Tamoxifen und Paroxetin: Brustkrebssterblichkeit erhöht sich bei kombinierter Einnahme dramatisch

Paroxetine und andere Medikamente<br /> im Cocktail von Jackal1 (CC 2.0)

Paroxetin und andere Medikamente
im Cocktail von Jackal1 (CC 2.0)

Unter dem als Antidepressivum verordenten verschreibungspflichtigen Medikament Paroxetin steigt die Brustkrebssterblichkeit deutlich an, wie eine gerade im British Medical Journal veröffentlichte Untersuchung gezeigt hat. Das als Generikum („No-Name-Präperat“) bzw. unter den Handelsnamen Paroxat, Seroxat, Tagonis, Paroxedura, Parolich oder Paroxalon verkaufte Medikament sollte nicht eingenommen werden, wenngleichzeitig das Brustkrebsmedikament Tamoxifen eingenommen wird. Unter den beiden Medikamenten entstehen möglicherweise Wechselwirkungen, die eine Gefährdung für Frauen mit Brustkrebs bedeuten.

Catherine Kelly und Mitarbeiter vom Institute for Clinical Evaluative Sciences (ICES) in Toronto, Kanada berechneten das Risiko: Eine Behandlung über 41 Prozent der Zeit der Tamoxifen-Einnahme verursacht einen zusätzlichen Todesfall innerhalb von fünf Jahren pro 20 Frauen mit der genannten Medikation. Dauert die Paroxetin-Einnahme länger, steigt das Todesrisiko sogar noch an.

Daten von 2.430 Frauen im Alter über 65 Jahren, die in den Jahren 1993 bis 2005 eine medikamentöse Brustkrebstherapie mit Tamoxifen erhielten, wurden statistisch ausgewertet. Etwa 30 Prozent der Patientinnen bekamen gleichzeitig von ihren Ärzten ein entprechendes Antidepressivum verschrieben. Dies sei „nicht ungewöhnlich“, da die Krebserkrankung und die „klimakterischen“ Nebenwirkungen von Tamoxifen zu einer depressiven Verstimmung führen könnten.

Ein Vorteil bzw. die Arzneimittelsicherheit für die Einnahme dieser Medikamentenkombinantion war offensichtlich im Vorfeld dieser Therapien nicht belegt. Das Deutsche Ärzteblatt schrieb: „Bei einer Paroxetineinnahme über die gesamte Dauer der Hormonbehandlung von in der Regel fünf Jahren betrug diese „Number needed to harm“ (Anzahl der Frauen, die einen Schaden unter der Therapie erleiden) sogar nur 6,9.“ In Deutschland wurde die Warnung auch auf das ähnlich wirkende Medikament Fluoxetin ausgedehnt.

Wer stellt Medikamentensicherheit für Frauen mit Brustkrebs sicher?

Die Ergebnisse werfen erneut Fragen nach der Sicherheit bei den zahlreichen Medikamentencocktails auf, die Frauen mit Brustkrebs verordnet werden. Die zuständigen deutschen Einrichtungen für Arzneimittelsicherheit wie etwa das BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) oder das IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) haben bisher keine Warnungen für Frauen mit Brustkrebs und ihre ÄrztInnen herausgegeben. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) und die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft (DPhG) haben am 03.03.2010 immerhin eine Stellungnahme abgegeben und fordern weitere Studien. Ob sie sich dabei vorstellen, dass erkrankte Patientinnen sich in diesen Studien den bekannt gewordenen Risiken freiwillig aussetzen? Ebenso empfehlen sie den Griff zu weiteren Antidepressiva – und zwar ohne dass nicht-medikamentöse Alternativen diskutiert werden. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft und die Bundesärztekammer haben bisher keine Informationen bereitgestellt. Wer wird im Interesse von Patientinnen Verantwortung übernehmen?

Weiterlesen

Test: Brustkrebs – Vorsicht bei Tamoxifen und Paroxetin Stiftung Warentest

Tödliche Wechselwirkung: Antidepressiva schwächen Tamoxifen Deutsches Ärzteblatt

Originalveröffentlichung: (pdf) Selective serotonin reuptake inhibitors and breast cancer mortality in women receiving tamoxifen: a population based cohort study, BMJ 2010;340:c693

Pressemeldung des ICES: Popular antidepressant blocks the life-saving benefits of tamoxifen in breast cancer patients

Pressemeldung des Britisch Medical Journal (BMJ): Popular antidepressant blocks the beneficial effects of tamoxifen in breast cancer

Bericht zur Stellungnahme von AMK und DPhG im Internetportal der Deutschen Apotheker Zeitung: „Tamoxifen nicht gleichzeitig mit Paroxetin und Fluoxetin einsetzen!“

Nachtrag

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM, Risikomeldung vom 03.11.2010: Tamoxifen: Wechselwirkung mit CYP2D6-Inhibitoren
Zitat: „Da ein reduzierter Effekt von Tamoxifen nicht ausgeschlossen werden kann, sollte eine gleichzeitige Gabe von starken CYP2D6-Inhibitoren möglichst vermieden werden. Zu den starken CYP2D6-Inhibitoren zählen Paroxetin, Fluoxetin, Chinidin, Cinacalcet und Bupropion.“

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