SABCS 2012 – II: Die AZURE-Studie – Vitamin D, Zoledronsäure und Gedanken zu Wechseljahren

(Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2015)

In ihrem zweiten ausführlichen Bericht zum San Antonio Breast Cancer Symposium (SABCS) berichtet Karuna Jaggar von Breast Cancer Action über ergänzende Therapien, die bei uns auch als komplementäre Therapien bezeichnet werden und von denen man sich eine weniger „toxische“, also weniger „giftige“ bzw. weniger schädigende Wirkung erhofft. Ann Fonfa, Gründerin des Annie Appleseed Projects, habe auf der Konferenz mehrere öffentliche Bitten dazu präsentiert. In Deutschland werden komplementäre Therapien an der Berliner Charité gegenwärtig im Rahmen einer Stiftungsprofessur von Prof. Dr. Claudia M. Witt (MBA) am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie erforscht. Warum Gesundheitsökonomie hier ein Versatzstück zu komplementären Therapien ist, wissen wir bisher noch nicht.

Die AZURE-Studie

Ohne phantasievolle Studiennamen geht in der Brustkrebsforschung nichts. Zur britischen AZURE-Studie, überwiegend finanziert von der University of Sheffield, berichtet Jaggar, dass gezeigt werden konnte, dass die Höhe des Vitamin D-Spiegels im Blut mit dem Rückfallrisiko bei Brustkrebs im Frühstadium korreliere.

Gute Randomisierungskriterien?

In die AZURE-Studie seien 3.360 Frauen mit Brustkrebs in den Krankheitsstadien II und III eingeschlossen worden. Prognostisch unterscheiden sich diese beiden Krankheitsstadien allerdings erheblich. Das wirft die Frage auf, ob bei Brustkrebs nicht generell besser an Patientinnenkollektiven, die nach Krankheitsstadien getrennt untersucht werden, geforscht werden sollte. Bei AZURE handelt es sich um eine randomisierte Studie, die über einen Zeitraum von fünf Jahren die Standardtherapie und die Standardtherapie plus Zoledronsäure (Bisphosphonat, vermarktet unter dem Handelsnamen Zometa) untersucht hat. Alle Patientinnen erhielten Calcium und ein Vitamin D-Präparat für mindestens sechs Monate. Im Zeitraum danach wurde diese Medikation allerdings in das Ermessen der behandelnden ÄrztInnen gestellt. Schließlich weist Jaggar im Zusammenhang mit dem Untersuchungsparameter Wechseljahre noch darauf hin, dass es ebenfalls schwierig sei,  Wechseljahre in ihrem natürlichen Verlauf mit medizinisch („biochemisch“) herbeigeführten Wechseljahren zu vergleichen.

Neue „Subgruppen-Analyse“: Keine Vorteile in Sachen Metastasenprophylaxe

Die relevante und spannende Frage bei der Einnahme eines vorbeugenden Medikaments gegen Brustkrebs ist schließlich: Leben wir länger damit? Die Daten konnten, wie bereits früher veröffentlicht, keine Vorteile in Bezug auf die Gabe des Bisphosphonats Zoledronsäure zeigen. Bisphosphonate wurden gerade auch in Deutschland in einem Zeitraum von mehr als zehn Jahren als „Geheimtipp“ zur Vorbeugung von Knochenmetastasen und Metastasierung allgemein gehandelt, eine Hoffnung, von der den betroffenen Frauen, die sich so behandeln ließen, heute allein die Nebenwirkungen bleiben. Jetzt wurde noch eine „Subgruppen-Analyse“ vorgestellt: Danach habe sich in Bezug auf das Gesamtüberleben ein kleiner Nutzen bei Frauen in den Wechseljahren (natürliche und Therapie induzierte „Wechseljahre“) gezeigt.

Vitamin D-Spiegel als Vorhersage-Baromenter?

Erkenntnis der Studie sei der Vitamin D-Spiegel als prädiktiver (also etwa „vorhersagender“) Marker für die Wahrscheinlichkeit der Entstehung von Knochenmetastasen. Die AZURE-Studie habe ans Licht gebracht, dass nur 10% der an Brustkrebs diagnostizierten Frauen in Großbritannien, wo die Studie durchgeführt wurde, „ausreichende“ Mengen an Vitamin D zum Zeitpunkt der Diagnose gehabt hätten. Die relativ wenigen Frauen mit „ausreichend“ hohem Vitamin D-Spiegel [- wie viel auch immer dies sein mag, die Höhe des gesunden Vitamin D-Spiegels wird zur Zeit verstärkt diskutiert -] scheinen nach AZURE eine bessere Prognose bei Brustkrebs zu haben.

„Wenig zielführend“ oder „Mehr Fragen als Antworten“

Nach Karuna Jaggar sei das Problem, dass man nicht wirklich wisse, was unter einem „niedrigen“ bzw. „ausreichenden“ Spiegel von Vitamin D zu verstehen sei. Auch gäbe es eben andere Studien, in denen gezeigt wurde, dass hohe Vitamin-Dosen zu gesundheitsschädlichen Ergebnissen geführt haben. Außerdem sei die Art der Vitamin D-Aufnahme ein Fragezeichen. Eine ergänzende Vitamintablette, die Bildung von Vitamin D durch Sonneneinstrahlung bzw. die Aufnahme durch Lebensmittel wirken möglicherweise ganz anders und dazu fehlen außerdem die Daten. Jaggar
jedenfalls hält die Ergebnisse der Studien für weniger zielführend bei der Lösung des Brustkrebsproblems, denn über einen Vitamin D-Mechanismus im Zusammenhang mit Brustkrebs sei bisher nichts bekannt. Man wisse nicht, ob es das Vitamin D selbst sei oder ob es sich um ein Symptom für etwas ganz anderes handele, was eben wichtig ist. Bisher gäbe es auch keine Daten dafür, dass die Gabe von Vitamin D das Brustkrebsüberleben verbessere.

Abschießend beschreibt Jaggar die erneute Erkenntnis, wie viel wir noch nicht wissen bzw. noch wissen müssten, bevor wir endgültige Schlussfolgerungen aus solchen Forschungsergebnissen ziehen zu können.

Wird fortgesetzt …

Weiterlesen

Karuna Jaggar: SABCS 2012: The Azure Trial – Vitamin D, Zoledronic Acid, and Thoughts on Menopause

Die AZURE-Studie im WHO-Studienregister

SABCS 2012-I: Tamoxifen für 5 oder 10 Jahre? Ergebnisse der ATLAS-Studie

Weitere Kongressberichte bei uns …

 

1 Kommentar
  1. […] In ihrem zweiten ausführlichen Bericht zum San Antonio Breast Cancer Symposium (SABCS) berichtet Karuna Jaggar von Breast Cancer Action über ergänzende Therapien, die bei uns auch als komplementäre Therapien bezeichnet werden, und von denen man sich eine weniger „toxische“, also weniger „giftige“ bzw. weniger schädigende Wirkung erhofft. Ann Fonfa, Gründerin des Annie-Appleseed-Projects, habe auf der Konferenz mehrere öffentliche Bitten dazu präsentiert. In Deutschland werden komplementäre Therapien an der Berliner Charité gegenwärtig im Rahmen einer Stiftungsprofessur von Prof. Dr. Claudia M. Witt (MBA) am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie erforscht. Warum Gesundheitsökonomie hier ein Versatzstück zu komplementären Therapien ist, wissen wir bisher noch nicht. Weiterlesen … […]

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