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Achtung, Patientinnen-Informationsveranstaltung! Medizinmarketing vom Feinsten

ein Bericht von Beate Schmidt

Ein Brustzentrum rührt die Werbetrommel: Pressemeldung, Zeitungsartikel, Einladungsschreiben. Patientinnen-Informationsveranstaltungen liegen im Trend. “Von Mensch zu Mensch” werden sie angeboten, die “Informationen für Patientinnen”.

Ort der Veranstaltung: der Hörsaal einer Fakultät der örtlichen Universität. Fernseh-Moderatorinnen sind auf den Podien sehr gern gesehen: Dr. Susanne Holst, Susanne Conrad oder Eva Herman, um nur die bekanntesten zu nennen, haben bereits solche von der Pharmaindustrie gesponserten “Patientinnen-Informationsveranstaltungen” für Frauen mit Brustkrebs moderiert. “Was gibt es Neues in der Therapie von Brust- und Eierstockkrebs?” ist Standardthema. Achten Sie einmal darauf, welche neuen Medikamente hier namentlich genannt werden. Der Direktor einer Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe eines Klinikums, zu dem auch ein Brustzentrum gehört, könnte dann einen Vortrag zu den “Möglichkeiten der supportiven Begleittherapie von Nebenwirkungen der Chemo- bzw. Hormontherapie” halten. Nach einer Pause mit leckerem Imbiss geht es weiter: “Nutzen oder schaden klinische Studien den Patientinnen?” Hier kommt ein anderer Experte zu Wort. Und schließlich ein Diskussionsforum: ZuhörerInnen fragen – Experten antworten.

Zitate aus einem Einladungstext:
“Sehr geehrte, liebe Betroffene und Interessierte,
nunmehr schon zum X. Mal veranstaltet die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe im Klinikum XYZ das Patientinnenforum >Leben mit und nach Krebs< in der Universität. Erfreulicherweise war die Veranstaltung mit wechselnden Themen in den vergangenen Jahren konstant mit jeweils rd. 350 Teilnehmerinnen … sehr erfolgreich, so dass wir auf Grund der interessanten und aktuellen Themen wiederum auf eine derartig positive Resonanz hoffen. …
Ohne Frage haben generell alle in der Krebstherapie eingesetzten Medikamente nicht nur erwünschte, sondern auch unerwünschte Wirkungen … Durch eine supportive Begleittherapie kann der therapeutische Index, d.h., das Verhältnis zwischen erwünschten und unerwünschten Wirkungen, häufig deutlich zugunsten der Patientin verbessert werden.
Diese ständige Verbesserung der Effektivität der Wirkungen bzw. Verminderungen der Nebenwirkungen von Medikamenten ist das oberste Ziel der Forschung, welches nur durch transparente und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der pharmazeutischen Industrie und den Kliniken erreicht werden kann. In Deutschland herrscht auf diesem Felde allgemein große Unkenntnis und es erscheint auch für Patientinnen wichtig zu wissen, welche Anforderungen an seriöse klinische Studien gestellt werden und Studie nicht gleich Studie ist. …”

Ob die große Nähe der wissenschaftlichen Forschung zu Kliniken für uns Patientinnen wirklich so gesund ist, das fragt sich allerdings. Als Patientinnen würden wir Studien außerdem zumindest gern in einem nationalen Studienregister verzeichnet sehen. Schließlich wird hier an Frauen geforscht. Leider passiert dies in Deutschland immer noch nicht. Außerdem interessieren uns auch noch die Geldflüsse im Zusammenhang mit Forschung und Einschreibung von Patientinnen mit Brustkrebs in diese klinischen Studien, wenn denn schon Transparanz so angesagt zu sein scheint.

Eine Einladung zur “Patientinnen-Informationsveranstaltung” flattert Patientinnen des Brustzentrums einfach so per Post ins Haus, alle Jahre wieder. Die Veranstaltung, über die ich aktuell gestolpert bin, trägt auf der Rückseite des Einladungsflyers einen Hinweis auf die “Zusammenarbeit mit dem Bremer Arbeitskreis Brustkrebs”; die Einbeziehung von als seriös angesehenen Patientinnenorganisationen fördert schließlich die Glaubwürdigkeit. Und es folgen einträchtig die Original-Logos und -Schriftzüge der Pharmaunternehmen (“unterstützt von”) Novartis Oncology, GlaxoSmithKline, AstraZeneca, Takeda Pharma, Pierre Fabre Pharma Onkologie, Roche und essex pharma.

In der Zeitung erscheint ein neutraler Veranstaltungshinweis. Die Universität wird genannt, die Pharmaindustrie nicht. Auch die Pressemitteilung auf der Webseite des Klinikums verschweigt diesen Zusammenhang. Ich frage per Email nach. Keine Antwort. Ich lasse nicht locker und frage ein zweites Mal nach, dieses Mal per Email und Fax. Die Abteilung Qualitätsmanagement / Organisationsentwicklung entschuldigt sich für die späte Zustellung und teilt mir auf meine hartnäckige Nachfrage, warum der Umstand der Finanzierung durch die Pharmaindustrie verschwiegen wird, schließlich brieflich mit: “Sie wundern sich darüber, dass die kommerziellen Unterstützer des Forums in der Presseerklärung keine Erwähnung fanden. – Eine Verpflichtung hierzu besteht nicht, die Firmen sind jedoch namentlich und mit Logo in der offiziellen Einladung bzw. dem Programm aufgeführt (s. ebenda).” Diese “offizielle Einladung” hat es in sich. Leider dürfen wir sie hier nicht zeigen: “Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Herausgebers gestattet”. Der Einladungstext betont ausdrücklich Transparenz und “vertrauensvolle Zusammenarbeit”. Die Pressemitteilung, die auch in regionalen Tageszeitungen veröffentlicht wurde, ist aber alles andere als “transparent”, wenn Sponsoren verschwiegen, “kommerzielle Unterstützer” nicht genannt werden.

Noch eine kleine Randbemerkung für FernsehjournalistInnen sowie Leiterinnen und Leiter der Brustzentren: Wir “lieben Betroffenen” brauchen für die Vermittlung neutraler Fachinformationen weder Fernsehfrauen noch Pharmasponsoren. Auch auf die kleine Kaffeepause verzichten wir gern: Sehr kompetente ÄrztInnen, die wirklich relevante und nicht von kommerziellen Interessen gesteuerte Patientinnen-Informationen vermitteln, wären einfach besser. Und die von den Pharmasponsoren großzügig bereit gestellten Mittel sind bei der Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherungsschutz zum Beispiel viel sinnvoller angelegt, wenn man die exorbitanten Medikamentenpreise für unsere Krebsmedikamente hier mal außen vor lässt.

Nicht fragwürdige Maßnahmen zur Förderung der “Compliance”, sondern Objektivität und Neutralität stehen bei mir höher im Kurs. Doch die kann und wird es mit Finanzierung derartiger Veranstaltungen durch genau die Industrie, die von diesen Veranstaltungen profitiert, nicht geben.

Materialien dieses Beitrages:

Pressemitteilung auf der Website des Klinikums vom 02.04.2009

Veröffentlichung der Pressemitteilung des Klinikums, hier: in der Online-Ausgabe der Nordwest-Zeitung Oldenburg vom 04.04.2009

Wir haben nicht aus dem Schlaraffenland berichtet. Möchten Sie Schriftwechsel und Einladung ansehen? Infos nicht mehr online? Dann schreiben Sie uns: redaktion@bcaction.de.

Rubrik brustzentren, klinische studien, nachdenken!!!, patientInneninformation

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3 Kommentare

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  1. Angelika M. schreibt

    Vielen Dank für den interessanten Artikel. Ich habe auch eine Einladung erhalten. Hier laden allerdings die Kasseen (DAK und AOK) mit ein. Von Pharmaindustrie steht nichts in der Ankündigung. Ich finde es unglaublich, wie direkt hier auf die Patientinnen zugegriffen wird. Bis vor kurzem wäre das nicht möglich gewesen. Universitäten waren für mich bisher eher vertrauenswürdig. Die Entwicklung ist neu und bemerkenswert.

    Angelika M. (Lindau)

  2. Britta schreibt

    Bei uns wird am jährlichen Patiententag des Uniklinikums (“Leben mit Krebs”) – trotz Sponsoren (vor allem Pharma) – noch 10 Euro!!! Eintritt verlangt. Auch nicht schlecht, oder?

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