Frauen bewältigen Brustkrebs – Über die Jahrhunderte hinweg oder Die Fähigkeit, etwas zu schaffen

Anna Rachnel schreibt über ihre Krankheitserfahrung mit Brustkrebs …

und geht der Frage nach, warum Frauen schreiben, was sie damit (er)schaffen. “Wir werden uns weiterhin mitteilen, wir werden weiterhin schreiben, einfach um das zu tun, was wir tun. Warum? Weil wir es tun!” Spurensuche und ein wenig auch Spuren schaffen, etwas dokumentieren, etwas das bleibt …

Von Anna Rachnel

„Sie können es schaffen. Sie werden es überstehen.“ Diese Worte sagte mir sanft meine Onkologin, Dr. WW, als ich im Jahr 2004 das erste Mal diagnostiziert wurde, angesichts das Leben verändernder Operationen und schwächender Chemotherapien. Und Dr. WW hat diese Worte auch weiterhin eingesetzt als eine Möglichkeit, mich zu überreden, immer wenn wir eine neue Krise hatten und immer wenn eine neue beängstigende Runde von Untersuchungen uns niederzwang zum Wechsel der Chemotherapie.

Dieses kleine Mantra „Ich kann es schaffen“

Interessant für mich ist, dass aus irgendeinem Grund dieses kleine Mantra „Ich kann es schaffen“ bei mir geblieben ist und zu mir hielt, selbst in den schwierigsten Zeiten. Ich bin immer wieder verwundert, was der menschliche Körper und die Psyche in der Lage sind, angesichts einer medizinischen Katastrophe zu ertragen. Und auch wenn viele Menschen so schnell dabei sind, diese Art von Bewältigungsmechanismus tapfer oder Kampfgeist oder auch einfach Charakterstärke zu nennen, für mich ist er einfach der beste Weg den ich kenne, durch eine schreckliche Erfahrung zu gehen. Es hat nichts mit Tapferkeit zu tun. Es ist einfach das, was es ist. Und würden andere nicht genau das gleich tun, wenn sie in meiner Situation wären? Du machst es halt und hältst durch. Irgendwie.

Bathsheba's Breast: Titelblatt des James S. Olson-Buchs

Bathsheba’s Breast: Titelblatt des James S. Olson-Buchs

Bathsheba’s Breast

Im Umgang mit meinem eigenen Krebs-Alptraum bin ich zu einer unersättlichen Leserin aller möglichen Materialien zu Brustkrebs geworden. Vor allem die Geschichte von Brustkrebs hat mich interessiert. Gerade habe ich ein fesselndes Buch – Bathsheba’s Breast: Women, Cancer & History – gelesen.

Nachdem ich das Buch gelesen hatte, habe ich zwei Dinge begriffen. Erstens, wie lange die Krankheit Brustkrebs bereits bekannt ist, offenbar seit den altägyptischen Zeiten, und wie wenig wir erst über Brustkrebs wissen, selbst heute noch. Und zweitens war ich sehr bewegt von den schrecklichen Qualen, die Frauen ertragen haben – und weiterhin ertragen – im Umgang mit der Krankheit selbst und den Behandlungen, die ihnen zugefügt werden durch das medizinische Establishment der jeweiligen Zeit. Tatsächlich sind ihre Geschichten traumatisch und unerträglich grausam für LeserInnen, aber am Ende erinnern sie daran, was Generationen von Frauen schon immer bereit waren, in der Hoffnung auf eine Heilung von dieser schrecklichen Krankheit auf sich zu nehmen.

Anna von Österreich (1601 – 1666)

Anna von Österreich (1601 - 1666) - Abb. Quelle: Wikipedia

Anna von Österreich (1601 – 1666) – Abb. Quelle: Wikipedia

Betrachten wir  Anna von Österreich, die Frau von Ludwig XIII., die 1666 in Frankreich im Alter von 65 Jahren an Brustkrebs starb. Sie hatte zunächst 1663 in ihrer Brust einen Knoten bemerkt, aber sie entschied sich, ihn zu ignorieren, wohl um den schrecklichen und entmutigenden Behandlungsmöglichkeiten bei Brustkrebs in dieser Zeit zu entgehen, die damals die chirurgische Exzision, Blutungen und – Säuberung von der angeblich krebserregenden schwarzen Galle (s. dazu black bile, Cancer causes: Theories throughout history), nach einer beliebten medizinischen Theorie zu Körperflüssigkeiten jener Zeit – umfassten. Im Jahre 1664, nachdem der Schmerz durch den Tumor unerträglich und Anna kränker wurde, konsultierte sie ihre Ärzte. Die Ärzte realisierten, dass eine Operation nicht mehr möglich war, da der Tumor sich bereits bis unter den Arm ausgebreitet hatte, und so begannen sie eine Reihe von Behandlungen, um sie am Leben zu halten. Blutungen, tägliche Einläufe, Säuberungsaktionen, Kräuter-Kompressen und sogar täglich chirurgische Entfernung des nekrotischen Gewebes wurden Annas Realität. Aber es war alles vergeblich, nach ihrem quälenden Märtyrium starb Anna im Jahr 1666.

Im 18. Jahrhundert hatte man die medizinischen Theorien zu den Körperflüssigkeiten bei Brustkrebs weitgehend aufgegeben und die Mastektomie war bevorzugte Methode der Behandlung durch Ärzte der damaligen Zeit. Im Jahr 1811 beschrieb die viktorianische Schriftstellerin Fanny Burney in einem Brief ihre Erfahrungen mit einer Mastektomie ohne Betäubung und ohne geeignete Sterilität. Es folgt ein Ausschnitt der grauenvolle Beschreibung, die vollständig unter dem bei beigefügten Link [Fanny Burney] nachgelesen werden kann.

Fanny Burney (1752 – 1840)

Fanny Burney auf dem Titelblatt der Biographie von Claire Harman

Fanny Burney auf dem Titelblatt der Biographie von Claire Harman

Meine liebste Esther, – & alle meine Lieben, denen sie dieses traurige Liedchen erzählt, wird sich freuen zu hören, dass diese einmal getroffene Entscheidung fest eingehalten wurde, trotz des Terrors, der jede Beschreibung übertrifft, & der höchst qualvollen Schmerzen. Doch – als der fürchterliche Stahl in die Brust schnitt – Venen – Arterien – Fleisch – Nerven – brauchte ich keine Anweisungen, um meine Schreie zu bändigen. Ich begann einen Schrei, der ununterbrochen während der ganzen Zeit des Schneidens dauerte – & ich wunderte mich fast, dass er in meinen Ohren nicht immer noch klingt! so qualvoll war die Agonie. Als die Wunde gemacht wurde, & das Gerät weggenommen wurde, schien der Schmerz ungebrochen, denn die Luft, die plötzlich diese empfindlichen Teile berührte, fühlte sich wie eine Masse von winzigen, aber scharfen & gegabelten Dolchen an , die an den Rändern der Wunde rissen – aber als ich wieder das Instrument fühlte – eine Kurve schreibend, – Schneiden gegen den Strich, wenn ich so sagen darf, während das Fleisch bei so gewaltsamer Art und Weise versucht, sich dem Reifen & der Hand des Betreibers entgegen zu stellen, die von rechts nach links gezwungen wurde – dann, ja, dachte ich, ich muss gestorben sein.

Abigail “Nabby” Smith, Tochter des [zweiten] U.S. Präsidenten John Adams und dessen Frau Abigail, fand 1809 einen Knoten in ihrer Brust. Der Arzt der Familie, William Rush, schrieb nach seiner Konsultation an ihre Familie. [In ihrem Buch “Patient no more” beschreibt auch Sharon Batt, wie Fanny Burney im Jahr 1810 einer Mastektomie unterzogen wurde, ohne jegliche Form einer Lokalanästhesie.]

Nabby Smith (1765 – 1813)

“… Dieses Mittel ist das Messer. Vom Stadium her ist der Tumor jetzt in einer guten Situation für eine Operation. Sollte sie warten, bis es eitert oder sich gar sehr entzündet, mag es zu spät sein … Ich wiederhole es, lassen Sie keine Zeit vergehen, das Messer anzusetzen.“

Schließlich operierte ein Chirurg namens John Warren von Boston Nabby im Schlafzimmer des oberen Stockwerks im Hause der Adams. Seine chirurgischen Werkzeuge bestanden auch aus einer großen Gabel mit zwei sechs Zoll Zinken, die in einer scharfen Nadel endeten, einem Rasiermesser mit Holzgriff, einem Berg Kompressen und einem kleinen Ofen mit glühenden Kohlen für die Erhitzung eines schweren Eisenspachtels.

Nabby betrat das Schlafzimmer in ihrem Sonntagsstaat gekleidet und wurde angewiesen, sich hinzusetzen und sich in einen Liegestuhl zurückzulehnen, auf den ihre Taille, Beine, Füße und der rechte Arm angeschnallt wurden, während ihr linker Arm über dem Kopf gehoben wurde. Während ein anderer Arzt den erhobenen Arm hielt und ein weiterer stand hinter ihr stand und Schulter und Nacken hielt.

Rittlings über Nabby’s Knien lehnend über ihren halb vorgebeugten Körper schritt Warren zur Arbeit ….

Eine vollständige Beschreibung dieser Operation, wiederum durchgeführt ohne Anästhesie und ohne sterile Bedingungen, „Nabby’s Heilung“ und ihr Sterben an der Krankheit im Alter von 48 Jahren im Jahr 1813 aus dem Buch von James S. Olson ist als Aufsatz [in engl. Sprache] verfügbar auf der  Webseite der Staatlichen Sam Houston Universität.

Asa und Lucy Thurston

 Die Thurstons im Jahr 1668, Abb. Wikipedia

Die Thurstons im Jahr 1668, Abb. Wikipedia

Auch Lucy Goodale Thurston (b.1795 – d. 1876), eine auf Hawaii lebende Missionarin, schrieb einen unglaublichen Brief, in dem sie eine Mastektomie ohne Narkose beschreibt, die 1855 durchgeführt wurde. Hier ist ein Auszug:

„Dann gab es einen tiefen und langen Schnitt, zuerst auf der einen Seite der Brust, dann auf der anderen. Schwere Krankheit ergriff mich und ich erbrach mein Frühstück. Darauf folgte eine extreme Schwäche. Meine Leiden waren nicht länger lokal. Da war ein allgemeines Gefühl von Todesangst während der gesamten Operation.“

Das Lesen der Geschichten dieser Frauen erinnert uns an die Widerstandsfähigkeit von Frauen, selbst unter schwierigsten Umständen, und es liegt etwas Verbindendes darin, mit dem ich versuche, meine eigene Brustkrebstherapie zu verstehen. Egal, wie schlecht die Dinge für mich manchmal aussehen, der schiere Terror und Horror, den jede dieser Frauen, die in diesem Beitrag vorgestellt wurden, durchgemacht haben müssen, ist absolut unvorstellbar. Und doch fanden sie irgendwie die Kraft, es so gut wie möglich zu schaffen und sie litten und ertrugen die meisten unbeschreiblichen Erniedrigungen bei der Suche nach einer Heilung ihrer Krankheit. Zu Fanny’s und Lucy’s Fall ist noch zu sagen, dass sie über ihre Erfahrungen schrieben in einer Zeit, als Brustkrebs als Schande galt, etwas das versteckt werden – und schon gar nicht außerhalb der unmittelbaren Familie – diskutiert werden sollte.

Doch irgendwie – da treffen sich meine Erfahrungen und die Erfahrungen dieser Frauen – fanden sie die Kraft. Gayle Sulik’s Artikel The terrible stories (Die schrecklichen Geschichten) und die Diskussion der Arbeiten der afro-amerikanischen Poetin Lucille Clifton, die ebenfalls Brustkrebs hatte, beschreibt tatsächlich sehr gut die Bedeutung des Schreibens als Weg, um mit dieser Art von Trauma fertig zu werden. Die „schrecklichen Geschichten“ von denen Clifton spricht, offenbaren die Macht des Geschichtenerzählens im Zusammenhang mit lebensbedrohlichen Erfahrungen. Die Erzählungen, notwendig und erschreckend, sind eine Art der Kommunikation, die Suche nach Verbindungen und dem Weg, privaten, tief empfundenen Erfahrungen eine Stimme zu verleihen.

Unmöglich, frei über ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen, fanden Fanny und Lucy vielleicht Trost im Schreiben ihres Briefes – und konnten einen Weg finden, mit dem, was ihnen passiert war, fertig zu werden. Wahrscheinlich war das Schreiben sogar ihre einzige Hilfe bei dem Versuch, die großen Verletzungen, die sie seelisch und körperlich durchgemacht hatten, zu heilen. In vielerlei Hinsicht sind es keine anderen Gründe, die uns unsere Blogs über die Erfahrungen mit Krebs heute schreiben lassen.

Beim Lesen und Verarbeiten dieser Geschichten von Frauen war das Besondere für mich ihre Haltung bei der Bewältigung ihrer schrecklichen Operationen und Behandlungen. Es ist eine Fähigkeit, so meine ich, die viele Frauen besitzen. Es ist nicht unbedingt Tapferkeit, Courage oder gesegnete Stärke, vielmehr ist es die Fähigkeit, etwas zu (er)schaffen. Ich denke, es ist diese Fähigkeit, die mich trägt. Und vielleicht ist es das, was meine Onkologin anspricht, wenn sie mir sagt: „Sie können es schaffen. Sie werden es überstehen“. Es ist die Fähigkeit, die so viele Frauen teilen und reflektieren in so vielen Geschichten, in der Vergangenheit und in der Gegenwart, berühmte Frauen und ganz normale Frauen gleichermaßen, was ich sehr inspirierend und motivierend finde.

Im Zusammenhang mit Krebs verkörpern wir fortgesetzt und jeden Tag diese Frauen mit der Fähigkeit, etwas zu erschaffen, wahrscheinlich sogar ohne es zu bemerken. Sarah Horton aus Being Sarah, eine Frau, die ein Buch zu Brustkrebs veröffentlicht in Großbritannien und Gudrun Kemper von Breast Cancer Action Germany, einer unabhängige Stimme für Frauen mit Brustkrebs in Deutschland, wo die Krebskultur von pharmazeutischen Konzernen dominiert wird. Gayle Sulik, die Autorin von Pink Ribbon Blues, die schwerwiegende Fragen zur amerikanischen Brustkrebsbewegung aufwirft, Jody Shoger von Women With Cancer, eine unermüdliche Interessenvertreterin, die die Macht von Twitter (@jodyms) nutzt, um uns mit Nachrichten aus der Krebsumgebung zu informieren, Chemobabe, Katie von Uneasy Pink, Kathi, die Accidental Amazon, Stacey von Bringing Up Goliath, Nancy von Nancy’s Point, Brenda mit Breast Cancer Sisterhood, Marie von Journeying Beyond Breast Cancer, Sarah mit The Carcinista sind ein paar mehr aus dieser wunderbaren Community von schreibenden Frauen mit der Fähigkeit, etwas zu (er)schaffen, die ihre Hausaufgaben machen, um das Feuer am Leben zu erhalten und dabei die Scheinwerfer auf die Realtität des Lebens, das unterbrochen und durch die Krebsdiagnose in Frage gestellt wurde. Wir werden uns weiterhin mitteilen, wir werden weiterhin schreiben, einfach um das zu tun, was wir tun. Warum? Weil wir es tun!

Und an die LeserInnen, es passiert mit diesem Sinn „es zu schaffen“ im Kopf, dass ich heute ein Versprechen von mir einlöse, (erwähnt in meinem Beitrag Moving Forward (Weitergehen)), die Gründung eines neuen Blogs mit dem Namen Can-Do Women, eine Homage an das alltäglichen Leben von Frauen in Vergangenheit und Gegenwart.

Ich werde The Cancer Culture Chronicles weiter schreiben mit der gleichen Energie und Einstellung wie vorher, aber der Can-Do Women blog wird mein begieriges Interesse an der Sozialgeschichte von Frauen und den Wunsch, mehr über die Realität von Krebs hinaus zu schreiben, erfüllen. Ich hoffe, es wird ein interaktiver Blog, in dem wir uns austauschen über „Can-Do-Women“, die uns in Vergangenheit, Gegenwart und dem alltäglichen Leben begegnen. Über eure Meinung freue ich mich, teilt mir mit, was ihr davon haltet und eure Beiträge werden höchst willkommen sein. Sie können in beliebiger Form, in Geschichten, Fotos, Gedichten, Artikeln, Interviews, Bildern, Anzeigen, Rezepten oder Videos bestehen, Schnippsel aus dem Alltag, die Formen sind grenzenlos.

Email: candowomen@gmail.com oder über die Can-Do Women Facebook-Seite. Bitte mitreden. Du bist herzlich willkommen.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Anna Rachnel, Abbildungen sofern nicht anders erwähnt Wikipedia, urheberrechtsfrei, public domain.

Links

Englischer Originaltext von Anna Rachnel: The Can-Do Spirit

Breast Cancer Action: Rezension Bathsheba’s Breast von Jane Sprague Zones

Neues Anna Rachnel-Blog: Can-Do Women: An Homage To The Lives Of Everyday Women, Past and Present

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