Krebserkrankungen vermeiden: Wo können wir anfangen?

Sandra Steingraber Reihe 5 / berichtet von G. Kemper

Sandra Steingraber: Living Donwstream

Filmplakat zu Sandra Steingrabers Film Living Downstream

Am 15. Juni 2010 ist der 2. Teil von Sandra Steingrabers Bericht zum President’s Cancer Panel in der Huffington Post erschienen. Steingraber berichtet, dass sie sich als Biologin fachlich in die Arbeit eingebracht hat, doch als sie den Bericht las, an ihre eigene Krebsdiagnose im Jahr 1979 denken musste.

Gefährdende Substanzen sind lange bekannt

Die Situation damals erschien ihr surreal: Ärzte fragten sie, ob sie schon einmal mit geschmolzenem Aluminium oder Materialien aus der Produktion von Autoreifen in Berührung gekommen sei oder ob sie Kontakt zu Stoffen aus chemischen Reinigungen gehabt hätte. Es erschien ihr verrückt, denn sie habe natürlich kein Aluminium geschmolzen und erst der Besuch in einer Bibliothek einige Wochen später habe ihr klargemacht, warum man ihr diese Fragen gestellt hatte. Und es seien die richtigen Fragen gewesen. Blasenkrebs wäre eine Krebserkrankung, die typischerweise durch Kontaminationen in der Umwelt verursacht werde, und die Chemikalien, die dafür verantwortlich gemacht werden, sind lange bekannt. Es wäre ein Leichtes gewesen, bereits vor vielen Jahren diese gefährlichen Stoffe, die Blasenkrebs auslösen, in Produktion, Gebrauch und Entsorgung aus dem Verkehr zu ziehen. Viele Chemikalien stehen außerdem auch im Verdacht, an der Auslösung von Brustkrebs beteiligt zu sein, s. dazu auch Die Zusammenhänge zwischen Brustkrebs und Umwelt (State of the Evidence).

Missverhältnis bei der Informationsvermittlung

Steingraber beklagt im Teil 2 ihrer Huffington Post-Reportage weiterhin das Missverhältnis zwischen dem Wissen, das über das Krebs auslösende Potential im Zusammenhang mit chemischen Kontaminationen bekannt sei – nämlich eine ganze Menge –, und dem, was KrebspatientInnen gesagt werde – nämlich ziemlich wenig, üblicherweise.

Mit Genetik in die falsche Richtung

Andere Diskussionen, die ihr außerdem die Augen geöffnet hätten, waren diejenigen, bei denen sie nach ihrer familiären Belastung gefragt worden sei. Sie und ihre Mutter erkrankten zeitgleich an Krebs, die Mutter jedoch an Brustkrebs. Aber: Steingraber war adoptiert. Auch ihre Tante erkrankte an der gleichen Krebsart wie Sandra Steingraber, Blasenkrebs. Aber eine „familiäre“ – also genetische – Belastung konnte es ja nicht sein.

Der President’s Cancer Panel-Bericht bilde Brücken über diese Missverhältnisse hinweg.

Brücke I: Öffentlichkeitsarbeit für Karzinogene

Der Bericht stelle klar, dass die massiven Schäden durch Umweltkarzinogene nicht adäquat in das nationale Programm zur Bekämpfung von Krebs aufgenommen worden seien, und dass sowohl die Öffentlichkeit wie auch an Krebs Erkrankte sich weithin nicht darüber im Klaren seien, dass die Belege dafür, dass Umweltbelastungen auch Krebs auslösten, zunähmen. Der Bericht hole sie aus den entlegenen Winkeln der wissenschaftlichen Literatur und stelle sie in die Öffentlichkeit.

Brücke II: Politik muss ihrer Verantwortung in der Chemikaliengesetzgebung gerecht werden

Ordnunspolitische Ansätze im Zusammenhang mit Umweltschadstoffen funktionierten nicht. Sie würden nur fragmentarisch wahrgenommen, seien unterfinanziert und würden aufgeweicht, da sie industriell beeinflusst seien. Außerdem mangele es am politischen Willen, sich den Erkenntnissen zu stellen und Gefahren zu erkennen und zu beseitigen. Die Chemikaliengesetzgebung sei entsprechend der wissenschaftlichen Erkenntnis anzupassen. Aus europäischer Perspektive betrachtet sind diese Berichte nicht gerade neu, denn mit der europäischen Chemikaliengesetzgebung REACH (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) gab es in Europa bereits intensivere Ansätze für Verbesserungen, die aber dem von Steingraber beschriebenen Phänomen der Aufweichung bereits mehr oder weniger wieder zum Opfer gefallen sind (s. dazu auch: Lobbyismus in der EU: Kapitulation im Kampf gegen Krebserreger von Nils Klawitter, Spiegel online v. 28.01.2007).

Abgesehen von dem aktuell vorliegenden Bericht des President’s Cancer Panel gibt es aber bisher keine Anhaltspunkte dafür, dass nun ausgerechnet die Vereinigten Staaten diejenigen sein werden, die zeigen, wie man zu einer funktionierenden Chemikalienverordnung, die Gesundheit vor Profite stellt, kommen könnte. Zunächst ist eher mit weiteren Gesundheitsgefährdungen zu rechnen, denn auch gentechnisch veränderte Lebensmittel sind auf dem Vormarsch. Bereits 60 bis 80% unserer Lebensmittel heute sollen lt. Schätzungen bereits in irgendeiner Weise mit Gentechnik in Berührung gekommen sein.

Umweltdetektivin werden

Steingraber jedenfalls kehrte 15 Jahre nach ihrer Ersterkrankung an Krebs zurück in ihre Heimatstadt, um sich dort als Umweltdetektivin an die Arbeit zu machen, zurück zu den ökologischen Wurzeln sozusagen. Und sie entdeckte, dass das Trinkwasser teilweise kontaminiert war mit Rückständen, wie sie von chemischen Reinigungen verwendet werden, bekannte Karzinogene also. Wir alle müssten UmweltdetektivInnen werden, meint Steingraber dazu, nicht ohne wieder einige sehr emotional gestaltete Aspekte einzuflechten, um den Ursachen für Krebserkrankungen in unserer Lebensumwelt auf die Spur zu kommen und mehr Gewicht zu geben, denn die Krebsraten z.B. bei Krebserkrankungen des Kopfes stiegen bereits im Kindesalter an. Und was sollten wir den Kindern zukünftiger Generationen einmal sagen, wenn wir diese Entwicklungen ignorierten?

Weiterlesen

Sandra Steingraber Blog

Sandra Steingraber in der Huffington Post: Bridge to Somewhere – Responding to the President’s Cancer Panel Report (Part 2)

Mehr über Steingrabers Film Living Downstream – Leben stromabwärts (in dt. Sprache bei uns)

Ebenfalls eine Frage der Umwelt und Brustkrebsentstehung: Gestörte Weiblichkeit – Endokrine Disruptoren (WECF e.V., Stand 2010)

Frauen werden giftig – Ein Positionspapier zur Chemikalienpolitik zur REACH-Gesetzgegung in Europa (WECF e.V., Stand 2005)

Mehr zu Frauen, Gesundheit und Umwelt bei Women in Europe for a Common Future (WECF e.V.)

Bildnachweis: Presskit Sandra Steingraber

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