Sandra Steingraber: Biologin, Ökologin, Umwelt- und Krebsaktivistin

Die Biologin Dr. Sandra Steingraber ist eine führende US-amerikanische Wissenschaftlerin von der Ithaca-University, wo sie zur Umweltforschung lehrt. Sie wurde 1959 in Tazewell County in Illinois, USA, geboren und erkrankte im Alter von 20 Jahren an Krebs (Blasenkrebs). Heute arbeitet sie speziell zu ökologischen Fragen im Zusammenhang mit Krebsentstehung, Fertilität, Schwangerschaft und Toxikologie („Lehre von den Giftstoffen“). Steingraber, die als Adoptivtochter einer Mikrobiologin aufwuchs, befasste sich bereits als Kind und Jugendliche mit biologischen und ökologischen Zusammenhängen. Mit ihrer Krebserkrankung war sie – aufgewachsen in einer hoch belasteten Umgebung – nicht allein. Auch in Nachbarschaft und Familie erkrankten viele Menschen an Krebs.

Sandra Steingraber hat an der Illinois Wesleyan University Biologie studiert und später an der Universität von Michigan gearbeitet. Dort schloss sie auch ihre Doktorarbeit in Biologie ab. Außerdem verfügt sie über einen Masterabschluss in Anglistik. Sie arbeitete und lehrte an verschiedenen Universitäten und hat an dem unter Präsident Bill Clinton 1992 initiierten National Action Plan on Breast Cancer (NAPBC) mitgearbeitet. Sie bringt unterschiedliche Perspektiven zu einem zentralen Punkt im Kontext Gesundheits- und Menschenrechte unserer Zeit auf den Punkt: Die zunehmende Beweislast der Krebsentstehung durch Umweltverschmutzung. Ihre wissenschaftliche Analyse reicht von alarmierenden weltweiten Mustern bei der Inzidenz von Krebserkrankungen bis zu den sabotageähnlichen Auswirkungen durch Krebs fördernde Substanzen auf die komplizierte Funktionsweise menschlicher Zellen.

1993 erhielt sie ein Forschungsstipendium der Harvard Universität, um Zusammenhänge zwischen Krebserkrankung und Umweltbelastungen zu recherchieren.  Ihr wurde zunächst deutlich, dass viele Belege für diese Zusammenhänge bereits publiziert waren, während von diesem Wissen nur wenig an die breite Öffentlichkeit drang. Sie setzte sich deswegen zum Ziel, hier eine Brückenfunktion einzunehmen und Forschungsergebnisse aus der Wissenschaft verstärkt an die Öffentlichkeit zu bringen. Steingraber ließ sich auch von widersprüchlichen Forschungsergebnissen hinsichtlich nicht abbringen von ihrer Suche nach den Ursachen in der Umwelt und weckte Verständnis für Zeitberechnungen („Timing“), Zeiten besonderer Verletzlichkeit, und die erklären, warum die ersten Ansätze bei der Suche nach den Zusammenhängen zwischen Umweltbelastungen und Krebsentstehung nicht zu den richtigen Erkenntnissen geführt haben. 1

Steingrabers Bücher sind gut lesbar und erinnern an minutiöse Reiseberichte, in denen die wissenschaftlich sorgsamst recherchierten Arbeiten LeserInnen mit ihren poetischen Einblendungen und einer unglaublichen Sprache in ihren Bann ziehen.

Veröffentlichungen

Post Diagnosis (1995)

In ihrem ersten Buch „Post-Diagnosis“ (1995) setzt sie sich mit ihrer eigenen Krebserkrankung auseinander. Steingraber baut auf die Arbeiten der Biologin Rachel Carson auf. Sie arbeitet u.a. mit Marla Cone und Natalie Angier zusammen und ist als Umweltaktivistin in den USA sehr bekannt.

Living Downstream (1998)

Steingrabers bekanntestes Werk ist „Living Downstream: An Ecologist Looks at Cancer and Environment“ (Erstauflage 1997, Titelübersetzung: Leben stromabwärts – Eine Ökologin betrachtet Krebs und Umwelt). Viele Kapitel des Buches befassen sich mit Brustkrebs. Steingraber ließ sich hier u.a. von den Forderungen der Communities von Betroffenen nach mehr Ursachenforschung im Zusammenhang mit Umweltbelastungen leiten. Eine deutsche Übersetzung gibt es bisher nicht. In „Living Downstream“ beschreibt Steingraber auch die rücksichtslose industrielle und landwirtschaftliche Verschmutzung und unterfüttert ihre Beobachtungen mit umfassenden wissenschaftlichen Daten und weiteren Literaturhinweisen. Im Resultat ist eine überwältigende Zusammenstellung des Wissens zu Krebsentstehung und Umwelt entstanden.

Steingraber beklagt die große Unausgewogenheit der Forschungsfinanzierung zu Studien von genetisch bedingten Krebserkrankungen in Relation zur Forschung zu Umwelt und Krebsentstehung. Sie verweist darauf, dass wir an unseren genetischen Anlagen nichts verändern können, während wir sehr viel tun können, um die Kontamination mit Karzinogenen in der Umwelt abzubauen.Sie nutzt in diesem Buch unter anderem die enge Vernetzung von Krebsregistrierung und dem in den USA verfügbaren Toxics Release Inventory, einem nationalen Verzeichnis, in dem die Freisetzung von Giftstoffen verzeichnet wird. Steingrabers Buch ist das erste, das die Daten zu Umweltgiften aus dem amerikanischen nationalen „Gift-Verzeichnis“ (Toxics Release Inventory) zusammenbringt mit Daten aus der Krebsregistrierung. (Ein ähnliches Verzeichnis führt bei uns das Umweltbundesamt mit dem Schadstofffreisetzungs- und Verbringungsregister.)

„89% der Fläche von Illinois werden landwirtschaftlich bebaut. Geschätzt 54 Millionen Pfund (amerikan. Maßeinheit, 1 Pfund = ca. 0,45 Kilogramm) synthetischer Pestizide werden jedes Jahr ausgebracht. Erst nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurde diese Form der Landwirtschaft, bei der sich chemische Gifte breit gemacht haben, in Illinois eingeführt. Zuvor waren noch weniger als 10% der Getreidefelder pestizidbelastet. Im Jahr 1993 waren es aber 99%.“ (Living Downstream, S. 5)

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Toxics Release Inventory – Aufschluss über Kontaminationen – öffentlich zugänglich für jede/n

Living Downstream ist seit März 2010 auch als Dokumentarfilm verfügbar. Der Film belegt erneut Sandra Steingrabers außergewöhnliche Arbeit als die einer Krebsüberlebenden und ihren bedeutenden Beitrag als Ökologin und Aktivistin in der Krebsvermeidung.

Having Faith – Leben wächst in mir: Eine biologische Reise zur Geburt (2001)

Obwohl Steingraber in den USA viel Anerkennung erfährt, kennen viele bei uns ihre Arbeiten nicht, und auch die von ihr thematisierten Themen sind fachlich und gesellschaftlich weitgehend unterbelichtet. Ihr Buch „Having Faith“ – ein Kleinod – liegt in deutscher Übersetzung vor. Die sehr sorgfältig übersetzte deutsche Ausgabe trägt den Titel „Leben wächst in mir: eine biologische Reise zur Geburt“ und ist 2002 im Walter Verlag (Patmos) erschienen.  Das“unbedingt Lesen-Buch“ – zumindest für werdene Mütter bzw. Eltern – weist eindringlich auf die alarmierenden Gefahren durch Umweltgifte für das Ungeborene hin und wirft die Frage danach auf, wie eine Zukunft in Gesundheit für Kinder überhaupt noch abgesichert werden kann.

The Falling Age of Puberty in U.S. Girls (2007)

Für die Organisation Breast Cancer Fund, die sich schwerpunktmäßig mit Umweltbelastungen und Brustkrebs befasst, schrieb Sandra Steingraber Sandra Steingraber The Falling Age of Puberty (Übersetzung etwa: Der frühere Eintritt der Pubertät bei Mädchen in den USA), womit erstmals ein umfassener Überblick über Literatur und Zusammenhänge zu dieser Frage gegeben wurde. Zugleich wurde auch ein Leitfaden für Interessenvertreterinnen zum gleichen Thema von Steingraber entwickelt.

Raising Elijah (2011)

In Raising Elijah berichtet Steingraber als Wissenschaftlerin und Mutter aus ihrem Leben mit zwei kleinen Kindern auf der Suche nach Möglichkeiten, ihre eigenen und alle anderen Kinder vor Umweltbelastungen in einer toxischen Umwelt zu schützen. Anhand des Familienalltags zeigt sie auf, wie eng private Welt, Erziehung und Familienleben in einem Zusammenhang stehen mit Öffentlichkeit und Politikgestaltung und wie die gegenwärtige Umweltkrise zugleich im Grunde auch eine Krise des Familienlebens ist.

Familienleben

Sandra Steingraber lebt heute mit ihrem Mann, dem Bildhauer und Restaurator Jeff de Castro, in Trumansburg (New York) und hat zwei Kinder, Faith und Elijah.

Gemeinsam mit Teresa Heinz Kerry wurde sie von Breast Cancer Fund für ihre Arbeiten zur Ursachenforschung im Zusammenhang mit Brustkrebs ausgezeichnet, und sie hat eine Reihe weiterer Preise für ihr Werk erhalten.

Auszeichnungen

Gemeinsam mit Teresa Heinz Kerry wurde sie von Breast Cancer Fund für ihre Arbeiten zur Ursachenforschung im Zusammenhang mit Brustkrebs ausgezeichnet, und sie hat eine Reihe weiterer Preise für ihr Werk erhalten.

Text: G. Kemper

Mehr zu Sandra Steingraber

Mehr zu Living Downstream hier …

Webseite von Sandra Steingraber

Wikipedia Sandra Steingraber (engl.)

Living Downstream (Dokumentarfilm)

Die Verbindungen zwischen Krebs und Umwelt: ein Inner Compass TV-Interview mit Sandra Steingraber

References

  1. 1. Steingraber, S.: The Breast Exposed. Health. Ausgabe Herbst 2005 http://www.msmagazine.com/fall2005/breastexposed.asp http://www.msmagazine.com/fall2005/breastexposed.asp

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