The Idiot Cycle: Die Spirale von Krebsentstehung und Profit

von Gudrun Kemper

„Chemiekonzerne wollen, dass wir uns hilflos fühlen – nicht Protest“, sagt Emmanuelle Schick Garcia in einem Interview in The Ecologist im September 2010. Für die Umweltdesaster, die sie anrichten, bezahlen viele – mit ihrer Gesundheit, und manchmal mit dem Leben …

Mittlerweile konnte wissenschaftlich bewiesen werden, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Chemieprodukten und dem Auftreten von Krankheiten wie Krebs, Unfruchtbarkeit, degenerativen Erkrankungen des Nervensystems und Allergien gibt“, so die Position des Standing Committee of European Doctors (Ständiger Ausschuss Europäischer ÄrztInnen) aus dem Jahr 2005.

Deutlicher formuliert dies der Titel des Films The Idiot Cycle (wörtlich übers. etwa: “Kreislauf für Idioten”).

Produziert wurde der Film von der in Frankreich geborenen spanisch-kanadischen Filmemacherin wikipedia Emmanuelle Schick Garcia gemeinsam mit Laila Tahhar, einer in Paris geborenen Tochter marokkanischer Eltern, die an der Sorbonne zunächst einen B.A. in Wirtschaft und schließlich zwei Masterabschlüsse (Finanzwesen und Audivisuelle Medien) ablegte.

Die Selbstdarstellung von Industrievertretern ist freilich eine andere: Es gibt nur wenig direkte Beweise für verbreitete Schäden an Gesundheit oder Ökosystem durch die Verwendung künstlich hergestellter Chemikalien“ (“There is little direct evidence of widespread ill health or ecosystem damage by the use of man-made chemicals”, s.a. Bursting the Brussels Bubble, Alter-EU 2010, ISBN 978-90-9025327-5, S. 47) schreibt Alan Perroy als Vertreter der europäischen chemischen Industrie in einem Brief an die Mitglieder des Europäischen Parlaments im Jahr 2001.

Die Filmemacherinnen beginnen ihren Film, in dem der Auseinandersetzung mit Dioxin viel Raum eingeräumt wird, mit der Erzählung eines Märchens: Es war einmal ein König, der eine Menge Gold in seinem Reich angehäuft hatte. Seine Untertanen waren sehr arm. Sie hatten nicht einmal Land für den Anbau von Nahrungsmitteln. Als die Menschen zu hungern begannen und sahen, wie ihre Familien zugrunde gingen, wurde ihnen langsam klar, dass sie nichts mehr verlieren konnten. Sie stürmten die Burg und fanden den König in einem großen Raum, wo er neben seinem Hügel aus Gold kauerte und bettelte, es nicht zu stehlen. Die Untertanen nahmen das Gold nicht. Aber sie verließen den Raum und verschlossen den König im Inneren mit den Worten: “Jetzt wirst du in der Lage sein, den wahren Wert deines Goldes kennenzulernen.” In einem Raum ohne Wasser, Luft oder die Nahrung gefangen, realisiert der König die Nutzlosigkeit des Goldes.

Dieses Märchen wurde auch eine Inspiration für den Film „The Idiot Cycle“.Es ist ein Film über Krebs. Mit ihrem Film dokumentieren die beiden Frauen der Spirale der Profitmaschinerie der weltweit größten Hersteller chemischer Stoffe:

BASF
Dow Chemical
Bayer

DuPont
AstraZeneca
Monsanto.

Sie berichten, wie die Chemiekonzerne, die krebserregende chemische Stoffe herstellen und in Umlauf bringen, auch Krebstherapien entwickeln, herstellen und in diesen Markt investieren. Krebs, die profitabelste Krankheit auf unserem Planeten.

Heute werden wir mit 18 Millionen künstlich hergestellten Chemikalien bombardiert, heißt es weiter auf der Homepage zum Film. Viele davon seien in der Umwelt bereits neue Verbindungen eingegangen und bildeten damit wieder neue Chemikalien. Nur für wenige Tausend dieser synthetischen Chemikalien gibt es bisher vollständige toxikologische Profile. Keine Regierung der Welt weiß, welche Chemikalien in Verbraucherprodukten verwendet werden und was sie in welchen Mengen enthalten. „Zum ersten Mal in der Geschichte der Welt ist jetzt jedes menschliche Wesen vom Moment der Empfängnis bis zum Tod gefährlichen Chemikalien ausgesetzt.“ Das schrieb bereits die Biologin und Zoologin wikipedia Rachel Carson (1907-1964), die mit  ihrem Buch wikipedia Silent Spring die wissenschaftliche  Ausgangsbasis für die weltweite Umweltbewegung erarbeitete.

Aktuell lancieren die chemischen Unternehmen mit einer ganzen Batterie von Strategien biotechnologische Verfahren. Die nächste “innovative” Grenzüberschreitung ist vollzogen, so wie bei den synthetischen Chemikalien vor einem halben Jahrhundert. Die Unternehmen entwickeln, produzieren und vermarkten jetzt mit viel Medienrummel u.a. gentechnisch veränderte Pflanzen, deren langfristige gesundheitliche Auswirkungen auf Krebs nie getestet wurden. Von diesen werden wir eines vielleicht nicht all zu fernen Tages einmal feststellen, dass sie eben doch nicht ganz so unbedenklich sind, wie man uns heute glauben machen will.

In The Ecologist vom September 2010 berichtet Emmanuelle Schick Garcia außerdem über die Verbindungen von Chemiekonzernen mit Organisationen wie der Weltgesundheitsbehörde WHO und der International Agency for Research on Cancer IARC, die VerbraucherInnen unabhängige Informationen über Krebsrisiken vorenthalte, wie sie feststellt. Ihr Film dokumentiert so weitere Beispiele, wie öffentliche Interessen durch Public Private Partnerships und Interessenkonflikte gefährdet werden, während es am politischen Willen und auch am industriellen Druck scheitert, diese Umstände nachhaltig zu korrigieren.  

Schick Garcia erklärt in The Ecologist auch, was mit dem unverblümten Titel „The Idiot Cycle“ gemeint ist: Wir schaffen uns selbst Probleme, aber Wirtschaft und Regierungen wollen sich nicht mit den Ursachen der Probleme auseinandersetzen. Es sei zu kompliziert und unser gegenwärtiges Wirtschaftsystem profitiere nicht davon, wie bei den wikipedia gentechnisch veränderten Organismen (sog. GMO) zum Beispiel. Hier ginge es um wissenschaftliche Manipulationen. Sie seien überflüssig, aber die beabsichtigten oder unbeabsichtigten Folgen würden neue Probleme schaffen. Die Wirtschaft dagegen sähe auch Risiken mehr als neue Geschäftsfelder denn als Probleme. Für die VerbraucherInnen sei das alles nicht vorteilhaft, für die Konzerne jedoch sehr profitabel. Ein anderes Beispiel sei die Umweltverschmutzung. Die gleichen Konzerne, die die Umwelt verschmutzten, machten Profite mit der Reinigung der Umwelt, weil ihre Chemikalien (Asbest z.B.) nicht ausreichend getestet würden, bevor sie auf den Markt kämen.

Konzerne profitierten doppelt, während wir alle es so weiter laufen ließen – die immer gleiche Spirale mit wechselnden Produkten. Ein Beispiel dieser Art ist auch die Herstellung des Wachstumshormons rBGH, das zur Steigerung der Milchproduktion bei Kühen eingesetzt wird. Über die Nahrungskette aufgenommen, kann das Hormon Krebswachstum im Menschen begünstigen. Der Hersteller von Krebsmedikamenten, der multinationale Pharmakonzern Eli Lilly, den Breast Cancer Action gerade mit einer Petition stoppen will –  wir haben berichtet – vermarktet alle drei: Produkte, die Krebs auslösen können, Produkte, die Krebs vorbeugen sollen, und Produkte die Krebserkrankungen heilen sollen.

Synthetische Chemikalien und gentechnisch veränderte Organismen haben inzwischen auch bei uns den Markt erreicht,

  • ohne dass ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit durch toxikologische Studien belegt wäre,
  • ohne ausreichende staatliche Vorschriften und
  • ohne öffentliche Zustimmung.

Die Konzerne testeten ihre Produkte in der gesamten Bevölkerung, Teil der Spirale des kranken Kreislaufs, so die Filmemacherinnen.

Zu Dioxin stellt Emmanuelle Garcia in The Ecologist weiter fest, dass sehr viel mehr Dioxin in Gebrauch sei, als die Regierungen der Öffentlichkeit gegenüber zugäben. Die Quellen dieser Dioxinbelastungen seien, abgesehen von städtischen Müllverbrennungsanlagen und Verbrennungsanlagen in Krankenhäusern etc., eben wieder die sechs wichtigsten Chemieunternehmen. Gefahren würden heruntergespielt, während die breite Öffentlichkeit auf dem Standpunkt stehe, dass das Problem gar nicht existiere, da es so lange bereits verschwiegen, verharmlost, heruntergespielt worden sei.  Auch weist Schick Garcia darauf hin, dass öffentliche Proteste es zumindest in Europa geschafft hätten, gentechnisch veränderte Organismen wenigstens einige Jahre vom Markt fern zu halten. Politiker fürchteten diesen Druck, aber für demokratische Verhältnisse sei diese öffentliche Debatte lebensnotwendig. Zum Aspekt, ob vergleichsweise die Frage zu GMOs nicht in den Hintergrund rücke vor der Tatsache, dass einige wenige äußerst leistungsfähige multinationale Konzerne allein das weltweite Nahrungssystem damit kontrollierten, meint Schick Garcia, dass Umweltschützer und Landwirte der Industrie mit ihren Protesten nur in die Hände gespielt hätten. Die Industrie würde immer erklären, man könne ja etwas anderes kaufen als beispielsweise gentechnisch manipulierte Nahrungsmittel. In unseren Läden würden wir hunderte von Produkten sehen, so dass für die Problematik bei den meisten StädterInnen, die gar keine Kontakte zur Landwirtschaft mehr hätten, keine Sensibilität gegenüber der Problematik bestünde. Gefahren für die eigene Gesundheit oder die der eigenen Familie würden nicht in Relation gesetzt.

Aber die Frage nach Gesundheit sei schwer zu ignorieren. Jede/r kenne jemand mit Krebs, jede/r wolle sich selbst und seine Angehörigen davor schützen. Darum werde die öffentliche Diskussion von industrieller Seite konsequent vermieden bzw. in eine andere Richtung gelenkt. Im Falle von Brustkrebs läuft diese umgelenkte Diskussion zu industriellen Errungenschaften, neuen Medizingeräten, Therapien etc. auf Hochtouren, während die Fragen nach Krankheitsursachen, abgesehen von genetischen Ansätzen, vernachlässigt bleiben. Es gäbe zwar Menschen und Organisationen, die seit Jahrzehnten gegen Chemikalien und Gifte aktiv seien und sich auch weiterhin damit beschäftigten, doch im Mainstream der Medien blieben sie unerwähnt, es bestünde kein Interesse am Thema.

Nach Alternativen befragt, wie das Ausmaß der chemischen Gifte zu vermeiden sei, meint Schick Garcia, es sei das Beste, im eigenen Garten zu beginnen. Produkte mit Inhaltsstoffen, die suspekt sind, sollten wir unter keinen Umständen kaufen, Wasser und Essig reichen als Reinigungsmittel aus. In den Schatten zu gehen, statt Sonnencreme zu verwenden, ist eine weitere Empfehlung, die Produkte enthielten teilweise Nanotechnologie und einige davon seien krebsauslösend.

Autarker ist besser für die Gesundheit – und das Bankkonto.

Emmanuelle Schick Garcia

Emmanuelle Schick Garcia, Quelle Wikipedia, Creative Commons 3.0

Nach der Lösung befragt, aus diesem Kreislauf auszubrechen, beschreibt Emmanuelle Schick Garcia, dass sie selbst Einiges unternommen hat: Zunächst hat die Filmemacherin sich vom Auto, dem Fernseher, der Geschirrspülmaschine und dem Wäschetrockner getrennt, Reinigungsprodukte verändert, dann einen Garten angelegt und zuerst ihre Familie und dann die Freunde überzeugt, es ihr nach zu tun … Der Anfang brauche Zeit, aber wenn man einmal begonnen habe, ginge es leichter und leichter. Massenproteste seien es, definitiv, und: Spenden einstellen an Wohltätigkeitsorganisationen im Zusammenhang mit Krebs, aufhören, Menschen mit Interessenkonflikten zu wählen. „Wir haben täglich so viele Möglichkeiten.“ (We have so many opportunities every day.)

„Werden die gleichen Fehler wieder und wieder gemacht, ist es Zeit, über die Möglichkeit nachzudenken, dass sie überhaupt gar keine Fehler sind.“ (Naomi Klein, The Shock Doctrine – zitiert nach der Webseite The Idiot Cycle – About the Film.) Deutlicher als das Filmplakat kann man kaum werden. Das Versuchstier um Hamsterrad ist tot.

Weiterlesen

The Idiot Cycle (Filmplakat)

The Idiot Cycle (Filmplakat)

Gehört werden – Petition unterzeichnen:
http://www.thepetitionsite.com/1/european-mandatory-long-term-health-testing/

Die Spirale stoppen (japanesepopsongs.com ist die zu 100% von solarpower gehostete Webseite von Schick Garcias Filmproduktion):
http://www.japanesepopsongs.com/idiotcycle/stop_the_cycle.html

Weitere Videoclips aus dem Film:
http://www.japanesepopsongs.com/idiotcycle/bonus_clips.html

Facebook zum Film checken, mehr Info, Fotos, noch mehr Videos:
http://www.facebook.com/pages/JPS-Films/110677360257

Dem Film bei Twitter folgen:
http://twitter.com/jpsfilms

Berichte zum Film lesen:
http://www.japanesepopsongs.com/idiotcycle/press.html

Pressematerialien zum Film downloaden:
http://www.japanesepopsongs.com/idiotcycle/downloads/Idiot%20Cycle_Press_Kit.pdf

Poster verteilen:
http://www.japanesepopsongs.com/idiotcycle/downloads/idiot_cycle_poster.pdf

Fernsehsender anschreiben (deutsche / französische Fassung BITTE!):
http://www.arte.tv/de/alles-ueber/Kontakt/2153474.html

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