Schwermetalle im Makeup: Kosmetika und Gesundheitsgefährdung

heavy metal hazard cover

Sich mit Krebs auseinandersetzen heißt vor allem auch, endlich Fragen danach zu stellen, was die Krankheit verursacht. Es ist in der wissenschaftlichen Forschung sehr wohl bekannt, dass sich giftige Schadstoffe gerade auch im Fettgewebe der Brust anreichern und im Laufe des Lebens allmählich ansammeln, sich also kumulieren. Bei 90 bis 95 Prozent der Frauen, die derzeit an Brustkrebs erkranken, liegt zumindest nach heutigem Kenntnisstand keine genetische Veranlagung vor.

Die Umweltorganisation Environmental Defence („Verteidigung der Umwelt“) aus Toronto ist eine der aktivsten Umweltorganisationen in Kanada. Die Schwerpunktthemen wie Chemikalienpolitik, Umweltschutz, regenerative Energie etc. sind ähnlich wie die anderer klassischer Umweltschutzorganisationen oder beispielweise auch Women in Europe for a Common Future (WECF e.V.).

Im Mai 2011 hat Environmental Defence eine neue Broschüre herausgegeben, die gerade auch für Frauen interessant ist. Es geht um Gesundheitsgefahren von Kosmetika, die sehr nachdenklich machen. Die kanadische Situation dürfte sich von der in Deutschland höchstens unwesentlich unterscheiden, auch wenn Europa auf den ersten Blick Engagement in Sachen Chemikalienpolitik verspricht. Die meisten Frauen sind ahnungslos, dass sie sich selbst durch die Anwendung „harmloser“ Kosmetika mit gesundheitsgefährdenden Stoffen kontaminieren.

Kosmetika müssen sicher sein

Grundsätzlich müssten Hersteller von Kosmetika bei der Entwicklung ihrer Produkte das Vorsorgeprinzip berücksichtigen und größte Sorgfalt bei der Herstellung von Produkten, die auf die Haut aufgetragen werden, walten lassen. Viele Kosmetikhersteller arbeiten außerdem an ihrem Image als Unternehmen für Frauen. So zeigen etwa AVON oder Estée Lauder „Engagement“ in Sachen „rosa Schleife“.

Wie aber sieht es mit den Inhaltsstoffen von Kosmetika aus? Kosmetikhersteller, die für sich in Anspruch nehmen wollen, dass sie für Frauen – und nicht in erster Linie für Profitmaximierung – engagiert sind, müssten in erster Linie Produkte entwickeln, die die Gesundheit von Frauen nicht gefährden. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Und Frauenzeitschriften werben für Kosmetika, statt Frauen in diesen relevanten Fragen zu informieren.

Heavy Metal Hazard – Gefahren durch Schwermetalle in Kosmetika

Die von Environmental Defence herausgegebene Broschüre heißt „Die Schwermetall-Gefährdung: Gesundheitsrisiken versteckter Schwermetalle in Gesichts-Makeup“ (Heavy Metal Hazard – The Health Risks of Hidden Heavy Metals in Face Makeup). Wir stellen diese Broschüre hier vor, weil Schwermetalle im Verdacht stehen, auch Krebserkrankungen und Brustkrebs zu begünstigen.

Aus der Executive Summary (Zusammenfassung)

In vielen Kosmetika befinden sich gesundheitsschädigende Schwermetalle. VerbraucherInnen haben keine Chance, sich über diese Inhaltsstoffe produktbezogen genau zu informieren, da entsprechende Angaben auf den Produktverpackungen fehlen.

Test auf Schwermetalle in Kosmetika

Environmental Defence hat deswegen in Kanada jeweils sechs Frauen aus unterschiedlichen Altersgruppen befragt, um exemplarisch verschiedene Produktgruppen der von diesen Frauen benutzten Produkte zu untersuchen:

  • Makeup („Foundations“)
  • Abdeckstifte
  • Puder
  • Rougeprodukte
  • Mascara (Wimperntusche)
  • Eyeliner
  • Lidschatten
  • Lippenstifte und Lipgloss

Die sechs Frauen werden mit den Produkten, die sie benutzen, persönlich vorgestellt. Eine Tabelle schlüsselt auf, mit welchen Stoffen die Frauen sich selbst – unwissentlich – durch den Gebrauch ihrer Kosmetika mit Schwermetallen kontaminieren.

Die Produkte für die Tests wurden in verschiedenen Geschäften in Toronto eingekauft und in einem akkreditierten Speziallabor auf Schwermetalle hin untersucht.

Warum sind Schwermetalle so bedenklich?

Schwermetalle können sich im menschlichen Körper im Laufe der Zeit anreichern. Sie werden für verschiedene Krankheiten und Gesundheitsprobleme verantwortlich gemacht. Zu diesen Gesundheitsproblemen gehören:

  • Krebserkrankungen
  • Störungen der reproduktiven Gesundheit (z.B. „Unfruchtbarkeit“)
  • Entwicklungsstörungen
  • neurologische Probleme
  • Vergesslichkeit
  • Stimmungsschwankungen
  • Störungen des Nervensystems
  • Störungen des Immunsystems
  • Störungen der Nieren- und Blasenfunktion
  • Kreislaufprobleme
  • Knochenveränderungen
  • Kopfschmerzen, Erbrechen, Durchfall
  • Lungenschäden
  • Kontaktdermatitis
  • Haarausfall

Die bedenklichsten Inhaltsstoffe

Viele Stoffe sind „endokrine Disruptoren“ bzw. in anderer Weise toxisch wirkende Stoffe. Schwermetalle im Lippenstift können über die Lippen aufgenommen werden. Schwermetalle in Kosmetika, die auf die Haut aufgetragen werden, können über die Haut absorbiert werden und so in den Körper von Frauen gelangen.

Die von Environmental Defence am häufigsten gefundenen Metalle waren

und zwar ungeachtet der Tatsache, dass sie in Kosmetika in Kanada aufgrund der bekannten Gesundheitsrisiken verboten sind.

Weitere bedenkliche Inhaltsstoffe

Weitere bedenkliche Inhaltsstoffe in Kosmetika, die als etwas weniger gefährlich eingestuft werden, sind

Mit Ausnahme von Nickel sind diese Stoffe international als Inhaltsstoffe für Kosmetika ebenfalls verboten. In der Broschüre werden die Wirkungen der einzelnen Schwermetalle genau beschrieben. Die Namen der Schwermetalle sind deswegen hier mit Wikipedia verlinkt. Dort kann man zumindest einige Informationen abrufen, um sich ein Bild von diesen Stoffen sowie ihrem Gefahrenpotential zu machen.

Ergebnisse bei Environmental Defence

Sieben der acht bedenklichen Inhaltsstoffe – also jene Stoffe, die die größten Bedenken in Bezug auf Gesundheit auslösen – wurden in den 49 untersuchten Kosmetikprodukten nachgewiesen.

Durchschnittlich wurden pro Produkt zwei der vier bedenklichsten Schwermetalle sowie vier der ebenfalls bedenklichen Inhaltsstoffe nachgewiesen.

5 Produkte – ein Makeup, 2 Mascaras und 2 Lippenkosmetika – enthielten die zweithöchste Menge an gefundenen Substanzen, nämlich 6 der 8 Stoffe.

Die Schwermetalle waren auf den Etiketten der Produkte grundsätzlich nicht angegeben.

Ein Produkt, das z.B. auch in Deutschland auch erhältlich ist, heißt Benefit Benetint Pocket Pal. „Red Tint“ (diese Farbvariante haben wir bei einer Online-Recherche hier allerdings nicht gefunden) enthielt die meisten Schwermetalle, 7 der 8 Stoffe konnten nachgewiesen werden. Das Produkt, das als „Geheimwaffe für ein den ganzen Tag anhaltend junges Aussehen“ wirbt, macht jetzt Negativschlagzeilen in Kanada.

Auch mengenmäßig enthielt das Produkt Benefit Benetint Lip Gloss mit 110 ppm die größten Mengen, genauer sogar mehr als 10 mal so viel, wie als Limit im Health Kanada Draft Guidance on Heavy Metal Impurities in Cosmetics vorgegeben ist.

Die Situation bei uns

Muss man sich wegen der Messergebnisse Sorgen machen? Zum Beispiel wurde von 268 amtlicherseits überprüften kosmetischen Mitteln in Deutschland nur eines wegen der Verwendung verschreibungspflichtiger oder verbotener Stoffe beanstandet. Welches, das erfährt die Verbraucherin allerdings nicht. (Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit, Verbraucherschutzbericht 2009, s. Anl. 5, S. 108). „Ökotest“ bietet in seinem online frei zugänglichen Material vergleichsweise wenig brauchbare Infos zur Schwermetalbellastung von Kosmetika und geht auf Gefahren für die Gesundheit eher beschwichtigend ein. Bei der Zeitschrift „test“ von Stiftung Warentest heißt es beispielsweise in einem Text für Lidschatten aus dem Jahr 2006:

Schadstoffe kein Thema

Erfreulich auch die Ergebnisse aus Praxistest und Testlabor. Alle Testerinnen vertrugen die Lidschatten ohne Probleme. Die Produkte verursachten weder Hautreizungen noch allergische Reaktionen. Die Analyse im Labor belegt: Die Lidschatten enthalten kaum Blei oder andere Schwermetalle. Die Chemiker fanden nur Minimengen. Weit unter den zulässigen Grenzwerten.“ (Haltbare Augenwischerei, Test 2/2007, S. 28-32)

Was unter “Minimengen” der sich im menschlichen Körper bioakkumulativ verhaltenden Schwermetalle zu verstehen ist, erfährt die interessierte Verbraucherin auch hier nicht.

Das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) will ein „Reinheitsgebot“ über Mengenbegrenzungen – und nicht Verzicht! – von Schwermetallen für Kosmetika und stützt seine Forderung in der Stellungnahme 025/2006 Kosmetische Mittel: BfR empfiehlt Schwermetallgehalte über Reinheitsanforderungen der Ausgangsstoffe zu regeln vom 05. April 2006 auf Untersuchungen aus dem Jahr 1985. Inzwischen sind 26 Jahre vergangen. Schwermetallgehalte in Kosmetika können sich in dieser Zeitspanne doch erheblich verändert haben. Auch Mehrfachbelastungen wie etwa Anreicherung von Schwermetallen in Nahrungsmitteln, extensiverer Gebrauch oder Globalisierung von Kosmetika und viele andere Punkte könnten neu kritisch betrachtet werden, in allererster Linie im Interesse von Frauen, die naturgemäß denjenigen der Hersteller durchaus widersprechen können.

Nach den kanadischen Ergebnissen erscheint es notwendig, sich weiterhin gründlicher mit diesem Thema auseinanderzusetzen, auch vor dem Hintergrund der Entstehung von Brustkrebs. [Text: Gudrun Kemper, Beate Schmidt]

Quellenangabe

Heavy Metal Hazard: The Health Risks of Hidden Heavy Metals in Face Makeup, Download als pdf

Weiterlesen

Skin Deep Datenbank Kosmetika von Environmental Working Group (Recherche lohnt sich auch für viele der hier erhältlichen Produkte)

Sichere Kosmetika und Bedarfsgegenstände: Eine Information des Ministeriums für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg (pdf, als Einstieg in das Thema, jedoch weniger kritisch ausgerichtet)

Gesetzliche Vorgaben in Deutschland und Europa

Verordnung über kosmetische Mittel (KosmV, Deutschland)
Anlage 1 zur Verordnung: Stoffe, die bei dem Herstellen oder Behandeln von kosmetischen Mitteln nicht verwendet werden dürfen (Deutschland)
Europäische Kosmetika-Richtline 76/768/EWG (kl. Einführung mit weiterführenden Links, Wikipedia)
Text der Richtlinie 76/768/EWG mit Änderungen (Europäische Kommission, Text in deutscher Sprache, nach unten scrollen)

 

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  1. Brustkrebs-Infoportal | Breast Cancer Action Germany - frauenorientiert - kritisch - unabhängig - 29. Mai 2011

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