Tödliche Ernte: Wie uns das Agrar- und Lebensmittelkartell vergiftet

Tödliche Ernte - Wie uns das Agrar- und Lebensmittelkartell vergiftet

 

Tödliche Ernte: Wie uns das Agrar- und Lebensmittelkartell vergiftet

von Richard Rickelmann
Berlin: Econ 2012

ISBN 978-3-430-20125-4

Buchbesprechung von Gudrun Kemper

Der Autor

Richard Rickelmann, Mitbegründer der Alexandra-Lang-Stiftung für Patientenrechte, hat die Stimme von Kerstin Ostmann, einer jungen Frau, die an den Folgen von Brustkrebs gestorben ist, bewahrt und sie auf ihrem schweren Weg begleitet (Buchbesprechung unter Entmystifizierung, Wegweisung: Das Kerstin Ostmann-Buch). Der Journalist (Stern, Spiegel), der nicht aufgibt, setzt sich nicht nur für die Verbesserung von Patientenrechten ein. Sein neues Buch geht den Versprechungen von Gentechnik gründlich auf den Grund. „Tödliche Ernte“ von Richard Rickelmann ist ein existentielles Buch, das alle betrifft. Es befasst sich mit dem „Giftigen Geheimnis auf unseren Tellern“ (umfängliche Buchbesprechung von Thorsten Giersch, Handelsblatt, 21.05.2012). Patente und damit „Besitzrechte auf alles, was wächst“ (S. 143) und die Zusammenarbeit von multinationalen Konzernen und Politik zum Nachteil von Mensch und Tier werden in den profitorientierten Ketten der Verantwortungslosigkeit im Detail beleuchtet. Nahrungsmittelindustrie, Biotechnologie und die Subventionierung von Großgrundbesitzern sorgen dafür, dass all die „Kleinen“, die uns gesund ernähren könnten, am ausgestreckten Arm verhungern müssen (s. dazu S. 207). Nahrung, Lebensmittel aber sind lebenswichtig, Ernährung und Krankheit sind untrennbar miteinander verknüpft: Zeit, nicht länger wegzuschauen.

Ungesunde systemische Parallelen erkennen

Bereits die Einleitung, in der es um den verhängnisvollen Filz von Verbänden, Funktionären, Lobbyisten und Geldflüssen geht, lässt Parallelen offensichtlich werden. Sie erinnern an das Gesundheitswesen – Privatisierung medizinischer Einrichtungen, mondpreisige Medikamente, Verschlechterung der Arbeitsbedingungen von alle im Gesundheitswesen Arbeitenden bis hin zu unseren ÄrztInnen, denn auch hier

“bestimmen die Begehrlichkeiten einer einflussreichen Minderheit in der […] Industrie die Richtung der […] Politik, und deren Vorgaben macht die Bundesregierung zur Richtschnur ihrer Entscheidung“.

Alles was krank macht

Ist Banane gesund? Ecuadorianische Bananen würden unter „katastrophalen Arbeitsbedingungen“ produziert, kontaminiert mit hochgiftigen Chemikalien, Pestiziden, die auf dieser Webseite als endokrine Disruptoren und Verursacher von Krebs und Brustkrebs beschrieben werden. Calixin, in der EU verboten, per Flugzeug über die Plantagen verteilt, schädige die Embryos der Arbeiterinnen. Unser Unwissen hierüber beeinträchtigt den Appetit auf die „Gift“-Bananen bisher kaum. Hier fordert Oxfam-Expertin Franziska Humbert, das System der Ausbeutung zu beenden. Rickelmann beschreibt dies als rücksichtslose Marktmacht der Konzerne, die als Neokolonialisten agierten, nicht nur in Ecuador (S. 14).

In der Medizin sind in der vergangenen Dekade eine Reihe ethischer Diskussionen zu Forschung und Verwertung geführt worden, bei denen es ebenfalls um sehr viel Geld geht. Für Rickelmann steht fest, dass die unermessliche Gier nach Größe, Gewinnen und Macht und eine verantwortungslose Subventionspolitik Strukturen wuchern lässt, die wiederum fatale Parallelen zu den Zockereien der Banken aufweisen (S. 15). Das Buch bringt drastisch auf den Punkt, was Sache ist, etwa „Folterhaltung“ und „Qualzucht“ bei Tieren – aus Rücksicht auf die Lobbymacht der Industrien.

Wichtig: Kritische VerbraucherInnen

Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind in Deutschland nicht zugelassen. Doch rund sechs Millionen Tonnen gentechnisch verändertes Soja werde jährlich hierher importiert. Es lägen bereits Studien vor, die gesundheitliche Schäden an Mensch und Tier zeigen konnten. Kühe erhielten überwiegend „Gensoja“ als Futter (S. 36) und die großen Einflüsterer der Bundesregierung seien die Vertreter der Gentechnikkonzerne wie BASF, Bayer, Monsanto, Syngenta (Novartis), Dupont oder Dow.  Auf den Sojafeldern werde das Monsanto-Herbizid Glyphosphat eingesetzt, das menschliche Embryonal- und Plazentazellen schädige (S. 40), während es Untersuchungen zu den Rückständen im Soja nicht gebe. Rickelmann spricht vom leichtfertigen Glauben an die Industrie, die unsere Nahrungsmittelsicherheit gefährde und uns abhängig mache. Er verweist darauf, dass der Verbrauch von Pesitiziden bei gentechnisch verändertem Soja weit höher sei als bei herkömmlichem, ein doppelter Grund, entsprechende Produkte an den verschiedenen Stellen der Nahrungskette möglichst strikt zu meiden.

Gewarnt wird auch vor Fisch. Die inzwischen überwiegend aus Aquakulturen stammenden Fische seien belastet mit Antibiotika, Pestiziden und Desinfektionsmitteln. Noch schlimmer seien  die Zustände  in der  Geflügelmast und -zucht. Rickelmann verweist hier auf die unermüdliche Aufklärungsarbeit von Greenpeace, BUND, NaBu, Oxfam, Foodwatch oder Provieh, die sich seit Jahren bemühten, die VerbraucherInnen zu einem kritischeren Einkaufsverhalten anzuhalten.

Nahrungsmittel, Macht und Geld

Die Kumpanei mit der Nahrungsmittelindustrie habe dem Bauernverband viel Machtzuwachs gebracht. Bei der Beschränkung auf bäuerliche Interessen wäre dies nicht möglich gewesen. Die seit 2002 bestehende europäische Behörde EFSA (European Food Safety Authority, Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) habe ihre Prüfstandards für gentechnisch veränderte Produkte vom International Life Science Institute (ILSI) übernommen. ILSI werde finanziert von Monsanto, BASF, Bayer, Nestlé und weiteren Firmen; das Institut agiere im Interesse der Industrie gegen strengere Prüfkriterien für genetisch veränderte Pflanzen.  Besonders wichtig sind auch die Einblicke zu Subventionslügen, Funktionsmillionären, Steuergeschenken für Großgrundbesitzer usw.  Der Inhalt dreht sich um alles, was uns schadet, was uns krank macht, was uns verarmt und was unser Leben und das unserer Kinder auf diesem Planeten nachhaltig gefährdet.

Fazit

Rickelmann knüpft an Marie Monique Robin aus Frankreich (Mit Gift und Genen, DVA-Sachbuch 2009, arte-doku Unser tägliches Gift) und Jonathan Safran Foer aus New York (Tiere essen, KiWi 2010) an und fügt notwendige Einblicke und Schlüsselinfos aus unserer Perspektive in Deutschland hinzu. Die

„umsatzstarken Agrarriesen werden zu einer zunehmenden Bedrohung demokratischer Gesellschaften“ (S. 290),

erklärt Rickelmann im Nachwort. Rund 160 Bürgerinitiativen haben inzwischen bundesweit das Thema aufgenommen, s. Stichwort Aufklärungsarbeit oben. Es wird noch sehr viel mehr Druck notwendig sein, wenn sich wirklich etwas ändern soll. „Tödliche Ernte“ bietet notwendige Informationen dazu.

Bildnachweis: c Econ Verlag, mit freundlicher Genehmigung

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