Unsensibel: Umgang mit dem Thema Frauen und Sexualität nach Krebs

Wege aus der Unlust? Form und Inhalt des Gesundheitstags Sexualität von Uni-Klinikum Tübingen und TAGBLATT am 3. April im Sparkassen Carré kamen nicht gut an.

Ein Leserinnenbrief von Irene Gust

Unlust war  das Thema des 1. Gesundheitstages im Sparkassencarré am 03.04.2014. Rüber kam aber leider eher Frust … Die Tatsache, dass auf dem Podium fünf Männer und nur eine Frau (Sexualtherapeutin und Gynäkologin) vertreten waren, setzte schon den Schwerpunkt des Abends.

Gedanken zu Gender

Die Botschaft, wie sie bei mir ankam:  Probleme mit der Sexualität gehören in die Hände von Gynäkologen! und Urologen! (Sexualtherapie wird nicht von den Kassen gezahlt,  ist also ein Privatvergnügen.) Ich wähle hier bewusst nicht die gendergerechte Form. Gendergerechte Sprache gab es an diesem Abend nicht. Das passte  auch irgendwie ins Bild, denn die sexuell frustrierte Frau wende sich doch bitteschön vertrauensvoll an den (väterlichen) Vertrauten, ihren Frauenarzt, wenn es mit der Lust nicht klappen sollte.

Verstörend wirkte auf mich auch Moderator Ulrich Janßen, der im ersten Teil der Veranstaltung, die eigentlich der weiblichen Sexualität gewidmet war, immer wieder Anfragen von Männern in die Runde einbrachte, die sich mit Erektionsstörungen oder Fragen zu Viagra befassten.

Vorgestellt wurden viele Klischees, Stereotype, kurz: ein extrem konservatives  Bild weiblicher Sexualität (Migräne, Mann denkt an Sex, Frau an Schuhe …). Negiert und ignoriert wurde vollständig, dass es oft auch Folgen gynäkologischer Operationen sind, die Frauen Unlust oder auch Impotenz bescheren. Ebenso wie hormonelle Verhütungsmittel,  prophylaktische Eierstockentfernung, Hormonentzug, Missbrauch, gesellschaftliche  Konventionen usw. usw. … das Spektrum möglicher Gründe ist weit.

Klar, es war ein „Gesundheitstag“, wobei für mich nicht wirklich vermittelt werden konnte, inwieweit Lust und Gesundheit hier zusammengehören.

Ist  es ungesund keine Lust zu haben?

Sollte Frau damit zum Arzt/ zur Ärztin oder diese(n) doch besser meiden und sich anderswo professionelle Hilfe suchen?

Sexualität ist ein weites Feld.

Ich hätte mir eine starke Frau auf dem Podium gewünscht, die Ihr Wissen um die weibliche Potenz und Sexualität deutlich rüber bringen, kritisch und reflektiert aufklären und die klare Hilfsangebote geben kann.

Kritische Nachfragen unerwünscht?

Kritische Nachfragen zu den häufigen gynäkologischen Operationen (1500 Gynäkologische OP´s, davon rd. 1100 Hysterektomien p.A. in der Tübinger Frauenklinik) waren auch eher unerwünscht.  Herr Dr. med. H. äußerte auf Nachfrage, dass 90% aller Frauen nach Gebärmutteroperationen bzw. Entfernungen glücklicher und zufrieden sind und keine Probleme mit der Sexualität hätten („Was vorher geklappt hat, klappt auch hinterher“).

Negativgruppe mit Ausnahmeerscheinungen als nicht „repräsentativ“ bezeichnet

Was ist mit den übrigen 10%?  Pech gehabt … Sie verkörpern  anscheinend die sog. Negativgruppe, also Ausnahmeerscheinungen, die sich nach seiner Einschätzung konzentriert in Selbsthilfegruppen wiederfinden und daher nicht repräsentativ sind.

In Deutschland werden im Schnitt pro Jahr ca. 130.000 Gebärmutterentfernungen vorgenommen (davon nur ca. 10% wegen bösartiger Erkrankungen). Es gibt ausreichend kritische Veröffentlichungen dazu, auch zu den möglichen Folgen (u.a. von Frau Dr. Barbara Ehret-Wagner). Wenn man nur von 10% Frauen ausgeht, die laut Dr. H. nach der Operation sexuelle Probleme haben dürften, dann sind das pro Jahr doch mal eben 13.000 Frauen. Da würde ich nicht von Randgruppe sprechen. Und die tatsächliche Anzahl derjenigen mit Problemen ist erheblich höher, da auch weibliche Impotenz und sexuelle Einschränkungen ein Tabuthema sind.

Keine Frage, es ist sinnvoll, einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen, wenn die sexuelle Problematik  organische Ursachen hat und sich diese mit einer notwendigen Operation oder einem Medikament beheben lässt.

Mein Fazit zu dieser Veranstaltung:

Der erste Teil, der sich mit den weiblichen Sexualitätsstörungen beschäftigen sollte,  gab mir keinerlei nennenswerte Erkenntnisse, den zweiten Teil nach der Pause habe ich mir dann erspart. Für mich war der einzig berührende Moment des Abends, als eine Frau aus dem Publikum eine Frage einbrachte: Kann eine Krankheit dahinter stecken, wenn ich überhaupt nichts empfinde?

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Extrem konservativ – der gekürzte Leserinnenbrief auf der Webseite des Schäbischen Tagblatts

Buchtipp

Edith Schuligoi: Frauenkastration – Leben nach dem Verlust von Eierstöcken und Gebärmutter

 

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