Zerbrochene Grenzen: Frauen, Literatur und Krebs

deshazerEine Rezension zu Fractured Borders: Reading Women’s Cancer Literature (Zerbrochene Grenzen: Die Literatur von Frauen mit Krebs lesen). Ann Arbor, University of Michigan Press 2005. ISBN 978-0-472-06909-5

Bücher haben für viele Frauen mit Krebs bei der Krankheitsverarbeitung eine nicht unwichtige Rolle gespielt, zumindest in Zeiten ohne Internet. Susan Sontags Krankheit als Metapher als Essay einer Betroffenen hat sogar den gesellschaftlichen Blick auf Krebs verändert. Literatur von Frauen mit Brustkrebs ermöglichte auch Erkundungen im Umfeld der Communities von Betroffenen. Frauen in diesen Communities geben sich Trost, emotionale und intellektuelle Verbundenheit, Gespräche, Schlafplätze. Wissen, Leid und schließlich Trauer und Erinnerung und vieles mehr wurden und werden geteilt.

Mit ihrem Buch Fractured Borders: Reading Women’s Cancer Literature bietet Mary K. DeShazer, eine Professorin für Anglistik, Frauenforschung und Gender Studies, die zur Darstellung von Brustkrebs im 21. Jahrhundert forscht, eine Analyse zur Gegenwartsliteratur von Frauen mit Krebs. Forschungsschwerpunkt in DeShazers Büchern ist darüber hinaus auch Frauenwiderstand. Ihr Titel lehnt sich an Audre Lorde an: „Der Tod ist die zerbrochene Grenze durch das Zentrum meines Lebens“ (Lorde, Audre: The marvelous arithmetics of distance: poems 1987 – 1992. ISBN 0-393-03513-1). DeShazer befasst sich in diesem Buch überwiegend mit Erfahrungsliteratur, aber auch mit der von Frauen für Frauen erstellten Fachliteratur zu Krebs. Viele der in Fractured Borders besprochenen Bücher gibt es auch in deutscher Sprache, einige andere fehlen leider.

Schattenblicke: Erzählungen zu Krebs und Umwelt

Einige Frauen untersuchen in ihren auch autobiographisch gefärbten Werken Zusammenhänge zwischen Umwelt in der industrialisierten westlichen Welt, in der wir leben, und Krebs. Am bekanntesten sind Rachel Carson und Sandra Steingraber. Sie verbinden in ihren Büchern Wissensaufbau, Ökologie, Aktivismus und die persönliche Erfahrung von Krebs und versuchen so, die Apathie im Umgang mit dem Thema in Politik, Wissenschaft und Umwelt zu durchbrechen.

Rachel Carson

Rachel Carsons Grundthesen bezogen sich auf die Verletzlichkeit menschlichen Lebens und Zusammenhänge zwischen dem Anstieg der Krebsraten und Umweltbelastungen in Boden, Luft und Wasser, verursacht durch Pestizide und Chemikalien. Sie ging davon aus, dass die Zellen selbst verletzlich gegenüber chemischen Expositionen sind und dass Karzinogene die Fähigkeit haben, Chromosomenschäden und Genmutationen herbeizuführen. Eine wichtige Rolle spielen dabei endokrin wirksame Chemikalien (besonders Östrogene), die Sexualhormone im menschlichen Körper imitieren und körpereigene Hormone stören.

Ihre Beobachtungen an Tieren (sie war u.a. Zoologin) bestärkten sie darin, dass Menschen und Tiere dieses Schicksal teilen. Die gesetzliche Regulierung von Pestiziden, insbesondere DDT, für das unter anderem die Entstehung von Lebertumoren im Tierversuch nachgewiesen wurde, aber auch die Gründung der amerikanischen Umweltbehörde (Environmental Protection Agency) gehen auf das Engagement von Rachel Carson zurück.

Ihre Krebstherapien, die durch ihr wissenschaftliches Wissen beeinflusst waren, beschrieb Carson in Briefen an ihren Onkologen Dr. George Crile und an ihre engste Freundin Dorothy Freeman. Sie war wütend darüber, dass kein menschliches Wesen von der Empfängnis bis zum Tode sich chemischen Belastungen überhaupt noch entziehen kann, was sie als Novum in der Geschichte der Menschheit verstand. Im Kapitel One in every Four arbeitete sie heraus, wie Krebs und Umweltbelastungen zusammenhängen:

  1. Wenngleich Krebs auslösende Substanzen in der Umwelt auch natürlich vorkommen, so hat doch die Industrie in Laufe des 20. Jahrhunderts so viele weitere davon hinzugefügt, dass dies menschliche Abwehrmechanismen überfordert.
  2. Im Atomzeitalter seien nicht nur Chemiearbeiter Chemikalien ausgesetzt, sondern wirklich alle seien betroffen, weil von der Luft über den Boden bis zum Wasser alles durchdrungen sei.
  3. Im Zeitraum zwischen 1900 und 1960 sei Krebs im Kindesalter ebenso wie Krebs bei älteren Menschen immer häufiger geworden, ohne dass es bisher wissenschaftliche Erklärungen dafür gebe. Sie machte dafür unter anderem Emissionen von Kriegswaffen verantwortlich, der Meeresgrund weltweit ist voll davon.
  4. Tierversuche an Mäusen, Ratten oder Hunden zeigten, dass die Exposition gegenüber Pestiziden und anderen Chemikalien Krebs auslösen konnte. Auch Vögel, die mit Pestiziden in Berührung kamen, erkrankten an einer Vielzahl von Krebsarten. Carson schlussfolgerte daraus, dass Menschen diesem Risiko ebenso ausgesetzt seien.
  5. Forschungen in den 1960er Jahren zeigten außerdem, dass Zellen selbst gegenüber diesen Chemikalien verletzlich sind. Durch künstlich ausgelöste Chromosomenschäden und genetische Mutationen, verursacht durch Karzinogene, entstehe Krebs. Sie erkannte dabei bereits die besondere Rolle, die endokrine Disruptoren, und zwar besonders solche mit östrogener Wirksamkeit, spielten, die sie mit der Wirkung von ionisierender Strahlung verglich.

Carson baute dabei auf die Pionierforschung von Dr. Wilhelm C. Hueper auf, dem damaligen Leiter der Umweltabteilung des National Cancer Institute, der eine der kritischsten Stimmen in diesem Zusammenhang in jener Zeit war (s. dazu auch: Sellers, C. (1997). Discovering environmental cancer: Wilhelm Hueper, post-World War II epidemiology, and the vanishing clinician’s eye. American Journal of Public Health, 87(11), 1824-1835. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1381166/pdf/amjph00510-0074.pdf).

Auch kritisierte sie bereits die Fachgesellschaften in ihrer Konzentration bei der Suche nach Heilung einer nur schwer „heilbaren“ Krankheit. Vermeidung erschien ihr angesichts künstlich verursachter Krankheit so viel logischer und einfacher. Hueper und Carson kritisierten beide die Attraktivität, die die Heilung für die Medizin ausmache, im Gegensatz zur schnöde vernachlässigten Vermeidung von Krebs. Heilung sei aufregender, auf den ersten Blick greifbarer, eben glamouröser und nicht zuletzt einträglicher als Vermeidung. Beide teilten die Ansicht, dass Vermeidung viel entscheidender sei. Zwar waren sie der Auffassung, dass für diejenigen, die die Krankheit hatten oder versteckt in sich trugen, die Anstrengungen für eine Heilung ihre Berechtigung hätten. Doch für die noch nicht Betroffenen und besonders für die Ungeborenen sei Vermeidung eine unbedingte Notwendigkeit. Carson machte leidenschaftlich klar, wie dringlich dies sei. Dass sie selbst bereits unter den Betroffenen war, verschwieg Carson, weil sie weder wollte, dass ihre wissenschaftliche Objektivität angezweifelt wurde, noch dass Medien in den Klatschspalten über ihren physischen Zustand öffentlich spekulierten.

DeShazer baut hier auf die Arbeiten von Ellen Leopold auf, die in A Darker Ribbon u.a. den Briefwechsel von Rachel Carson mit ihrem behandelnden Arzt George Crile untersuchte und dabei auch herausarbeitete, dass es für Frauen in Carsons Generation, dem Ethos der Zeit entsprechend, unüblich war, Brustkrebs öffentlich zu machen. Ihr Arzt, der in damals ebenfalls nicht unüblicher Weise absichtlich versuchte, seine Patientin über die Art ihrer Krankheit zu täuschen. Obwohl er wusste, dass die Krankheit bereits metastasiert war, versuchte er das Krankheitsbild herunterzuspielen. Auch die Ehefrau des behandelnden Arztes, Jane, litt an metastasiertem Brustkrebs, was Rachel Carson wusste. Erst als Carson ihn mit ihrem Wissen über die eigene Erkrankung konfrontierte, eröffnete Crile ihr, was er wusste, und schlug ihr vor, die Eierstöcke entfernen zu lassen und sich einer extensiven Strahlentherapie zu unterziehen.

Chemotherapie war damals noch im Versuchsstadium. Carson beschrieb erleichtert den dann ehrlicheren Umgang mit der Krankheit. Sinnlosen Therapievorschlägen folgte sie nicht, wenn sie sie nicht verstand, und stellte stattdessen ihre Ernährung auf „bio“ um, damit die über die Nahrung aufgenommenen hormonellen Schadstoffe ihren Krebs nicht weiter füttern konnten. Sie schlug ihr angebotene radikale Therapien (Entfernung der Hypophyse und Therapie mit Androgenen) aus und unterzog sich – erfolglos – ihr hoffnungsvoll erscheinenden alternativen Therapien. DeShazer stellt fest, dass Rachel Carsons Buch Silent Spring und ihre Briefe zusammen gelesen eine sehr vielschichtige Erzählung über Krebs sind und findet, dass sie in einem Band zusammengebunden herausgegeben werden sollten.

Sandra Steingraber

Zusammenhänge zwischen Umweltbelastungen und Krebserkrankung stehen kaum im Fokus des öffentlichen Interesses, so beschreibt es – bisher leider zutreffend – Sandra Steingraber in ihrer Auseinandersetzung Living Downstream. Diese Dokumentation gibt es sowohl als Buch wie auch als Film, nur nicht in deutscher Sprache.

Gesundheitsinformation

Mehr Information wird gebraucht, auch weil es eine steigende Anzahl von Langzeitüberlebenden gibt. Zugleich sieht DeShazer, wie schwierig es für Frauen mit Krebs ist, sich vertrauenswürdig zu informieren. Gut etablierte Frauengesundheitsnetzwerke und Frauenorganisationen wie Breast Cancer Action, die Nationale Brustkrebskoalition NBCC oder die Ärztin Susan Love haben im angloamerikanischen Sprachraum unter Einschluss feministischer Werte im Zusammenhang mit Brustkrebs nachhaltig an der Vermittlung von Gesundheitsinformation mitgewirkt. Bücher wie Our Bodies, Ourselves (Boston Women’s Health Collective, dt. Unser Körper – Unser Leben) und Susan Loves Brustbuch und Hormonbuch liegen in deutscher Sprache vor. Mit ihrer Vielzahl von Übersetzungen und Auflagen seien diese Werke, so DeShazer, zu nahezu „heiligen“ Texten für Frauen geworden. Die englischsprachigen Versionen werden bis heute aktuell gehaltenen. Dieser rote Faden ist bei den deutschsprachigen Ausgaben leider bereits abgerissen. Veränderte Lesegewohnheiten, Internet, konkurrierende Werke deutschsprachiger Autorinnen und weitere Einflussfaktoren haben hier sicherlich eine Rolle gespielt. Übersetzungen wie Unser Körper – unser Leben und die Bücher von Susan Love sind nur noch antiquarisch verfügbar, dennoch bleiben sie wertvoll für Frauen. Die AKF-Ärztinnen Barbara Ehret und Mirjam Roepke-Buncsak haben mit ihrem Handbuch „Frauen, Körper, Gesundheit, Leben“ (Brigitte-Buch der Frauenheilkunde, 2008) nur bedingt für Ersatz gesorgt. Gerade bei den Jüngeren bei uns scheint dagegen inzwischen fast vergessen der kollektive Ansatz von Frauengruppen mit ihrem Frauenhandbuch Nr. 1 (Brot und Rosen), das 1972 praktisch zeitgleich mit Our Bodies, Ourselves erstmals erschien. Diese Bücher haben Frauen aus allen Altersgruppen erreicht und über gynäkologische Fragen und Verhütung sowie auch in bestimmtem Umfang über den Umgang mit Krebs informiert sowie die Partizipation von Frauen vorangetrieben. Der selbstbestimmtere Umgang mit dem eigenen Körper wurde damit gestärkt.

Erfahrungsbücher auf dem Buchmarkt

Obwohl Frauen auch zwischen 1960 und 1980 Bücher über ihre Erfahrungen mit Krebs veröffentlicht haben, gibt es erst seit den 1990er Jahren einen exponentiell ansteigenden Boom dieser Art von Literatur, unabhängig von Alter und Geschlecht, Ethnizität oder sexueller Orientierung. Die meisten Schreibenden zur Erfahrung von Krebs sind Frauen. Sie brechen mit dem Schweigen, richten sich gegen Stigmatisierung und erkunden Grenzbereiche des Lebens. Es handele sich um eine Art Thema dieser Zeit, nach Jahrzehnten, ja sogar Jahrhunderten des Ausweichens, der Fehlinterpretation durch Ärzte, Wissenschaft und mitunter auch der Patientinnen selbst, so beschreibt es Mary K. DeShazer. Die bekanntesten „Autopathographien“ in den USA sind die Bücher von Rose Kushner, Betty Rollin, Susan Sontag und die Krebstagebücher von Audre Lorde. Bis auf die Bücher von Rose Kushner sind sie sämtlich auch in deutschsprachiger Version vorhanden.

Krebsliteratur ist nicht zwangsläufig feministisch

In vielen Veröffentlichungen schwingen weder Ärger noch Wut, weder die Suche nach Umweltbelastungen und gesellschaftlichen Veränderungen noch Kritik an Therapien, die mitunter mehr Probleme als die Krankheit selbst verursachen können, mit. Vielmehr verhält es sich wie von Barbara Ehrenreich beschrieben: Erfahrungsberichte sind vielfach nur Bestandteil des heutigen ultrafemininen Marktplatzes, den Ehrenreich als Teil des krebsindustriellen Komplexes beschreibt. Dazu gehört, dass Brustkrebs, die zuvor stille Epidemie, heute viel Aufmerksamkeit in den Medien erfährt. Dafür sorgt schon der an die Medien gekoppelte Gesundheitsmarkt.

Visuelle Selbstrepräsentation

Es sind neue Formen der Autobiographie entstanden, fotografische Erinnerungen, die den Tod durch Krebs als visuelle Selbstrepräsentation oder Reise durch die Kontaminationen mit hormonellen Umweltschadstoffen aufarbeiten. Insgesamt, so DeShazer, erweitere die kritische Literatur den Horizont beim Blick auf Krebs und nötige angesichts der Stärke einzelner Stimmen Achtung ab.

Erkundet werden Erfahrungen, Repräsentation, Unterschiedlichkeit und Gemeinsamkeiten von Frauen mit afroamerikanischen, karibischen und kaukasischen Wurzeln sowie unterschiedliche multikulturelle, politische und umweltbezogene Ansätze sowie das unterschiedliche Publikum, die Leserinnen dieser Form von Literatur.

Die dunkle Seite des Lebens – Krebsliteratur aus feministischer Perspektive analysieren

Unter dieser Überschrift befasst sich DeShazer mit sozialen und historischen Zusammenhängen und der literarischen Bedeutung der hier besprochenen Literatur. Im Zeitraum zwischen 1960 und 2003 seien fünf Aspekte der Repräsentation auf den kranken Körper von Frauen zentral, nämlich medikalisiert, in der Funktion gestört, amputiert, mit Ersatz versehen und (nicht) sterbend. Bücher, die DeShazer hier unter die Lupe nimmt, sind die von Susan Sontag (dt. Krankheit als Metapher), Audre Lorde (dt. Auf Leben und Tod) und Jackie Stacey (Teratologies: A Cultural Study of Cancer, keine deutschsprachige Übersetzung vorhanden). Untersucht wird auch Mahasweta Devis Kurzgeschichte Breast Giver. Nach Devi und anderen indischen Vordenkerinnen (Gayatri Chakravorty Spivak) ist die Brust weit mehr als ein Symbol. Bei genauer Betrachtung der indischen Situation lassen sich eine Vielzahl harter sozialer Anklagen gegen ausbeuterische Sozialsysteme in Geschichten um die Brust, von denen Devi mehrere verfasst hat, ableiten. Breast Giver ist die Geschichte einer professionellen Amme, die die Kinder anderer Familien stillt und schließlich an einem schmerzhaften Brustkrebs, gleichsam an ihren Brüsten, die so lange Grundlage für ihre Hauptidentität und Existenz waren, stirbt. Bisher liegen jedoch nur einige von Devis Romanen in deutscher Übersetzung vor, nicht jedoch diese Erzählungen.

Eine alte Gleichung: Frau = Krankheit?

Susan Sontag, Audre Lorde und Rose Kushner stellen die Gleichung Frau = Krankheit offen in Frage. Sie hinterfragen die Pathologisierung des an Krebs erkrankten Körpers und untersuchen den Umgang mit Mastektomie, rekonstruktiver Chirurgie und „Brustersatz“. Außerdem dokumentieren diese Autorinnen die Stärke von Netzwerken und Selbsthilfe unter Frauen, die sich gesellschaftlicher Ächtung und dem Verständnis von tödlicher Krankheit als Strafe, u.a. unter Bezugnahme auf Foucault (Überwachen und Strafen), widersetzen.

Widerstand und Transformation

DeShazer beschreibt die konstante Kraft poetischer Sequenzen, von kurzen Meditationen bis hin zu langen Geschichten, die ganze Bücher füllen und deren Hauptthema Brustkrebs ist. Widerstand gegen die Krankheit sowie Transformation/Umwandlung im Zusammenhang mit dem Schock der Diagnose, dem Bild der Amazone als einbrüstiger Kämpferin, Auswirkungen der Mastektomie auf weibliche Körperbilder und Ambivalenzen im Zusammenhang mit Prothetik und Rekonstruktion oder symbolische Dimensionen von Narben sind hier ebenso Thema wie familiär-poetische Motive, ethische Konflikte und Rituale der Heilung. Die Autorinnen überwinden den Zustand von Klage und Demut in Widerstand und Wandlung, für sich selbst und als Energie, die sie an ihre Leserinnen weitergeben.

Krankheit und Freundschaft

Im Kapitel 4 Sterben ins Licht (Dying into the Light) geht es um tödliche Krankheit und den Mythos der Frauenfreundschaft in belletristischer Literatur. Die besprochenen Bücher liegen sämtlich auch ins Deutsche übersetzt vor und sind in zahlreichen Auflagen auch bei uns erschienen. Untersucht werden hier Anna Quindlen (Familiensache – Die Seele des Ganzen, 1997), Patricia Gaffney (Garten der Frauen, 1999), Elizabeth Berg (Die andere Hälfte des Glücks, 2003) und Jane Anne Philipps (MutterKind, 2001). DeShazer findet hier wieder viel Ultrafeminines: infantilisierte Frauen, Sentimentalität und den „Kult des wahren Frauseins“, nach dem Frauen rein, fromm, häuslich und gehorsam sein sollen, schwinge mit in diesen Werken, in denen die Freundschaft von Frauen mit Krebs bzw. die von Müttern und Töchtern idealisiert werde. DeShazer beschreibt dies, wiederum in Anlehnung an Barbara Ehrenreich, als pink Kitsch und Teil des amerikanischen Krebsmarktes: Diese Bücher verkaufen sich sehr gut und sie erreichen hohe Auflagen, auch bei uns.

Weitere Kapitel befassen sich mit Liebe, der Macht der Erotik und dem Tod in tragischer Verknüpfung, mit Theaterstücken, die die feministische Perspektive betroffener Frauen auf die Bühne gebracht haben und gesellschaftliche und kulturelle Auseinandersetzung auf diesem Weg ermöglichen.

Nach DeShazer verpuffen Aktivitäten und das Schreiben von Frauen mit Krebs nicht im leeren Raum, sie förderten vielmehr Veränderungen im kulturellen Umgang mit der Krankheit. Die Arbeiten unterstreichen danach die Kraft von Frauen, die sich auf diesem Wege der Opferrolle und den üblichen Schuldzuweisungen an die Opfer entziehen. Vernetzung, Widerstand und der Aufbau von Wissen bieten Möglichkeiten der Heilung, für betroffene wie nicht betroffene Leserinnen. Auch für Trauer und Erinnerung, für Respekt und Wertschätzung gibt es Raum darin, aber auch für Wut, Ärger, Angst und Verlust, die sie als notwendige Korrektive gegenüber gängigen Idealisierungen einstuft.

Lynda Hart gewidmet

Mary K. DeShazer hat ihr Buch Fractured Borders Lynda Hart (1953 – 2000), einer Englischprofessorin und bekannten Expertin für lesbische und feministische Theorie von der University of Pennsylvania, gewidmet. Lynda Hart starb an den Folgen von inflammatorischem Brustkrebs, nachdem bei ihr die Krankheit zwei Jahre zuvor als Früherkennung im Stadium 1 diagnostiziert wurde. Ihre Freundinnen waren sich zunächst sicher, dass sie zu denjenigen gehören würde, die gesund zumindest die ersten fünf Jahre überstehen, doch es kam anders.

Die Freundinnen richteten eine Mailingliste ein, um ihre Betreuung zu organisieren. Das, was folgen sollte, so die gemeinsame Erkenntnis, liefe tausendfach rund um die Erde für unzählige Frauen alljährlich ab. Lynda las nicht nur ihre buddhistisch-philosophischen Bücher, sondern auch viele Bücher von anderen betroffenen Frauen mit Brustkrebs, die ihr Inspiration und Kraft gaben, jene Bücher, mit denen sich DeShazer in Fractured Borders befasst. Lynda Hart rebellierte gegen sentimentale, simplifizierende oder heterosexistische Beschreibungen.

Literaturliste

Auswahl aus den Büchern, die Mary K. DeShazer in ihre Untersuchung einbezogen hat:

Gini Alhadeff: Diary of a Djinn

Maxie Bailey / Sharon M. Lewis: Sistahs (Theaterstück)

Rachel Carson: Silent Spring (dt. Der stumme Frühling)

Mahasweta Devi: Breast Giver

Margret Edson: Wit (dt. Geist, veröffentlicht als Manuskript und in verschiedenen Bibliotheken erhältlich, sowie 1999 in der Zeitschrift Theater heute erschienen)

Zillah Eisenstein: Manmade Breast Cancers

Rose Kushner: Breast Cancer: A personal history and an investigative report, Why me, Alternatives

Lisa Loomer: The Waiting Room

Audre Lorde: The Cancer Journals (dt. Auf Leben und Tod: Krebstagebuch)

Carole Maso: Ava

Susan Miller: My left Breast (Theaterstück)

Russell Rich, Katharine: The Red Devil (dt. Verflucht ich will leben)

Minot, Susan: Evening (dt. Hochzeitsnacht, Verfilmung unter dem Titel Spuren eines Lebens)

Reibstein, Janet: Staying alive. 2002 (Auseinandersetzung mit BRCA und prophylaktischer Mastektomie, Körperbild und Weiblichkeit)

Rollin, Betty: First you cry (dt. Dieses eine Leben)

Susan Sontag: Illness as Metaphor (dt. Krankheit als Metapher)

Sandra Steingraber: Living Downstream

Jackie Stacey: Teratologies: a cultural study of cancer

Winterson, Jeannette: Written on the Body (dt. Auf den Körper geschrieben, diverse Aufl. in dt. Sprache)

Fehlt

Ein Buch, das Mary K. DeShazer nicht in ihr umfassendes Werk integriert hat, ist Evelyne Accads „The Wounded Breast“, das ins Französische und 2015 auch ins Arabische übersetzt wurde. Accads fundamentale Beschreibung zerbrochener Grenzen, die die Parallelität von Krebs und Krieg einschließt und interkulturelle Aspekte berücksichtigt, fehlt bei DeShazer ganz, obwohl dieses Buch unzweifelhaft eines der wichtigsten im Kontext der Vielzahl der vorgestellten Titel ist.

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