Die Macht der Werbung: Eine Fallstudie zu Interessenkonflikten zeigt, wie wir gefährdet werden

Wir leben in der Welt der Werbung, in der wir beständig Signalen ausgesetzt werden, die ein zentrales Ziel haben: uns entsprechend ökonomischer Interessen zu steuern. Geht es dabei um ungefährliche Produkte des täglichen Konsums, kann man vielleicht Wege finden, damit zu leben. In der Medizin wäre aber sehr viel mehr Widerstand notwendig, um gesundheitsgefährdende versteckte Werbung abzustellen. Am Beispiel Aromatasehemmer für die Behandlung von Brustkrebs lässt sich zeigen, wie Wissenschaft und wissenschaftliche Fachzeitschriften zu Werbemedien werden.

Spinning Science: A Case Study in Conflict of Interest ist ein Artikel der Psychologin Dr. med. Marilyn T. Zivian, einer emeritieren Hochschullehrerin der York University in Toronto, Kanada. Sie ist eine der Vorstandsfrauen bei Breast Cancer Action. In ihrem Artikel untersucht sie Veröffentlichungen zu Aromatasehemmern minutiös – nicht zuletzt auf der Suche nach mehr Sicherheit für eigene Therapieentscheidungen. Zivian kommt zu dem Ergebnis, dass es in den Veröffentlichungen nicht immer mit rechten Dingen zugeht. So wurden beispielsweise gesponserte Inhalte nicht als solche gekennzeichnet und Erfolge beim Einsatz von Aromatasehemmern übertrieben positiv dargestellt, obwohl die Daten es nicht hergaben.

Versteckte Werbung

Ausgerechnet die Betrachtung der Forschungsliteratur zu Aromatasehemmern ließ in Marilyn T. Zivian die Erkenntnis wachsen, dass Fachzeitschriften seit rund 20 Jahren Artikel veröffentlichen, die tatsächlich nicht objektive Forschungsergebnisse widergeben, sondern vielmehr eine Maskerade, und die tatsächlich eher Werbung für die Produkte pharmazeutischer Hersteller seien. Zivian beklagt dabei auch die Unfähigkeit und/oder Unwilligkeit von Verlegern und Herausgebern von Fachzeitschriften, eine ordnungsgemäße Begutachtung der eingereichten Manuskripte zu gewährleisteten. Interessenkonflikte seien nicht ordnungsgemäß angegeben worden. Auch von Pharmafirmen gesponsertes Ghostwriting sei ein Thema. Solange dies nicht verboten sei, würden weder ÄrztInnen noch PatientInnen in der Lage sein, fundierte gesundheitsbezogene Entscheidungen zu treffen. Ferner sei die Qualität der medizinischen Versorgung nicht so gut wie sie sein sollte.

Folgen für ÄrztInnen …

Praktizierende ÄrztInnen haben, so stellt Zivian im Fazit fest, im Gegensatz zu ForscherInnen weder die Mittel noch die Zeit, die Ergebnisse wissenschaftlicher Experimente zu nachzuvollziehen und die Daten erneut zu analysieren. Sie müssten sich auf die Ergebnisse verlassen, die zur medizinischen Forschung in der wissenschaftlichen Literatur in Zeitschriften und Kongressberichten veröffentlicht werden. Sind diese jedoch von Interessenkonflikten beeinträchtigt und die publizierten Daten stimmen nicht, so werden Ärztinnen und Ärzte ohne ihr Verschulden darin behindert, ihren PatientInnen die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen, so Zivian.

… und die PatientInnen

Marilyn Zivian kommt zu dem Schluss, dass es letztlich PatientInnen sind, die den Preis für Pharmafirmen zahlen, für die als wissenschaftliche Publikationen getarnten Artikel, für Mehrfachpublikationen, für Überbewertungen und die Erfindungen, die darin verbreitet werden. Sie zahlen mit ihrem Geld, ihrer Gesundheit und mit ihrem Leben. Interessenkonflikte können die Glaubwürdigkeit von Zeitschriften, Autoren und der Wissenschaft selbst untergraben – all dies passiert gerade im Zusammenhang mit Brustkrebs, erklärt am Beispiel Aromatasehmmer – und am Ende sind es die PatientInnen, die unter den Folgen leiden.

Originalbeitrag

Spinning Science: A Case Study in Conflict of Interest von Dr. med. Marilyn T. Zivian (Stand: März 2010, der Originalartikel ist wesentlich umfangreicher und zur Lektüre empfohlen!)

Weiterführende Information

Auch für uns ein Thema: Pharmasponsoring bei klinischen Studien

Aus Zivians Literaturhinweisen: Singer, N.: Medical Papers by Ghostwriters Pushed Therapy, The New York Times, 4. August 2009

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