SPIEGEL: Krebsmedikamente, Zytostatika-Apotheken und "Kick-backs": Gewissenlose Bereicherung

Die „Mondpreise für Krebsmedikamente“ sind spätestens seit Macia Angells Buch über die Pharmaindustrie vielen bekannt. Leider gibt es bis heute keine Unterbindung der perfiden Ausbeutungsmechanismen, zu denen lebensnotwendige Medikamente benutzt werden und mit denen ein ganzes Gesundheitssystem gefährdet werden kann. Der Stand der Dinge ist exemplarisch für gesellschaftliche Fehlsteuerungen in Gesundheitswesen und Gesellschaft.

Chemotherapeutika - Bildnachweis: Scary von Nicki Dugan, CC 2.0

Chemotherapeutika – Bildnachweis: Scary von Nicki Dugan, CC 2.0

Taxane, Anthrazykline, Platin

Ser SPIEGEL bringt diese Woche neue Beispiele mit dem Bericht über „Die Krebs-Mafia“. Beschrieben werden exorbitant hohe Medikamentenpreise, als „Beraterhonorare“ getarnte Zahlungen an onkologische Ärzte (sog. „Kick-backs“) und die Gewinnmargen, die für die Verordnung von Chemotherapeutika in die Taschen von Zwischenhändlern, Apothekern und Ärzten fließen. Betroffen sind auch diverse Brustkrebsmedikamente, etwa die Chemotherapeutika aus Taxanen (Paclitaxel und Docetaxel), Anthrazykline (hier speziell Epirubicin) und Carboplatin. Die sogenannten Apothekermargen machen dabei derzeit einen Großteil der Medikamentenpreise aus.

Einkaufspreise werden verheimlicht

So kostet Paclitaxel, ein „gängiges“ Brustkrebschemotherapeutikum, lt. SPIEGEL im Pharmagroßhandel nur 110€, wird den Krankenkassen jedoch mit 980,22€ in Rechnung gestellt. Der SPIEGEL beschreibt diese Preisspannen als das „bestgehütete Geheimnisse der Branche“. Rohmaterialien der Stoffe mit ausgelaufenem Patentschutz (Generika), zu denen auch die beiden genannten Taxane gehören, könnten bei kostengünstigen Rohmaterialien „zum Spottpreis“ hergestellt werden. Die Apotheken verheimlichten ihre Einkaufspreise. Sie können mit Pharmafirmen die Preise frei verhandeln.

Gesetzliche Krankenkassen – In der Kritik

In der Kritik sieht der SPIEGEL auch die Rolle der Krankenkassen: Unwillig oder unfähig?, fragt der SPIEGEL, denn die Kassen ließen sich von Apotheken und Großhändlern einfach abwimmeln. Warum resignieren Kassen, treten nicht für ihre Versicherten und ihre mühsam erarbeiteten Kassenbeiträge ein? Auch wir als Patientinnengruppe haben von einer großen gesetzlichen Krankenkasse trotz mehrfacher Nachfragen bisher keine Antworten zu Verordnung und Kosten des umstrittenen Medikaments Avastin bei Brustkrebs erhalten.

Zwei Seiten einer Medaille: Kapitalumlenkung im menschenleeren Raum

Prof. Wolf-Dieter Ludwig vom Helios-Klinikum Berlin-Buch kritisiert die Preise für neue Krebsmedikamente lt. SPIEGEL seit Jahren als „schlicht obszön“. Auch die Folgen der Fehlinvestitionen in überteuerte Medikamente zeigt Ludwig deutlich auf: „Das ist doch sehr inhuman, dass eines der reichsten Länder der Welt die letzten Monate eines Krebspatienten nicht mehr menschenwürdig organisiert.“ Ein Tumorpatient sollte, so Ludwig, am Ende des Lebens eine Fachkraft haben. Es gehe um ausreichende Versorgung mit Schmerzmitteln, Sauerstoff und Pflege. „Es kommt darauf an, die Mittel, die man hat, am wirkungsvollsten für die Patienten einzusetzen.“

Wir können das nur unterstreichen. Wir erleben jedoch, dass die Verabreichung von viele Tausend Euro teuren und nicht selten nutzlosen Medikamenten in onkologischen Schwerpunktpraxen am Lebensende keine Seltenheit ist, während die ausreichende Pflege zuhause in unerreichbare Ferne rückt (Stichwort: Onkologie per SMS). Patientinnen, die sterben, werden hin und her geschoben, auch weil in unseren auf High-Tech-Medizin ausgerüsteten Brustzentren kein Platz mehr für sie ist. Wir wollen das Ende des Verschiebebahnhofs.

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 „Die Krebs-Mafia“ von Markus Grill in DER SPIEGEL 15/2012, S. 81-85 (noch nicht online)

Interview von Markus Grill mit Dr. Jörn Graue (Vorsitzender des Hamburger Apothekervereins) am 08.04.2012 zum Artikel bei SPIEGEL online: Betrugsverdacht gegen Ärzte und Apotheker: „Wettbewerb um Krebsmedikamente ist mafiös“

 Dr. Jörn Graue am 10.04.2012 in der DAZ online: Zytostatika-Preise: Politik wünscht Intransparenz und weitere Artikel, z.T. kommentierte Artikel auf DAZ online

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