Entmystifizierung, Wegweisung: Das Kerstin Ostmann-Buch

Titelblatt Kerstin Ostmann - Richard Rickelmann

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Kerstin Ostmann – Richard Rickelmann
Es lohnt sich um jeden Tag
Berlin: Aufbau 2011

ISBN 978-3-351-02739-1

Eine Buchbesprechung von Gudrun Kemper

Unzählige Bücher zu Brustkrebs haben in den vergangenen Jahren den Buchmarkt geflutet. Im September 2011 erschien bei aufbau das Kerstin-Ostmann-Buch „Es lohnt sich um jeden Tag“. Eine junge Frau führt zwölf Jahre lang einen Kampf gegen ihren Krebs: couragiert, unverzagt hoffend, kraftvoll Widerstand leistend. Mit bewundernswerter Energie, unerschöpflicher Geduld und großer Leidensfähigkeit bewältigt sie selbst schwerste Krisen. Getrieben von dem starken Willen, die in ihr wuchernden Zellen zu besiegen, macht Kerstin bald die Erfahrung, dass sie nicht nur gegen ihren Tumor zu kämpfen hat. Weitere Gegner stellen sich ein, auch sie so unberechenbar wir ihre tückische Krankheit. Es sind dem Einzelschicksal gegenüber gleichgültige Ärzte, die meinungsautark und selbstherrlich ihr Behandlungskonzept durchziehen – wie am Fließband, mit pflegmatischer Routine, ohne Interesse an einer individuell auf sie zugeschnittenen Therapie, häufig darauf bedacht, den Aufwand in Grenzen zu halten.

Kerstin Ostmann wird ein Opfer gleich mehrerer medizinischer Behandlungsfehler, die ihre Überlebenszeit verkürzt und ihre Hoffnung auf Heilung zunichte gemacht haben. Im klaren Bewusstsein um ihren Zustand, den sie sich nie schön redet, zeichnet sie die letzten Jahre ihres Lebens auf – mit großer Eindringlichkeit, erkennbar gereift an ihrer Krankheit und ohne Ansätze von Larmoyanz. Ostmanns Schilderungen, die LeserInnen mitreißen und mitfiebern lassen, sind ein Plädoyer gegen Gleichgültigkeit und Verdrängung in der Medizin und in der Gesellschaft. Sie gibt damit einer schweigenden Mehrheit betroffener Frauen ihre authentische Stimme.

Was sich verkauft

Solche Erfahrungen mit dem Medizinbetrieb verschrecken, das Publikum liebt eher die Erfolgsgeschichte – Ärzte als wahre Heilungskünstler. Die Brust wird rekonstruiert, die Patientin gilt als geheilt, sie selbst sieht sich geläutert und gestärkt aus der Krise hervorgegangen. In der Öffentlichkeit vertritt die Patientin in Talkshows öffentlichkeitswirksame Botschaften, die mit der Realität nicht notwendigerweise übereinstimmen müssen. Brustkrebs ist heute allgegenwärtig und ständig präsent in den Lifestylereports, meistens mit der rosaroten Botschaft von seiner Heilbarkeit: nur keine Realitätsnähe, nur keine Schilderungen von Betroffenen mit negativen Erfahrungen, stattdessen lieber Beschönigungen. Das Kerstin-Ostmann-Buch fällt aus diesem Rahmen verklärender, dankbarer und braver Erfahrungsberichte. Deutschsprachige Bücher über das Leben mit der Krankheit Brustkrebs, die hinterfragen und beschreiben, was Frauen tatsächlich erleben, sind rar. Gerade deswegen ist dieses Buch so wichtig.

Sinnloser Schmerz: Ein Lebensweg durchkreuzt

Kerstin Ostmann, gestorben am 14. April 2008 an den Folgen ihrer Brustkrebserkrankung, wurde 43 Jahre alt. Sie hinterlässt zwei Kinder. Die Leistungssportlerin ist 32, als sie die Diagnose Brustkrebs erhält. Familienanamnese einer „Hochrisikopatientin“, trotzdem beschwichtigen Ärzte, als sich Symptome für Brustkrebs zeigen: zu 98% gutartig, heißt es. Betroffene hören solche Besänftigungen, die sich später als falsch erweisen, immer wieder, auch heute noch. Ohne entsprechende Planung einer Krebs-OP wird sie operiert, vom Chefarzt persönlich. „Beten“ empfiehlt er Kerstin Ostmann, um über die nächsten fünf Jahre zu kommen. Er lehne, sagt er ihr eines Tages, „schwerere Geschütze gegenwärtig ab“. Doch zu diesem Zeitpunkt war ihre Erkrankung, wie der Chefarzt einige Jahre später einräumt, schon weit fortgeschrittener , als er angenommen hatte. Durch diese Fehleinschätzung haben sich Kerstins Überlebenschancen deutlich verringert. Vom Chefarzt keine weiteren Erklärungen dazu. Da hat die Patientin eben Pech gehabt, Schicksal einfach. Eminenz- statt evidenzbasierte Medizin – die vagen Hinweise auf therapeutische Unterlassungen durch andere Ärzte bleiben folgenlos. Und jemand, der Fehlbehandlungen zugibt oder Verantwortung übernehmen will, ist nicht in Sicht. Diverse Therapien der jungen Patientin sind von unfassbar schlampigen Unterlassungen gekennzeichnet.

Kerstin Ostmann erzählt eindrucksvoll, ohne Mitleid erheischen zu wollen, ihren mutvollen Kampf gegen die Krankheit, ihre Auswirkungen auf die Familie und auf ihr Umfeld, die Reaktionen von Bekannten und FreundInnen auf ihre verschiedenen Krebsstadien und den nicht nachvollziehbaren Umgang diverser ÄrztInnen mir ihr. (Eine Onkologin nach einer Chemotherapie-Gabe auf ihre Lungenentzündung: „Das hätte Ihnen ja fast die Lunge weggeschossen.“). Es sind die Schilderungen über Erfahrungen, die viele von uns machen, wenn sie selbst mit der Diagnose Krebs konfrontiert werden, die aber nichts desto trotz häufig verklärt und geschönt werden.

 „Stufe I: Meine Krankheit macht die Runde. Mitleid erweckend. Befangenheit auslösend.
Stufe II: Mein Krebs mutiert zum Tratsch. Kerstin, ich habe gehört, du hast Krebs?
Stufe III: Mein Tumor hat das Stadium der Sensation verlassen, weckt kaum noch Interesse, er hat mich isoliert.“

So ist das.

Isolierung wirkt fort.

 Ich bin für viele nur noch eine Bezugsperson auf Abruf, ein nicht mehr lohnender Kontakt.“

Der gesellschaftliche Umgang mit der Krankheit Krebs ist unehrlich. Die Krankheit wird verniedlicht und schön verpackt, eine Realität wird gezeichnet, die mit dem, was die Krankheit bedeutet, nicht das Geringste zu tun hat.

Kerstin Ostmann verliert ihre beste Freundin.

„Außer einem Telefonat, einer knappen Begegnung Jahre später mit der lapidaren Erklärung, sie habe damit nicht umgehen können, habe ich nichts mehr von ihr gehört. Manchmal schafft mein Krebs Realitäten, für die ich dankbar bin. Er entzaubert jene Leute, deren Verlust eher ein Segen ist.“

Im Krankenhaus

„Was hatte er mir da eigentlich zugemutet als Krebspatientin, die um ihre Brüste fürchtete?Als Krebspatientin lag ich mit einer Frau in einem Zimmer, die sich ihre Brust vergrößern lassen wollte. Ich sagte ihm, das hätte ich als rücksichtslos empfunden.“

Medizin mangelt es immer noch an der notwendigen Sensibilität, dafür bringt Kerstin Ostmann Beispiele über Beispiele.

Überleben

„Momentan keine Gedanken an Krebs. Ich hatte die naive Hoffnung, ich könnte mich verstecken vor meinen unerwünschten Gedanken und Gefühlen, meinen quälenden Träumen.“ …

„Ich erinnere mich, dass mich der Gedanke beschäftigte, ob es eigentlich einen Typ des Überlebenden gibt und welche Voraussetzungen er mitbringt für ein langes und tumorloses Dasein, und dann immer wieder die Frage, warum es gerade mich mit dieser immensen Wucht traf, erfüllte ich doch alle von den Gesundheitspredigern aufgestellten Kriterien für eine Krebs vorsorgende Lebensweise. Ich rauchte nicht, trank selten Alkohol und hatte einen durchtrainierten Körper.“ …

„Bei meiner zweiten Krebsoperation war mir bewusst, dass sich meine Heilungschancen drastisch verschlechtert hatten. Hatte ich überhaupt Chancen auf eine Gesundung? Oder drehte es sich bei mir nur noch um die Frage, wie lange ich noch zu leben hätte? Und dann sah ich auf einmal mit großer Klarheit, so deutlich wie unter einem Mikroskop, was auf mich zukommen würde. Im Zustand zunehmender Ermattung würde ich an mehreren Fronten gefordert sein.“ …

„Mein Hauptgegner war der Krebs, gleichzeitig aber würde ich mich auf zusätzliche und zermürbende Scharmützel einstellen müssen, mit desinteressierten Ärzten, mit kleinkarrierten Krankenkassenbürokraten, mit ellenlangen Fragebögen von kommunalen Versorgungsämtern, mit langwierigen Erklärungen gegenüber der Rentenversicherung, mit meiner genervten und überforderten Familie, mit Enttäuschungen durch sich absondernde Verwandte und Bekannte.“

Nüchtern richtet Kerstin Ostmann den Blick auf ihr eigenes Leben.

„Was hatte ich nicht entworfen an Idyllen, Hoffnungen und Plänen. Ich war eine begabte und phantasievolle Architektin meiner Zukunft. Konservierte Hoffnungen, malte Wünsche, plante für Jahrzehnte. Und jetzt? Mein Lebensrest vertröpfelte illusionslos.“ …

„Die Angst hatte mich oft wie in Intervallen von Fieberschüben heimgesucht.“

Widerstand … und “eine Abneigung gegen jede Form von Ungerechtigkeit …”

„Frühjahr 2006. In meinen Krebsjahren war ich zum Glück keinen Anfällen von Demut ausgesetzt und der mit ihr einhergehenden dauerhaften seelischen Ermattung, die ich oft bei anderen erlebt hatte. In meinem Zustand hätte ich mir keine schlimmere Heimsuchung vorstellen können als die der knechtenden Demut, die mich in die Rolle einer lämmerhaft ergebenen Beobachterin gedrängt hätte, die zusieht, wie langsam ihr Leben zerfällt. … Die Neigung zum Märtyrertum gehört nicht zur Ausstattung meiner Gene, dafür eine Abneigung gegen jede Form von Ungerechtigkeit …“

Leserinnen des Buches können sich viel Mut borgen, lernen, sich aktiv für das eigene Leben einzusetzen.

Entschädigung?

„Wir hätten Sie hier anders behandelt“, so eine Onkologin an der Uniklinik. „Wie anders?“

Auf diese Frage bekommt Kerstin Ostmann keine Antwort, in diesem Augenblick nicht, auch nicht in den folgenden Jahren. Die Antwort bleibt ihr die Medizin generell schuldig. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, besagt ein bekanntes Sprichwort. Selbst wenn jede medizinische Behandlungsleitlinie die Behandlungsfehler aufzeigt: die Gerichte haben Zeit, viel Zeit. Krebspatienten haben keine Zeit. Auch Kerstin Ostmann überlegt lange, bis sie dennoch 2004 Schadenersatzklage einreicht gegen den Chirurgen, gegen das Krankenhaus, gegen den Betreiber des Krankenhauses. Dass nie eine Entschuldigung für erlittene Behandlungsfehler kommt, gibt schließlich den Ausschlag. Außergerichtlich bietet der Anwalt der Versicherung 1000 Euro an. 1000 Euro für ein Leben? Wir brauchen noch tausendfache Klagen und viel mehr Öffentlichkeit, damit sich die rechtliche Position von PatienInnen endlich verbessert.

Leben im Grenzbereich

„Ich spreche daheim seit langem nicht mehr über meine Befindlichkeiten, selbst höflichen Erkundigungen weiche ich aus. Ich habe erfahren, dass mein Krebs nervt. Unausgesprochene, aber lesbare Gedanken: hoffentlich redet sie jetzt nicht von ihrer Krankheit. Meine Wahrheit war die ausgrenzende Wahrheit meines geliehenen Lebens, dass viele meiner Bekannten in ihrem flapsigen Leben voll hohler Wünsche wie einen Angriff auf ihre schön lackierte Zukunft empfinden mussten.“

Kerstin Ostmann stellt mit der erstaunlichen Abgeklärtheit ihrer jungen Jahre die Frage nach der Sinnhaftigkeit im Leben, die Menschen vor allem in Grenzsituationen immer wieder beschäftigt. Sie reflektiert mit einer Nachdenklichkeit, die beeindruckt – ohne Pathos, ohne Angst zu machen, nüchtern. Sie motiviert zu mehr Widerstand und weniger duckmäuserischer Ehrfurcht vor einer Medizin, die geprägt ist von den Folgen der „Ökonomisierung“ der letzten Jahre.

„Wir liegen hier bereits unterhalb der Grasnarbe, dachte ich. Ob zufällig oder gewollt, hier lagen die Abgeschobenen, die Perspektivlosen. Eine zynische Art der Unterbringung, der Ausdruck einer insolventen medizinischen Geisteshaltung.“

Die häufig von der Wirklichkeit losgelösten Debatten zu Patientenrechten, medizinischen Fortschritten und der Betreuung Sterbender werden geerdet in Kerstin Ostmanns minutiösen Beschreibungen aus dem Alltag einer Krebspatientin in einem Medizinsystem, das von Gleichgültigkeit geprägt ist und in dem die Achtsamkeit für kranke Menschen abhanden kam. Überwichtig werden dann Menschen, die bleiben, mitgehen durch die Untiefen der Krankheit, als verlässliche und anhängliche Begleiter:

„Nun liegt mir nur noch an Menschen, die den Mut aufbringen, sich zu mir zu bekennen. Es sind wenige …“

Adoption

Die Hartnäckigkeit des Journalisten Richard Rickelmann, Mitbegründer der Alexandra-Lang-Stiftung für Patientenrechte, hat Kerstin Ostmanns Stimme bewahrt und ihr Gehör verschafft. Das Buch ist zugleich ein solidarisches Bekenntnis. Rickelmann und seine Frau adoptieren Kerstin Ostmann, werden zum Schutzschild und Fallschirm einer Sterbenden. Die Adoption, die auch die beiden Kinder stützt, berührt als Ausdruck tiefster menschlicher Fürsorge, in die sich der urmenschliche Wunsch mischt, einen geliebten Menschen auch über den Tod hinaus festhalten zu wollen. Leben ist kostbar: „Es lohnt sich um jeden Tag.“ Die beispielhafte wie beeindruckende Mitmenschlichkeit Rickelmanns, der vehement und kompromisslos für Kerstin Ostmanns Leben eintritt, setzt Prioritäten und macht dieses Buch, zugleich Zeugnis einer besonderen Vaterschaft, kostbar, nicht zuletzt auch für Angehörige.

Leseempfehlung

Empfohlen sei das besondere Buch allen gleichermaßen, Frauen und Patientinnen für mehr Empowerment, Angehörigen und FreundInnen für mehr Beistand und Unterstützung, der Medizin in der Erwartung eines ehrlicheren Engagements, den Medien für ein größeres Interesse an der Realität und den Gesunden in der Hoffnung auf mehr Sensibilität und Solidarität im Umgang mit Betroffenen.

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Info, Leseprobe und mehr Info bei aufbau

KVK-Link: Das Kerstin Ostmann-Buch “Es lohnt sich um jeden Tag” in Buchhandel und Bibliotheken

Alexandra-Lang-Stiftung für Patientenrechte

Mehr Info bei uns: Was tun, wenn … eine Frau, die Sie kennen, Brustkrebs hat (Info für Angehörige und FreundInnen)

 Bildnachweis: Abbildung des Titelblatts mit freundlicher Genehmigung des Verlags

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