Pflanzenheilkunde

Wissen über die Heilkraft von Natur und Pflanzen ist vielfach verschüttet. Eine Frau, die das Wissen darüber wach hält, ist die amerikanische Expertin für Pflanzenheilkunde, Susun S. Weed. Seit den 1960er Jahren befasst sie sich mit dem Wissen um die Heilkräfte der Pflanzen. In diesem Artikel gibt sie einen Überblick über verschiedene Traditionen der Pflanzenheilkunde und den Weg der Weisen Frauen. Genderaspekte, die Weed anspricht, wirken bis heute fort.

Pflanzenheilkunde

Von Susun S. Weed

Pflanzenheilkunde, der Gebrauch von Pflanzen für Gesundheit und Heilung, ist so alt wie die Menschheit, wenn nicht älter. In jagenden und gemeinschaftlichen Gesellschaften waren Frauen selbstverständlich die Pflanzenkundigen. Diese Verbindung zwischen Frauen und Pflanzen hält bis in unsere Zeit an. Seit der Jahrhundertwende erlebt Amerika eine Renaissance der Pflanzenheilkunde, während in den meisten Ländern im Rest der Welt, besonders in Ländern, in denen Frauen traditionell wegen ihrer pflanzenheilkundlichen Fähigkeiten geehrt wurden, Pflanzenheilkunde für viele akute und die meisten chronischen Gesundheitsprobleme schon immer eine Therapie der Wahl war.

Pflanzenmedizin ist eine komplexe und respekteinflößende Sache, aber sie ist Medizin der Menschen und so einfach, dass sie sogar bei Kindern sicher angewendet werden kann.

Pflanzenheilkunde nach der Tradition der weisen Frauen (Wise Women)

Die älteste bekannte Weise der Anwendung von Pflanzenheilkunde ist die der weisen Frauen, der Weg unserer Vormütter aus Afrika, unserer alten weiblichen Vorfahren. Pflanzenheilkunde wird weiterhin benutzt und respektiert an vielen Orten, besonders in orientalischen Ländern, im mittleren Osten und in Indien.

Weise Frauen sehen Pflanzen als Verbündete und nach innen wirkende wichtige Lebensmittel bzw. Medizin. Mitgefühl, Verbundenheit, Gemeinsamkeit und Anerkennung der Erde charakterisieren die Pflanzenheilkunde der weisen Frauen. Pflegende Kräutertees, mineralreiche Essigkräuter und essbare Kräuter werden von weisen Frauen bevorzugt und, richtig angewendet, sind sie sicher für alle, auch für Schwangere und Stillende. Zu den Lieblingskräutern der weisen Frauen gehören nährende Pflanzen wie Brennnessel, aber auch Rotklee, Hafer, Beinwell, Linde, Löwenzahn, Meeresalgen oder Klette.

Heroische Tradition

In Europa, und später in Amerika, ersetzte die Inquisition heilkundige, pflanzenkundige Frauen gezielt – oft durch Folter und Mord – durch männliche Heroen, die Pflanzen anwendeten, um den Teufel der Krankheit aus dem verhassten Körper auszutreiben. Pflanzen bzw. Kräuter, die Katharsis und Läuterung verstärken sollten, sowie der Aderlass kamen vermehrt zur Anwendung. Die heroischen Traditionen verachteten alle weiblichen Wege. Sie lizenzierten nur Männer als zur Heilung Berechtigte. Wer ohne Lizenz praktizierte, pflanzenkundige Frauen, wurde verfolgt. Einigen heilkundigen Frauen gelang die Flucht nach Amerika, wo sie indianische Pflanzenheilkunde lernten und in ihrer Umgebung hilfreich waren. Doch einige Generationen später wurden sie auch hier verunglimpft und ersetzt durch die Schule ausgebildeter männlicher Ärzte aus England.

Die heroische Tradition ist in verschiedenen Regionen der Welt nach wie vor populär. Dominanz, Manipulation, Isolation und Misstrauen gegenüber der Erde, die weiblich und daher sündig und schmutzig ist, charakterisieren heroische Medizin. Die hauptsächlich verwendeten Kräuter beinhalten potente Stimulanzien und Sedativa wie beispielsweise Cayennepfeffer, Lobelien, Baldrian, Meerträubel (Ephedra), Goldsiegelwurz, Cascara sagrada (Kreuzdornrinde), türkischer Rhabarber (Rheum palmatum) und Aloe. Die meisten „heroischen“ Kräuter sind gefährlich für Frauen, vor allem wenn sie schwanger sind oder stillen.

Wissenschaftliche Tradition

Als die Ausübung der Heilkunde durch lineares entweder/oder-Denken dominiert wurde, ersetzte die wissenschaftliche Tradition die heroische. Jedoch werden Frauen und ihre Beziehung zu Pflanzen erneut geschmäht, wenn auch als Quacksalberei und nicht als Hexerei. Die Suche nach starken Medikamenten bringt Pflanzen ins Labor, wo Wirkstoffe extrahiert, konzentriert, isoliert, standardisiert, desinfiziert und schließlich synthetisiert werden. Die Pflanzen sind hier Rohstoffe, ungenau und unberechenbar. Etwa 85 Prozent von hunderttausenden von Medikamenten, die derzeit angewendet werden, werden direkt oder indirekt aus Pflanzen gewonnen, z.B. Fingerhut (Digitalis), pazifischen Eibe (Taxane als Krebsmedikament), Wild Yam (Cortison, Antibabypille) und Chinchona (Chinin). Medikamente und Pflanzen, die wie Medikamente wirken, können zu schweren Nebenwirkungen führen und sollten als Selbstmedikation von schwangeren und stillenden [oder schwer erkrankten] Frauen nicht angewendet werden.

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Ressourcen zusammengestellt von Susun S. Weed

Achterberg, Jeanne:
Woman As Healer: A panoramic survey of the healing activities of women from prehistoric times to the present. Shambala (Boston), 1990. Es gibt verschiedene deutschsprachige Ausgaben unter dem Titel: Die Frau als Heilerin, erschienen bei Scherz, Taschenbuch bei Goldmann.

Benedetti, Maria Dolores:
Earth and Spirit: Medicinal Plants and Healing Lore from Puerto Rico. Verde Luz (Orocovis, Puerto Rico), 1998.

Bennett, Jennifer:
Lilies of the Hearth: The Historical Relationship Between Women & Plants. Firefly (Willowdale, Ontario, Canada), 1991.

Brooke, Elisabeth:
Medicine Women: A Pictorial History of Women Healers. Quest Books (Wheaton, Illinois & Madras, India), 1997. Von Elisabeth Brooke liegt in deutscher Sprache in mehreren Ausgaben Kräuter helfen heilen : wie man Tees, Tinkturen, Wickel und Salben selbst herstellen kann vor.

Brooke, Elisabeth:
Women Healers: Portraits of Herbalists, Physicians, and Midwives. Healing Arts Press (Rochester, Vermont), 1995. Auch hier gibt es die deutschsprachige Ausgabe:Die großen Heilerinnen von der Antike bis heuteECON-TB. 1997.

Chamberlain, Mary:
Old Wives Tales: Their History, Remedies and Spells. Virago (London), 1981.

Christopher, Dr. John R.:
School of Natural Healing: The Reference Volume on Heroic Herbal Therapy for the Teacher, Student, or Practitioner. Christopher Publications, 1976.

Griggs, Barbara:
Green Pharmacy: The History and Evolution of Western Medicine. Healing Arts Press (Rochester, Vermont), 1997.
Von Barbara Griggs gibt es in deutschsprachiger Übersetzung: Kräuterhexe : das grüne Handbuch für Schönheit und Gesundheit, für das Haus und die Küche, erschienen 1995 bei Econ, Das große Kräuter- Handbuch. Schönheit, Gesundheit, Haus, Küche, 1998 bei Nikol Verl-Ges., Für alles ist ein Kraut gewachsen, Econ 2001 und Gesünder essen: die 100 besten Nahrungsmittel, gemeinsam mit Michael van Straten, erschienen 2007 bei Dorling Kindersley.

McClain, Carol Shepherd:
Women As Healers: Cross Cultural Perspectives. Rutgers University Press (New Brunswick and London), 1989.

Vogel, Virgil J.:
American Indian Medicine. University of Oklahoma Press (Norman & London), 1970.

Weed, Susun S.:
Healing Wise: The Second Wise Woman Herbal. Ash Tree Publishing (Woodstock, New York), 1989.
In deutscher Sprache unter dem Titel HeilWeise bei Frauenoffensive erschienen: 1. Aufl. 1990, 2. Aufl. 1993, 3. Aufl. 1996.

Wichtl, Max :
Herbal Drugs and Phytopharmaceuticals: A handbook for practice on a scientific basis. (Hrsg. u. übers. aus d. Dt. von Norman Grainger Bisset). Medpharm Verlag (Stuttgart) & CRC Press (Boca Raton, Ann Arbor, London, Tokyo), 1994
Dieses Buch ist  unter dem Titel Teedrogen 1984 zuerst in deutscher Sprache erschienen und liegt in verschiedenen Neuauflagen vor.

Nachbemerkung
Susun Weed verweist darauf, dass die hier angegebenen Titel nur ein kleiner Auszug der vorhandenen Literatur zur Geschichte der Kräuterheilkunde sind. Ihr bevorzugtes Themengebiet ist die Geschichte der Pflanzenheilkunde, aber hier hat sie ein Buch zur heroischen Tradition (Christopher) und eines zur wissenschaftlichen Tradition (Wichtl) als Referenzquellen angegeben.

Kontaktdaten der Autorin
Susun S. Weed
Wise Woman Herbal Studies
PO Box 64
Woodstock, NY 12498
United States
Webseite: www.susunweed.com


Übers. ins Dt. von Gudrun Kemper.
Wiedergabe der Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Susun S. Weed.
Bildnachweis: Waleed Alzuhair: Dandelion Weed FlowerCC BY-NC-SA 2.0

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Buchveröffentlichung: Susun S. Weed: Brustgesundheit: Naturheilkundliche Prävention und Begleittherapien bei Brustkrebs

Susun S. Weed (Dokuwiki Brustkrebs)

 

Ein Kommentar zu “Pflanzenheilkunde”

  1. Lilly 20. April 2014 at 12:08 #

    Das Thema Pflanzenheilkunde hat erneut deutlich an Interesse gewonnen…

    Hier ist noch ergänzend ein sehr interessanter Artikel zum Thema Pflanzenheilkunde aus meinem Blog.

    Grundlagen der Pflanzenheilkunde

    LG
    Lilly

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