Unser Leserbrief zum
Stern 48/2006 von Gudrun Kemper & Gudrun Lüttgen
Zwölf mit Mühe gefundene Menschen können unmöglich für Millionen kranker Menschen in Deutschland sprechen. Sämtliche Interviews verkürzen die Diskussion zur Sterbehilfe allein auf die Befürwortung einer so genannten aktiven Sterbehilfe. Dies ist der komplexen Thematik völlig unangemessen. Schwerstkranke oder chronisch Kranke, die mehrheitlich exakt die gegenteilige Sorge antreibt, nämlich trotz schwerster Erkrankung möglichst noch lange weiterzuleben, kommen nicht zu Wort. Nach unseren Erfahrungen – als Krebspatientinnen, wie auch im Krebsumfeld – klammert sich das menschliche Wesen instinktiv vom Überlebenstrieb getragen verzweifelt an jedes Quentchen Leben.
Besorgniserregend empfinden wir den zunehmenden medialen Druck, aktive Sterbehilfe auch zur Entlastung von Gesellschaft und Angehörigen in Anspruch zu nehmen und dies mit steigender Tendenz zu verinnerlichen. Wir möchten deswegen einige Fragen formulieren, deren umfassende Beantwortung Defizite beheben könnte:
- Wer stellt – die sich durch den gesamten Sternbeitrag ziehende – Annahme auf, dass der Prozess des Sterbens nicht würdevoll bzw. weniger würdevoll als eine assistierte Selbsttötung ist?
- Wer nimmt sich in unserer Gesellschaft der Sterbenden und vom Tode Bedrohten und ihrer Leiden und Ängste an?
- Wer setzt sich für eine adäquate schmerztherapeutische und psychologische Begleitung ein, die den Weg zum Annehmen eines natürlichen Sterbens eröffnet?
- Wer forscht nach den Motiven Schwerstkranker für einen Freitod, um lebbare Alternativen zu finden?
- Wer setzt sich in dieser Welt heute noch konsequent für den Schutz menschlichen Lebens ein und wer nicht?
Robert Spaemann ist in jeder Hinsicht zuzustimmen.
Die Hilfestellungen, die gesunde Menschen, Medizin, Pflege und psychologische Begleitung heute leisten können, müssen für alle Sterbenden barrierefrei verfügbar sein. Dies muss das Ziel aller Bemühungen um Sterbehilfe werden. Doch im heutigen ausschließlich auf Kosteneffektivität ausgerichteten Gesundheitswesen entfernen wir uns mit zunehmender Geschwindigkeit immer weiter davon.
Mit der Bitte um Veröffentlichung versandt am 27.11.2006 (und mit freundlicher Absage hinsichtlich einer Veröffentlichung Eingang bestätigt …)
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