Fundierte Betrachtung: Mit Kältekappe die Haare bei Chemotherapie retten?

Diagnose Brustkrebs: Lange schon gibt es immer mal wieder Berichte über die „Rettung der Haare“ unter Chemotherapie. Der komplette Haarverlust wird oft als so verletzend empfunden, dass einige Frauen eine Chemotherapie deswegen ablehnen. Der Haarverlust macht die Krebserkrankung auch nach außen sichtbar. Es gibt sogar Frauen, die ihre Angehörigen, dem Mann oder den Kindern z.B., den als „entwürdigend“ empfundenen Anblick ersparen möchten. Das Verfahren ist bereits seit den 1970er Jahren bekannt. Die Kältekappen können im Internet bestellt werden. Die Studienlage ist jedoch leider nach wie vor unzufriedenstellend und für Patientinnen mit Unsicherheiten und Risiken verknüpft.

Mythos Rettung der Haare?

Melanie Cook: My hair

Melanie Cook: My hair started to fall out, so I shaved it off – Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

In der „Welt“ vom 14.07.2014 berichtete etwa Kristian Frigelj unter der Rubrik Panorama/Erfindung über „Die Kältekappe, die Krebskranken die Würde rettet“. Ähnlich positive Beiträge sind auch in weiteren Medien erschienen. Doch was bedeutet die „Rettung der Würde“ therapeutisch? Damit hat sich das arznei-telegramm (a-t) in der Ausgabe vom Mai 2017 intensiv auseinandergesetzt.1 Auch a-t hält gleich im ersten Satz (unter Bezugnahme auf Breed, W. et al.: Expert. Rev. Dermatol. 2011) fest:

„Haarverlust durch Chemotherapie stellt eine große psychische Belastung dar.“

Ja, es wird eine Perücke verschrieben. Doch abgesehen davon, dass nicht alle Frauen eine Perücke wollen, sie ist kein schöner Ersatz. Für die meisten Frauen, die sich einer Therapie unterziehen wollen, ist wahrscheinlich jedoch in der Regel die Frage nach möglichen negativen therapeutischen Konsequenzen die wichtigere. Schließlich machen wir diese grässlichen Therapien nur, weil wir weiter leben wollen. Dem versuchte das a-t anhand der vorliegenden Daten zur lokalen Kälteanwendung auf den Grund zu gehen.

Funktioniert Kopfhautkühlung?

Tatsächlich kann Haarverlust durch die Kühlung der Kopfhaut verhindert werden, einer Metaanalyse mit leider eingeschränkter Aussagekraft zufolge sogar zu rund 60%. Die Studien waren klein (unter 50 eingeschlossene Patientinnen), teilweise unkontrolliert, nur „vereinzelt randomisiert“, so a-t. Zu ähnlichem Ergebnis kamen zwei neuere, allerdings von den Herstellern der Kühlkappen finanzierte Studien aus den USA. Hier waren 182 bzw. 122 Patientinnen mit Brustkrebs unter neoadjuvanter bzw. adjuvanter Chemotherapie (neoadjuvant heißt: Chemotherapie vor OP, adjuvant nach der OP) eingeschlossen. Mit den verwendeten, eng auf der Kopfhaut aufliegenden Kühlkappen, die auch hier erhältlich sind, wird die Kopfhaut auf eine Temperatur von 15 bis 19 Grad heruntergekühlt. Die Kühlkappen sollen mindestens 30 Minuten vor bis 90 Minuten nach der Verabreichung der Medikamente getragen werden.

Unterschiedliche Erfolgsaussichten für unterschiedliche Medikamente

Im Unterschied zur Chemotherapie mit Anthrazyklin, wo bei 50% bzw. nur bei 16% der Patientinnen die Haare erhalten werden konnten, blieben unter Kälteanwendung bei einer taxanhaltigen Chemotherapie die Haare sogar bei 66% bzw. 59% der Patientinnen verschont. Dies heißt jedoch nicht, dass die Haarpracht wie zuvor blieb, es fielen lediglich weniger als 50% der Haare aus, 63% bzw. 55% der Frauen brauchten dennoch danach Kopftuch oder Perücke. Also auch für die meisten Patientinnen, die ihre Haare behalten haben, gab es Einschränkungen. Lediglich 5% der Patientinnen erlitten nach Kälteanwendung gar keinen Haarausfall.

Nebenwirkungen – Störwirkungen

Als Nebenwirkungen der Kältetherapie nennt a-t:

  • Kältegefühl
  • Kopfschmerzen
  • Schmerzen der Kopfhaut
  • Übelkeit
  • Kälteschauer
  • Hautulzerationen

Das Kältegefühl kann so ausgeprägt sein, dass Patientinnen den Versuch mit der Kältekappe abbrechen.

Langzeitfolgen

Wie üblich bei so vielen Ansätzen im Zusammenhang mit Brustkrebs fehlen Daten zu den Langzeitfolgen. a-t schreibt:

„Bedenken bestehen hinsichtlich einer durch die schlechtere lokale Zytostatikawirkung bedingten möglichen Zunahme von Kopfhautmetastasen.“

Solche Fälle sind nach Kopfhautkühlung unter Chemotherapie leider beschrieben. Es lässt sich also nicht ausschließen, dass Kopfhautkühlung hier sogar einen negativen Einfluss auf das Überleben haben könnte. Die – von den Herstellern gesponserten – Vergleichsstudien weisen leider Unterschiedlichkeiten in den Vergleichsgruppen auf, etwa kürzere Nachbeobachtungszeiten oder Verzicht auf die Erfassung einer Metastasierung bei Patientinnen, die Kühlung genutzt hatten, so dass die Datenlage nicht optimal ist. Eine bisher nur im Abstract veröffentlichte, große prospektive kontrollierte Studie, an der überwiegend Frauen mit Brustkrebs teilgenommen hatten, zeigte bei einer Nachbeobachtungszeit von median 26 Monaten sogar „einen numerischen Anstieg von Metastasen im Kopfbereich von 2,9% auf 4,3%. Metastasen an der Kopfhaut (aufgetreten bei 0,4% der so behandelten Frauen innerhalb des Beobachtungszeitraums) oder am Schädelknochen (0,2%) wurden hier ausschließlich nach Kopfhautkühlung beobachtet, Hirnmetastasen bei 28 Patientinnen (4,1%) gegenüber 3 Patientinnen (2,1%)“. a-t mahnt entsprechend deswegen dringend neue Studien an, die Metastasen im Kopfbereich auch tatsächlich erfassen.

Wissenswert

Die Kassen tragen die Kosten für die Kopfhautkühlung bisher nicht.

Die S3-Leitlinie zur Behandlung von Brustkrebs empfiehlt „Nutzen-Schaden-Abwägung“.

a-t selbst hält die Anwendung „im Einzelfall ebenfalls für vertretbar“, wenn die Patientin über die unterschiedlichen Therapieregime, Risiken und Erfolgsaussichten entsprechend aufgeklärt wurde und sie ohne die Kältetherapie eine Chemotherapie ablehnen würde.

Die hier beschriebenen Daten sind auf andere Erkrankungen als Brustkrebs nicht übertragbar!

Unser Standpunkt

Sicherheit bei der Anwendung von Kältekappen zum Erhalt der Haare ist leider Fehlanzeige. Hoffnungsvolle Berichterstattung in den Medien sollte immer kritisch gelesen und hinterfragt werden. Wo gibt es den wissenschaftlichen Beleg für die Versprechungen, welche Daten liegen konkret vor? Wo können sie nachgelesen werden? Das Augenmerk auf „Schönheit“ lenkt von der grundsätzlich schwierigen Entscheidung für oder gegen die Chemotherapie, die viele Patientinnen mit Brustkrebs treffen müssen, ab. Hier fehlen fundierte Entscheidungshilfen mit den notwendigen Daten ebenfalls, wir benötigen sie dringend. Das Versprechen des Erhalts der Haare kann die Kältebehandlung der Kopfhaut oft gar nicht einlösen, und das bei möglichen Risiken, die keine Patientin wirklich will. Und nach der Chemotherapie wachsen die Haare in den allermeisten Fällen wieder nach. Auch wenn nur wenige Patientinnen betroffen sind: Eine Metastasierung ist bisher nicht heilbar.

Stichworte: Kältehaube, Kühlhaube

References

  1. Brustkrebs: Kälte zur Prävention von Chemotherapie-bedingter Alopezie? arznei-telegramm, Jg. 48, Nr. 5, S. 46-47

Benutzungshinweis

Die dieser Webseite zugrunde liegenden Inhalte beleuchten Einzelaspekte aus der Perspektive von betroffenen Frauen und Frauengesundheitsbewegung. Die hier bereitgestellten Informationen sind kein Ersatz für ärztliche Beratung und Behandlung. Im Einzelfall sind Diagnose und Therapieempfehlungen immer Sache der behandelnden ÄrztInnen. Weiterlesen: Haftungsausschluss / Disclaimer

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