EU-Patienten-Akademie: Propaganda für Patienten öffentlich bezuschusst: Eupati bietet Fortbildung im Herstellerinteresse

Eine neue Initiative will PatientInnen über neue Arzneimittel aufklären. Hinter der „Europäischen Patientenakademie zu Therapeutischen Innovationen“ (Eupati) verbirgt sich bei näherem Hinsehen aber ziemlich viel Industrie.

Eupati - Artikel aus dem Buko Pharmabrief

Auch wenn auf den ersten Blick die Pharmaindustrie bei Eupati nur ein Akteur unter mehreren ist, sind die Ziele der „Patientenakademie“ [1] für kommerzielle Zwecke maßgeschneidert: Es soll exklusiv um neue Arzneimittel gehen, die die hohen Gewinne der Pharmaindustrie garantieren. Und gerade mit ihren Innovationen haben die Hersteller gegenwärtig ein Problem. Denn Neu bedeutet oft nicht besser, sondern nur teurer und nicht selten auch risikoreicher. Da liegt es nahe, die eigene Schwäche durch geschickte Propaganda zu übertönen. Viele der Themen, auf die Eupati PatientInnen aufmerksam machen will, könnten direkt aus der PR­Abteilung der Pharmaindustrie stammen: „Die Entwicklung von Arzneimitteln ist sehr stark reguliert, kostenintensiv und unterliegt einem langen, komplexen Prozess, was der allgemeinen Öffentlichkeit größtenteils verborgen bleibt.“ [2]

Ganz so als würde die Industrie nicht mantraartig völlig überhöhte Zahlen zu den Forschungskosten unter das Volk streuen. [3] Ein weiteres Anliegen von Eupati: „Außerdem kann die Bildung der Öffentlichkeit die Vorbehalte gegen klinische Forschung und therapeutische Innovationen verringern.“ [2] Die ernüchternden Bewertungen vieler neuer Arzneimittel durch unabhängige Einrichtungen wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sind für die Industrie in der Tat ein Problem.

Neue Pharmabotschafter?

Ob PatientInnen wirklich von einem durch Eupati ausgebildeten zertifizierten „‘fachkundigen Vertreter‘ innovativer Therapien“ [2] profitieren? Hier soll offensichtlich  ein neues Berufsbild geschaffen werden: Der Laien­Pharmavertreter. Das Ziel der Ausbildung wird auch benannt: „Mit einem geeigneten Training können Patientenvertreter akzeptierte Partner in Wissenschaft, Ethik­ und Kontrollausschüssen werden, und dabei klinische Studien, Arzneimittelentwicklung und Zugangsstrategien verbessern und beschleunigen.“ [2] Das klingt doch sehr nach einem Versuch, die in vielen Staaten – auch in Deutschland – immer wichtiger werdenden Bewertungen des Nutzens von neuen Arzneimitteln durch unabhängige Körperschaften zu beeinflussen und Druck für eine noch schnellere Zulassung von neuen Medikamenten zu machen.

Etikettenschwindel

Auch wenn das Logo von Eupati mit seinem gelben Sternenbogen sehr nach EU und offiziell aussieht, ist Eupati keine Aktivität der Europäischen Union. Geschickt wird in der Selbstdarstellung die Europäische Kommission in den Vordergrund gerückt, die das Projekt aber lediglich finanziell fördert.

Es ist gar nicht so einfach zu erkennen, wer und was genau hinter Eupati steckt. Es handelt sich vordergründig um ein „Konsortium“ von Patientenorganisationen, akademischen und gemeinnützigen Institutionen und der Pharmaindustrie. Drei der vier beteiligten Patientenverbände werden aber  hauptsächlich von der Industrie finanziert.

Die Leitung des Projekts liegt beim European Patients‘ Forum (EPF), das zu über 80% von Herstellern finanziert wird (2010 knapp eine halbe Million €).[4]

Das EPF wurde 2003 als einheitlicher Ansprechpartner für die EU mit Hilfe der Pharmaindustrie und der EU­Kommission gegründet.  Ein weiterer der vier Patientenverbände ist die von dem EPF als „Schwesterorganisation auf globaler Ebene“ [5] bezeichnete International Alliance of Patients Organizations (IAPO). Geburtshelfer dieser Organisation war 1999 die Pharmaindustrie. [6] Damals betonte das Vorstandsmitglied Enrique Silver „IAPO hat eine sehr starke Partnerschaft mit der Pharmaindustrie“. [7] Noch heute hängt IAPO am Tropf der Firmen. Knapp 2% des Budgets stammen aus Mitgliedsbeiträgen, der Löwenanteil aus Pharmatöpfen.[8]

Industrie spielt zentrale Rolle

Die Rolle der Industrie wird bei Eupati wie folgt beschrieben: „Das Konsortium wurde in einer Weise strukturiert, dass Synergien mit den EFPIA­Firmen optimiert werden und die effektivste, transparenteste und vertrauenswürdigste Partnerschaft die möglich ist, in Schwung zu bringen und sich das Beste, was die Industrie an aktuellen Erfahrungen und Zukunftsperspektiven in diesem Feld zu bieten hat, nutzbar macht […] Die EFPIA­Partner stellen nicht nur ihre genuine Expertise in medizinischer Forschung zur Verfügung, sondern auch ihre Erfahrung bei der Bereitstellung von Informationen für Patienten.“ [9] Noch verstärkt wird der Eindruck des Industrie­Einflusses, wenn man die Finanzierung von Eupati  genauer anschaut. Fast die Hälfte des Zuschusses stammt direkt vom europäischen Pharmaindustrieverband und wird nicht als Geldleistung, sondern als Sachleistung gewährt. Das lässt befürchten, dass alle Aktivitäten von Eupati unter massiver Beteilung von Firmenpersonal durchgeführt werden. Der Verband der forschenden Arzneimittelunternehmen (Vfa) ist als ein Teil des Eupati­Konsortiums auch schon aktiv geworden und wirbt bei deutschen Patientenverbänden um Unterstützung.

Bezeichnend ist auch, dass Eupati der Öffentlichkeit auf der DIA Europakonferenz im März vorgestellt wurde. [2] Dabei handelt es sich nicht gerade um eine patientennahe Veranstaltung, sondern ein Treffen der Pharmaindustrie mit Forschern und Zulassungsbehörden – Teilnahmegebühr über  1.000 €.

Und wer bezahlt?

Finanziert wird Eupati durch die Innovative Medicines Initiative (IMI) mit 10,1 Millionen € für fünf Jahre. IMI ist ein Public Private Partnership des Europäischen Pharmaindustrieverbandes EFPIA mit der Europäischen Kommission. Dabei entscheiden Industrie und Kommission gleichberechtigt über die Vergabe der Fördermittel. Eigentlich sollte IMI die Pharmaforschung in Bereichen fördern, die die Industrie zwar für notwendig hält, die aber nicht profitträchtig sind. [10]

IMI kann als gelungener Coup der Industrie gelten, Kosten auf die Gemeinschaft abzuwälzen. Zumal die EU­Kommission IMI über mehrere Jahre mit insgesamt einer Milliarde € fördert, die Firmen ihren Anteil aber als Sachleistung einbringen. Die Förderung von Eupati im Rahmen dieses Programms kann man bestenfalls mit einem Teilaspekt der „Patientenakademie“ in Verbindung bringen:  Der Rekrutierung von Versuchspersonen für Arzneimittelstudien.

Feigenblätter

Auf die Beteiligung weiterer Organisationen und Verbände unterschiedlicher Qualität soll hier nicht weiter eingegangen werden. Einige tragen sicher zur Verbesserung der Reputation von Eupati bei – in wieweit sie das Programm des Projekts beeinflussen werden, ist unklar. Sicher hilft die breitere Basis bei der Verbreitung der Eupati­Botschaften und „verdünnt“ den Eindruck eines starken Industrieeinflusses. Viel bedenklicher ist aber, dass Eupati sich mit Beratungsgremien [11] ein Mäntelchen der Unabhängigkeit umhängt. Dem Projekt ist es gelungen, auch einige unabhängige Leute – unter anderem aus Deutschland – für ein Expertengremium zu gewinnen. Ob diese ExpertInnen aber dafür sorgen können, dass Eupati nur vollständige und ausgewogene Informationen verbreitet, ist zweifelhaft. (Ihre Stellungnahme finden Sie unter diesem Bericht.) Sie dürfen nur beraten, durchgeführt wird das Programm von anderen.

Wie gut die Einbindung unabhängiger ExpertInnen wirkt, kann man an Patientenvertretern beobachten, die die Industriebeteiligung bei Eupati skeptisch stimmt, die aber eine Zusammenarbeit erwägen, weil ihre Bedenken wegen der Beteiligung einiger unabhängiger Personen zerstreut werden. Dabei werden die BeraterInnen  durchaus als externes kritisches Potenzial verstanden. Denn Eupati will die Ratschläge dokumentieren und darlegen, was davon übernommen wird. [12]  Eine solche Transparenz wünschte man sich eher vom Industrie­Engagement bei Eupati.

International wächst der gesellschaftliche Konsens, dass ärztliche Fortbildung unabhängig von Industrieeinfluss stattfinden sollte, um irrationale Verschreibungen verhindern. Nun soll mit Eupati das genaue Gegenteil für PatientInnen eingeführt werden. Diese können sich noch viel weniger vor dem suggestiven Potenzial der Pharmabeeinflussung schützen, weil es ihnen an Fachwissen mangelt.

Wenn nun unabhängige ExpertInnen einen solchen Ansatz unterstützen, dann verleihen sie damit der Beeinflussung ärztlicher Fortbildung durch die Industrie erneut Legitimität. Den Bock zum Gärtner gemacht. Es ist durchaus sinnvoll, dass gesunde wie kranke BürgerInnen mehr über Arzneimittel lernen.

Eine ausgewogene Information über Nutzen und Schaden von Arzneimitteln ist aber von Eupati kaum zu erwarten. Allein der Umstand, dass man sich auf „therapeutische Innovationen“ beschränkt, schließt das aus. Denn wie soll man zu einer neutralen Bewertung kommen, wenn man bewährte wirksame Therapien außen vor lässt und lediglich das „Neue“ propagiert?

Unabhängige Gesundheitsinformation ist für Laien wie für Fachleute wichtig. Die öffentliche Hand muss hier ihre Verantwortung besser wahrnehmen und darf das Feld nicht der Industrie überlassen. Das dient der Sicherheit der PatientInnen ebenso, wie es unnötige Ausgaben für Scheininnovationen verhindern würde.  (JS)

Quellenangaben

[1] Eupati „wird Lehrmittel und Kurse zu Trainingszwecken entwickeln und eine öffentliche Internet­Bibliothek aufbauen, um Patientenvertreter und die nicht informierte Öffentlichkeit über alle Prozesse auf dem Gebiet der medizinischen Entwicklung fortzubilden. Die Themen werden personalisierte und diagnostische Medizin, Aufbau und Durchführung von klinischen Studien,  Arzneimittelsicherheit und Risiko/Nutzen­Bewertung, Pharmako­Ökonomie sowie die Einbindung von Patienten in die Entwicklung von Arzneimitteln umfassen.“ http://www.patientsacademy.eu/index.php/de/news/2-eupati-launch [Zugriff 13.6.2012]

[2] http://www.patientsacademy.eu/index.php/de/news/2­Eupati-­launch [Zugriff 13.6.2012]

[3] Pharma­Brief (2011) Was Forschung wirklich kostet. Nr. 2­3, S. 3

[4] www.eu­patient.eu/About­EPF/Economy/Support/Support­2010/ [Zugriff 13.6.2012]

[5] www.eu­patient.eu/About­EPF/Responses/EPF­responded­to­the­Commissions­

consultation­of­financial­regulation­to­ensure­core­funding­for­patient­groups/ [Zugriff

13.6.2012]

[6] www.patientsorganizations.org/showarticle.pl?id=783&n=1251 [Zugriff 13.6.2012]

[7] HAI News (1999) No. 7 www.haiweb.org/pubs/hainews/June1999.html

[8] IAPO (2011) Financial Report 2010 www.patientsorganizations.org/attach.pl/19/1142/IAPO%20Annual%20Financial%20Report%202010.pdf

[9] www.patientsacademy.eu/index.php/en/about­Eupati/9­the­consortium [Zugriff 13.6.2012]

[10] “The Innovative Medicines Initiative (IMI) is Europe‘s largest public­private partnership aiming to improve the drug development process by supporting a more efficient discovery and development of better and safer medicines for patients.” www.imi.europa.eu/content/mission [Zugriff 12.6.2012]

[11] www.patientsacademy.eu/index.php/en/about­Eupati/15­advisors [Zugriff 13.6.2012]

[12] “The advice given and the consequences taken on the basis of their advice will be clearly documented to ensure utmost transparency.” www.patientsacademy.eu/index.php/en/about­Eupati/15­advisors [Zugriff 13.6.2012]

 

Gemeinsame Stellungnahme von Britta Lang (Deutsches Cochrane­Zentrum) Anke Steckelberg (Universität Hamburg) und Klaus Koch (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen)

Für die Bereitschaft, dem wissenschaftlichen Beirat von EUPATI beizutreten, waren für uns folgende Gründe  entscheidend:

  • Objektive, evidenzbasierte Aufklärung für Patientenvertreter über den Wert guter klinischer Studien ist an sich wünschenswert – ebenso eine Klärung, was medizinische Innovationen kennzeichnet.
  • Das Projekt ist zu 50% mit öffentlichen Mitteln finanziert.
  • Die Projektleitung liegt bei einem Verbund von Patientenorganisationen.
  • Die zu erstellenden Informationen sollen evidenzbasiert und neutral sein.
  • Es geht ausdrücklich nicht um indikationsbezogene Informationen. Hier wäre eine Abgrenzung von Werbung kaum möglich.

Es besteht aufgrund der Industriebeteiligung ein hohes Risiko, dass das Projekt ohne kritische Begleitung seine Ziele verfehlt. Die Zusammensetzung der Partner macht es nötig, dass im Projekt Transparenz herrscht. Dazu müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Alle beteiligten Personen und Organisationen legen Interessenkonflikte offen. Im Projekt gibt es transparente Regeln zum Umgang mit Interessenkonflikten.
  • Die Ziele und Methoden der Arbeitspakete sowie der geplanten Evaluation werden vorab in Projektplänen so detailliert wie möglich beschrieben. Sie unterliegen dem Review des wissenschaftlichen Beirats. Sie sind dann verbindliche Grundlage der Erarbeitung. Ergebnisse und Zwischenschritte werden öffentlich dokumentiert.

Sollten diese Voraussetzungen nicht gegeben sein, sehen wir keine Möglichkeit unsere Aufgaben im wissenschaftlichen Beirat wahrzunehmen. Für uns ist Eupati nicht mit ärztlicher Fortbildung durch Industrie gleichzusetzen – ansonsten wäre das Projekt in der Tat gescheitert. Wir sind uns auch bewusst, dass der eine oder andere Projektbeteiligte unsere Beteiligung als Legitimation verwenden wird. Legitimation kann sich das Projekt aber nur durch konsequente Transparenz und methodische Stringenz erarbeiten. Wir sind da selbst gespannt.

Bibliographische Notiz

Der hier veröffentlichte Artikel mit Stellungnahme der Expert_innen erschien bereits in Pharma-Brief: Rundbrief der BUKO-Pharmakampagne, ISSN 1618-0933, Nr. 5, Juni/Juli 2012 und wird hier mit Dank und freundlicher Genehmigung an die Zeitschrift wiedergegeben. 

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