Weiße Kittel – Dunkle Geschäfte: Im Kampf gegen die Gesundheitsmafia | Dina Michels

Rezension von Gudrun Kemper

Die Autorin

Dina Michels, Juristin mit Schwerpunkt Kriminologie und Master of Business Administration im Bereich Risiko- und Betrugsmanagement, ist Leiterin einer neunköpfigen Abteilung zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen bei der KKH, heute KKH-Allianz. Auf der Webseite stellt sich die KKH-Allianz als innovatives Dienstleistungsunternehmen vor, die zum „Wir-Prinzip“ steht. „Wir finden uns nicht mit der Starrheit und Ineffizienz des Gesundheitsmarktes ab. Wir denken quer und haben die Kraft, kundengerechte Lösungen durchzusetzen.“

Ein wichtiges Thema

Mutig und offen schaut die Autorin uns vom Umschlag ihres Buches und im Klappentext entgegen. Sie hat wichtige Themen aufgegriffen, die einer breiten öffentlichen Diskussion bedürfen. Wer ihr Buch gelesen hat, soll als Patient selbstbewusster auftreten und Ungereimtheiten schneller registrieren können. Michels will den LeserInnn helfen, die schwarzen Schafe im weißen Kittel zu erkennen. Doch „Weiße Kittel – Dunkle Geschäfte“, die Gleichung in Dina Michels Buch, bleibt eindimensional im „Kampf gegen die Gesundheitsmafia“. Beschreibungen vom Ausmaß der Raffgier und von enttarnten Betrügern, von Netzwerken gewissenloser Betrüger, Mafia, Kartellen, Betrug und Korruption oder Vetternwirtschaft im Gesundheitswesen reihen sich in Dina Michels Buch perlenkettenartig aneinander. Sie ist schockiert von der Dreistigkeit, mit der Ärzte ihre Patienten an Gesundheitshandwerker verschachern, und beschreibt Mediziner „mit vermeintlich guten Gründen fürs Tricksen und Täuschen, und das, obwohl sie nur selten von existenziellen Sorgen geplagt“ seien. Viele Krankenkassen würden immer noch nicht ausreichend ermitteln, so Michels. Wird die Krankenkasse der Zukunft zur Ermittlungsbehörde?

Abrechnungsbetrug

Jährlich fünf- bis zehntausend Fälle von Abrechnungsmanipulation mit steigender Tendenz bilden nach Schätzungen der Juristischen Fakultät der Universität Hannover zahlenmäßig den Ausgangspunkt für die Ermittlungen. Michels beschreibt die kriminellen Vorkommnisse personalisiert anhand von Einzelfallbeispielen, indem sie den Tätern Pseudonyme gibt. So geht es beispielsweise um Machenschaften zwischen Apotheken, Ärzten und anderen Leistungsanbietern, die sich in krimineller Weise durch Rezeptbetrug bereichern, oder um den Versuch, die Urlaubsfahrt mit dem Taxi bei der Krankenkasse abzurechnen, bis zur Frau ohne Krankenversicherung, die bei starken Zahnschmerzen die Versicherungskarte der Freundin klaut oder verkauft bekommt – was tatsächlich passiert ist, wird vielleicht nicht wirklich geklärt werden können.

Die KKH-Allianz bietet auf ihrer Webseite zum Thema „Betrug im Gesundheitswesen“ eine Präsentation aus dem Jahr 2006, die das Thema ebenfalls aufgreift. Im Buch werden die einseitig skandalösen Beschreibungen zumindest mir schnell langweilig und bleiben, auch durch eine wenig neutrale, eher reißerisch geprägte Sprache, was sie sind, abstoßend und schwer erträglich.

Menschen und Marktanteile

Michels schreibt, dass sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten in großen Teilen der Republik immer mehr Ärzte niedergelassen hätten, was den Kampf um Patienten und „Marktanteile“ verschärfe. Insbesondere im ambulanten Bereich, den die Autorin mit zunehmenden kriminellen Machenschaften in Zusammenhang stellt, lassen sich diese Wahrnehmungen jedoch nicht ohne weiteres bestätigen: Der Anstieg insbesondere bei Haus- und Fachärzten in der ambulanten Versorgung durch niedergelassene Ärzte erscheint eher marginal. Die Anzahl der Hausärzte in Deutschland ist in den sechs Jahren zwischen 2001 und 2006 um 700 gefallen, und während es 2001 noch 56.300 niedergelassene Fachärzte gab, waren es 2006 bereits 60.600 bundesweit (Quelle: Wikipedia Ärzte, Stand 1.10.2009, Abb.:  http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Entwicklung_%C3%84rzteschaft_BRD.png).

Der rapide Wechsel zu MVZs (sogenannten medizinischen Versorgungszentren) und mein Wohnort, der bevölkerungsreichste Bezirk in Berlin, führen mir zumindest gefühlt heute eine ganz andere Entwicklung vor Augen. Nichts ist spürbar vom „Kampf um Marktanteile“. Der „Markt“ in meiner Lebenswelt wirkt leergefegt. Die alten Ärzte schließen ihre Praxen. Jüngere Ärzte wandern ab und schließen ihre Praxen auch. Ich weiß noch, wo die Praxen waren, hier ein Kinderarzt, dort eine Internistin, ein Hausarzt, ein Zahnarzt. Es war einmal.

Aber zurück zu Dina Michels, die „Patienten als Selbstbedienern“ ein eigenes Kapitel widmet und Lösungen in „Versandapotheken für mehr Wettbewerb“ und „elektronische Gesundheitskarte“ als Rezept gegen den „gigantischen Selbstbedienungsladen“ beschreibt. Motiv bei Patienten sei nicht immer Not oder Geldgier, sondern beispielsweise auch Sucht. Doch auch Sucht ist eine Krankheit, und Zahlen oder wissenschaftlich gestützte Daten zum Betrug der Patienten an ihrem System der solidarischen Krankenversicherung, das Politik und Wirtschaft derzeit zum Gesundheitsmarkt umbauen, um legalen, legitimierten und profitorientierten Geschäften Tür und Tor zu öffnen, legt Michels nicht vor.

Zugang zu Gesundheitsversorgung: Solidarische Hilfeleistung war gestern

Ganz aus dem Blickwinkel fällt, dass Gesundheitsversorung in einer humanen Gesellschaft Menschenrecht für Jede(n) sein muss. „Häufig betrügen illegal eingewanderte Menschen, die Angst vor der Polizei haben. Wenn sie krank werden, versuchen sie sich mit den Karten von bereits hier lebenden Landsleuten behandeln zu lassen“, so Michels. In der Schweiz gibt es eine nationale Plattform, die sich für die Gesundheitsversorgung von Menschen ohne Papiere einsetzt und Anlaufstellen bietet. Allein in Berlin leben laut Schätzungen freier Wohlfahrtsverbände rund 100.000 Illegalisierte – Menschen!, ausgeschlossen von Kranken- und Pflegeversicherung. „In deutschen Praxen ließen sich die Angestellten neben der Chipkarte nur selten den Personalausweis zeigen. Die derzeit verwendeten Karten verfügten zudem nicht über ein Passbild, sonst könnten die Praxishilfen einen Betrug leichter erkennen. Unter anderem auch deshalb soll bald eine elektronische Gesundheitskarte eingeführt werden“, schreibt Michels weiter. Noch sind es kleine Gruppen, die es wagen, sich auch bei uns für Menschen ohne Aufenthaltstitel einzusetzen. Welche Gesellschaft erwartet uns in Deutschland, während wir juristisches Instrumentarium und elektronische Überwachung gegen die Gesundheitsversorgung kranker Menschen auffahren?

Gesundheitspoker

Je weiter ich lese, desto mehr stellt sich das Gefühl ein, hier wird der Wald bewusst von Bäumen ausgeblendet. Um unsere Gesundheit wird auf sehr viel höherer Ebene gepokert, und viele pokern mit. Patientengruppen, die in Wirklichkeit Industrieinteressen transportieren, Fachgesellschaften und Ärztefortbildungen, die von der Pharmaindustrie (mit)finanziert werden, intransparente Stiftungen und Vereine im Gesundheitsbereich, wohin man auch schaut, die von Marcia Angell beklagten Mondmedikamentenpreise für Medikamente bei „ethischen Indikationen“ (s. a. Bert Ehgartners “Schlussbilanz”), die ganz legal von den Versicherten an die multinationalen Pharmakonzerne gezahlt werden müssen, selbstverständlich mit vollem Mehrwertsteuersatz für „Vater Staat” (s. a. Arzneimittelpreise und Mehrwertsteuer in Europa). Und es wird auch nicht mehr nachgefragt. Die Schuldigen sind ja gefunden: Patienten, Ärzte, Apotheker – pauschal. Nicht Stimmungsmache oder anekdotische Einzelfallberichte sind gefragt, vielmehr fehlt eine grundlegende wissenschaftliche Ausarbeitung. Der Weg zum Querdenken geht anders.

Mehr Info:

Aktion zur Elektronischen Gesundheitskarte
Mehr zum Hintergrund der Elektronischen Gesundheitskarte

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