Von der Selbsthilfe zum Selbstschutz

Neulich im Brustzentrum ...  ein Selbsthilfe-Comic

Neulich im Brustzentrum … ein Selbsthilfe-Comic

Selbsthilfe – im juristischen Sinne  – nach BGB, dem Bürgerlichen Gesetzbuch, ist ausnahmsweise zulässig, wenn „obrigkeitliche Hilfe“ nicht rechtzeitig zu erlangen ist (Wikipedia Selbsthilfe (Recht)). Oft geht es bei Selbsthilfe um die Verteidigung von Besitz. Unser Leben ist unser kostbarster Besitz.

Selbsthilfegruppen  sind „Zusammenschlüsse von Menschen, die ein gleiches Problem oder Anliegen haben und gemeinsam etwas dagegen bzw. dafür unternehmen möchten. Typische Probleme sind etwa der Umgang mit chronischen oder seltenen Krankheiten, mit Lebenskrisen oder belastenden sozialen Situationen“ (s. Wikipedia  Selbsthilfegruppe).

Was kann Selbsthilfe leisten?

Auch an „Zertifizierungen“ und „Qualitätskriterien“ für Selbsthilfe ist in den vergangenen Jahren ernsthaft gearbeitet worden, um im Meer der Vielfalt Steuerungsmechanismen für die Mächtigen zu finden. Noch in den Anfängen der Selbsthilfebewegung schien Selbsthilfe ein Synonym für   „Unabhängigkeit“ zu sein.  Heute geht es verstärkt um Verteilungskämpfe. Selbsthilfe, und dabei besonders einzelne Gruppierungen, die sich mit Brustkrebs befassen, haben in jüngerer Zeit auch ein anderes Image geprägt, weil sie sich beispielsweise von „Big Pharma“ (globalen Pharmakonzernen) sponsern lassen. 1 Das ist ein Problem, weil in der Selbsthilfe zu Brustkrebs auch die Auseinandersetzung mit Medikamenten, ihren Wirkungen und Nebenwirkungen, eine kaum zu unterschätzende Rolle spielt.  Einzelne extrem überteuerte Medikamente zur Behandlung von Krebs haben überdies lebensgefährliche Nebenwirkungen, keine lebensverlängernden Wirkungen und unter mitunter falschen Versprechungen wie „Heilung“, „Lebensqualität“ und fragwürdiger „Lebensverlängerung“ wird ihre Finanzierung dem „Solidarsystem“ überlassen, auf dass es untergehe. Und Selbsthilfe schweigt (mehrheitlich), sogar gesetzliche Krankenkassen schweigen. Gesetzliche Krankenkassen, die zur Selbsthilfeförderung gesetzlich verpflichtet sind, sorgen sogar dafür, dass einzelne massiv gesponserte Gruppierungen noch mehr Geld aus den von der Solidargemeinschaft aufgebrachten Mitteln erhalten. 2

Selbsthilfe in Zeiten des politisch forcierten Sozialabbaus, im neoliberalen Sinne ausgelegt, beinhaltet verschiedene Risiken, beispielsweise „das Risiko, dass Menschen sich selbst überlassen werden.“ 3 Gern benutzt wird heute auch gern der Begriff des „Empowerment“. „Hilfe zur Selbsthilfe“ als Ressource die scheinbar nichts kostet, wird „bruchlos in neoliberale Denkgebäude eingemeindet“. 4 So ist Brustkrebs-Selbsthilfe heute mitunter Werbeträger für medizinische Einrichtungen, Beigabe für „Infotainment“ zum Thema Brustkrebs, Mitgestalterin von industriell finanzierten Marketingevents. 5 Die Instrumentalisierung der „Brustkrebsselbsthilfe“ in Deutschland – oder Europa oder den USA – als Plattform für Pharmawerbung, Werbung für gesetzliche Krankenkassen, Produktwerbung aller Art und nicht zuletzt zur politischen Durchsetzung medizinisch-industrieller Interessen wird Forschungsgegenstand noch für viele Jahre bleiben.

Vermeidung ist die Heilung („Prevention is the Cure“)

Von einer Chemikalie zur anderen - Krebs, das individuelle Schicksal?

Von einer Chemikalie zur anderen – Krebs, das individuelle Schicksal?

Unzählige Projekte, die bereits über die letzten Dekaden hinweg aufgebaut wurden, verweisen zumindest im angloamerikanischen Sprachraum auf den notwendigen Richtungswechsel, nämlich dass die Vermeidung von Krankheiten Priorität haben muss.  Nur hierzulande hat sich an der Haltung, dass die Therapie der Weg ist, bisher zumindest was Fachgesellschaften und Charities betrifft, nichts Grundsätzliches geändert.

Von Brustkrebs betroffene Frauen haben relevante Anliegen. Sie gehören nicht unter den Teppich gekehrt. Sie gehen alle an. Tatsächlich vorhandene, das Leben von Frauen in vielfältiger Weise bedrohende Missstände müssen beseitigt werden. Immerhin 123 Frauen haben sich im Jahr 2010 an ärztliche Schlichtungsstellen wegen Fehlbehandlungen gewandt. 6 Wer redet über sie? Frauen mit Brustkrebs wurden minderwertige Silikonimplantate eingesetzt. 7 Wen interessiert das daraus resultierende Leiden heute überhaupt noch? Frauen sterben in der Folge von Brustkrebstherapien, noch bevor der Krebs tödlich verläuft. Wer zählt sie? Was ist mit der Generation Kinder, der Ungeborenen, der Töchter und Enkelinnen? Frauen heute finden in der Regel Lebensbedingungen, die Krankheit und schwere Krankheit vorprogrammieren. Bereits in der Schwangerschaft wird Krankheit durch hormonelle Belastung angelegt. Eine mit Schadstoffen belastete Umwelt, gesundheitsgefährdende Chemikalien in Nahrungsmitteln, Gefährdungen am Arbeitsplatz, Wohngifte usw. usw. usw. Es reicht uns nicht, gescreent zu werden. Es reicht uns nicht, therapiert zu werden. Wir wollen, dass die Ursachen für Brustkrebs gefunden werden. Wir wollen, dass Brustkrebs auslösende Ursachen abgestellt werden. Wir wollen gesunde Lebenswelten.

Der etwas andere Informationsstand - Treffpunkt Krebs

Der etwas andere Informationsstand – Treffpunkt Krebs

Material für Patientinnen-Informationsveranstaltungen:

Neulich im Brustzentrum – Ein Fotoroman (pdf)

Die verkannte Gefahr: Brustkrebs und Umweltbelastung (pdf, Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. und Women in Europe for a Common Future e.V.)

[Weitere Materialien folgen …]

Unabhängiges Selbsthilfeprojekt für jüngere Frauen

Treffpunkt Krebs
„Treffpunkt Krebs“ – eine Selbsthilfe- und Gesprächsgruppe für jüngere Frauen mit oder nach Krebs in der Region Tübingen und Reutlingen – geht einen anderen Weg. Die Arbeit in der Gruppe und die Begleitung bei Krebs, Hilfestellung und Unterstützung schließt einen kritischen Blick bei gesundheits“politischen“ Fragen, z.B. bei Informationsveranstaltungen und Fortbildungen,  nicht aus, im positiven Sinne für Frauen und Patientin.

Weiterlesen

Krebs und die Ursachen: Ein Film bricht alle Regeln von Tim King in der Rubrik unser körper – unser leben

 

 

 

References

  1. 1. ungezählige Veröffentlichungen, s. dazu http://www.delicious.com/conflicts/selbsthilfe
  2. 2. Beispiel: Das von der Pharmaindustrie gesponserte Projekt „Mum hat Brustkrebs“ der Initiative mamazone, in dem Kinder – unserer Meinung nach unangemessen – mit Behandlungsdetails zur Therapie von Brustkrebs konfrontiert werden, wurde beispielsweise von der Barmer Ersatzkasse finanziell „gefördert“. Ob diese Mittel zurückgezahlt werden mussten, ist nicht bekannt. S. Augsburger Allgemeine, Barmer unterstützt Projekt mamazone v. 25.05.2010
  3. 3. Armbruster, Jürgen, Leiter der Dienste für seelische Gesundheit bei der eva in „Experten in eigener Sache“ in TSA 11/06 http://www.eva-stuttgart.de/treffsozialarbeitnovember.html
  4. 4. Herriger, Norbert: Empowerment in der sozialen Arbeit, Stuttgart, Kohlhammer 2006, ISBN 3-17-019075-X, S. 85, weiter: Das Empowerment-Konzept wird ordnungspolitisch vereinnahmt, es wird zum modisch klingenden Kürzel für eine soziale Praxis, die unter der Leitformel „Fördern und Fordern“ ihre Bemühungen allein und ausschließlich in die (Wieder-)Herstellung von marktfähigem Arbeitsvermögen investiert und auf diese Weise arbeitsstrukturelle Zwänge ungefiltert in die lebensweltliche Rationalität „durchschaltet“. Mit dieser Indienstnahme für eine Politik autoritärer Fürsoglichkeit aber verliert das Empowerment-Konzept seine emanzipatorische Kraft, es wird zum bloßen Kontrollwächter an den Grenzlinien zwischen sozialer Integration und Desintegration. In der Antwort auf diese Zumutungen einer neoliberal verkürzten Sozialpolitik bleibt daher festzuhalten: Eine empowerment-orientierte Soziale Arbeit, will sie nicht zum Erfüllungsgehilfen der neuen sozialstaatlichen Zwangsprogrammatik werden, muss auf dem Eigensinn der Lebensentwürfe ihrer Adressaten beharren.
  1. 5. s. Achtung, Patientinnen-Informationsveranstaltung! Medizinmarketing vom Feinsten, Bericht von Beate Schmidt (Stand 2009) http://www.bcaction.de/bcaction/patientinneninfo/
  2. 6. Statistische Erhebung der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen für das Statistikjahr 2010. Bundesärztekammer 2011 http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/Erhebung_StaeKo_mit_Zahlen_2010_komplett_ohne_Grafiken2.pdf
  3. 7. Rückruf von Brustimplantaten der Firma Poly Implant Prothèse (P.I.P.): Erhöhte Anzahl von Rissen (Rupturen) und lokalen Entzündungsreaktionen festgestellt, http://www.bcaction.de/bcaction/rueckruf-brustimplantate/

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... sind eine kleine unabhängige Gemeinschaft von Frauen, die sich im Kontext Brustkrebs engagieren. Wir wollen die bestmögliche Behandlung für alle, die von dieser schweren Erkrankung betroffen sind. Wir wollen aber auch, dass die Forschung über die Ursachen von Brustkrebs und über die Möglichkeiten der Primärprävention endlich grundlegend verbessert werden.

Wir sind ein kreatives, privat finanziertes Low-Budget-Projekt, das grundsätzlich jegliche Finanzierung im Interessenkonflikt ablehnt und insbesondere keine Pharmagelder annimmt. Lesen Sie dazu unsere Leitlinie, entsprechend der Richtlinie zur Einwerbung von Drittmitteln von Breast Cancer Action.

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