelangen.
Diagnose & Häufigkeit
Gerade weil durch die verschiedenen Möglichkeiten in der Brustkrebsdiagnostik, und hier insbesondere durch das Mammographie-Screening, immer häufiger die Diagnose Brustkrebs (bzw. Carcinoma in situ) gestellt wird, muss weiter nach Wegen gesucht werden, um Frauen unnötige, schädliche und lebensverändernde Therapien zu ersparen.
In den USA sind jedes Jahr 60.000 Frauen von dieser Vorstufe betroffen. Der >>> (pdf) Evaluationsbericht zum Mammographie-Screening in Deutschland zeigt für die Jahre 2005 bis 2007, dass bei uns insgesamt 19,8% der Diagnosen (2.110 „Fälle“) in-situ-Karzinome waren. (Unter Punkt 2.2.2.2. ab S. 62 sind im pdf des Evaluationsberichts sehr detaillierte Aufschlüsselungen zu den Ergebnissen des deutschen Mammographie-Screening-Programms, speziell auch zu den unterschiedlichen diagnostizierten Vorstufen, nachzulesen.) Diese Fallzahlen betreffen jedoch nur das Screening-Programm. Der neue GEKID-Krebsatlas (www.gekid.de) weist leider keine Fallzahlen für Vorstufen von Brustkrebs nach. Die Krankenhausstatistik des statistischen Bundesamtes gibt mehr Aufschluss über die aktuelle Entwicklung der Zahlen in Deutschland. Die Carcinoma in situ der Brust sind danach bei uns innerhalb von acht Jahren (2000 bis 2008) von 3.810 auf 11.162 hochgeschnellt, s. >>> (pdf) Diagnosedaten.
Überbehandlung heute
Die meisten Frauen mit einer sogenannten Vorstufe von Brustkrebs erhalten eine chirurgische Therapie, bei der entweder das veränderte Gewebe oder die gesamte Brust entfernt wird – und dies, obwohl der Anteil derjenigen Frauen, die im Zeitraum von 10 Jahren nach Diagnose eines in-situ-Karzinoms tatsächlich Krebs entwickeln oder gar daran versterben, sehr gering ist. Den SpezialistInnen in der Brustheilkunde ist lange bekannt, dass viele Frauen überbehandelt werden. Doch nur „Zuschauen und Warten“ ist nach wie vor für viele ÄrztInnen – und damit auch die Patientinnen – kein gangbarer Weg. In den USA sollen es rund 5% der Frauen sein, die sich gegen eine Therapie und lediglich für eine Beobachtung der Gewebeveränderungen entscheiden.
Biomarker als Entscheidungshilfe?
Am 28.04.2010 ist im Journal of the National Cancer Institute ein neuer Artikel veröffentlicht worden, der sich mit Biomarkern und individuellem Krankheitsrisiko befasst. Eine der Autorinnen, die Pathologie-Professorin Thea Tlsty von der Universität in San Francisco, verweist darauf, dass sich nur eine von 10 diagnostizierten Vorstufen tatsächlich zu einer invasiven Krebserkrankung entwickele. Warum sollte man eine Mastektomie durchführen, wenn eine Frau sie nicht braucht? Es werde allerdings noch Jahre dauern, bis die aktuellen Forschungsergebnisse eine Chance haben, in die Praxis einzuziehen, da es sich um bisher unübliche Marker handelt, die nicht routinemäßig eingesetzt werden.
Eine gelobte Studie
Die aktuelle Studie schloss 1.162 Frauen mit DCIS-Diagnose ein, die zwischen 1983 und 1994 eine chirurgische Entfernung des veränderten Gewebes, und zwar eine
Lumpektomie, hinter sich hatten. Verschiedene Biomarker wurden gleichzeitig untersucht, und die Frauen wurden über einen Zeitraum von acht Jahren nachbeobachtet. Wenn drei bestimmte Marker (p16, COX-2 und Ki67) nachgewiesen werden konnten, hatten die Frauen das höchste Risiko von 20%, dass sich tatsächlich im Nachbeobachtungszeitraum von 8 Jahren ein invasives Karzinom entwickelte. 28% der Patientinnen fielen in diese Kategorie. Frauen mit geringerem Risiko entwickelten nur zu 4% eine Krebserkrankung. Außerdem hätten diejenigen Frauen, die durch das DCIS selbst einen Knoten in der Brust gefunden hatten, ein höheres Risiko als solche, bei denen die Vorstufe lediglich in der Mammographie aufgespürt werden konnte. Dieses wurde der höheren Empfindlichkeit der Mammographie, Veränderungen aufzuspüren, zugeschrieben. Mammographie könne kleinere Veränderungen aufspüren, die im Laufe des Lebens nicht zu Krebs werden müssten, während getastete Befunde üblicherweise weiter fortgeschritten seien.
Das Deutsche Ärzteblatt weist in seinem Kurzbericht zu der Untersuchung allerdings darauf hin, dass das Ergebnis wegen des retrospektiven Charakters vielleicht verzerrt sei.
In den USA wurde die Studie von ÄrztInnen und Patientinnen – darunter auch Barbara Brenner, Breast Cancer Action, s. Foto oben – sehr gelobt. Auf diesem Weg könnte vielen Frauen leidvolle Therapien – in einer leider noch etwas ferneren Zukunft und mit den für die Krankheit so typischen, üblichen Unsicherheitsfaktoren – einmal erspart bleiben. Wenn dazu auch mehr Wege einer konsequenteren Beachtung von vermeidbaren Risikofaktoren kämen, wären solche Perspektiven allerdings nicht die schlechtesten.
Weiterlesen
Biomarker Expression and Risk of Subsequent Tumors After Initial Ductal Carcinoma In Situ Diagnosis von Karla Kerlikowske … u. a. Thea D. Tlsty, J. Natl. Cancer Inst. 2010; 0: djq101v1-11, leider im Volltext nicht frei zugänglich (kein open access)
Editorial des JNCI (pdf) mit Bezug zu diesem Artikel
Artikel im San Francisco Chronicle
Bericht des Deutschen Ärzteblatts: Mammakarzinom: Prädiktoren für das DCIS
Unser Bericht Erdrutsch bei den Therapieempfehlungen für Brustkrebsvorstufen
Bildnachweis: Screenshot Breast Cancer Action Germany 01.05.2010


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