Florence Williams-Buch: "Breasts" – Zu viel Chemie im Laufe des Lebens

 

Florence Williams: Breasts. A Natural And Unnatural History.
New York: Norton 2012
ISBN 978-0393063189

Während der Stillphase ihres zweiten Kindes las die Journalistin Florence Williams eine Studie zu Giftstoffen, die sich in Muttermilch nachweisen lassen. Sie entschied sich, einen Artikel darüber zu schreiben (Toxic Breast Milk?, erschienen in der New York Times am 09. Januar 2005), und machte dazu den Selbstversuch: Sie schickte eine Probe ihrer Milch – ausgerechnet – in ein Labor nach Deutschland.

Fettlösliche Schadstoffe – gespeichert im Brustgewebe

Das Ergebnis war beunruhigend: Pestizide, Dioxin, Flammschutzmittel, alles wurde nachgewiesen. Wie konnte das sein? In einem Radio-Interview erklärt Williams, dass Brüste „wie Schwämme“ all diese Chemikalien, und insbesondere die fettlöslichen, im Fettgewebe speichern. Eine unbequeme Erkenntnis, so unbequem, dass ÄrztInnen und Hebammen selbst bei uns nur ungern darüber informieren, denn: sie macht Angst. Florence Williams entschied sich trotzdem, dem Thema weiter auf den Grund zu gehen. Die Ergebnisse ihrer Recherche hat sie in ihrem Buch „Breasts: A Natural and Unnatural History“ veröffentlicht, das im Mai 2012 in bei Norton erschienen ist.

Interessant in Williams’ Buch sind besonders die Kapitel zu den Auswirkungen von Hormonen in unserem täglichen Leben. Verschiedene weitere Artikel, deren Inhalte sich im Buch finden, sind bereits online verfügbar, so Younger Girls, Bigger Breasts: Are Chemicals to Blame?, erschienen bei DoubleX am 28.07.2009, My IKEA Couch Reeks of Chemicals, erschienen bei Slate am 21.06.2010, und ein Artikel zur Selbstuntersuchung der Brust: Do Breast Self Exams Works?, erschienen auf Oprah.com im Oktober 2010. Der wissenschaftliche Nachweis zur Wirksamkeit der Selbstuntersuchung der Brust ist bis heute Teil einer wissenschaftlichen Debatte. Das hat die amerikanische National Breast Cancer Coalition NBCC in ihrer Position erstmals bereits 2002 gut ausgearbeitet, s. Bericht zur Selbstuntersuchung. Frauengesundheitszentren sehen die Selbstuntersuchung der Brust allerdings bis heute  durchaus als Möglichkeit, die die Macht über die eigene Brust nicht an einen Röntgenautomaten zu delegieren bzw. die Mammographie als einzig gangbaren Weg.

Following Sandra Steingraber

Florence Williams befasst sich mit Fragen, die schon seit längerem auch bei Sandra Steingraber auf der Tagesordnung stehen. Warum entwickeln sich bei Mädchen die Brüste heute früher (bei einem Drittel der Mädchen in den USA setzt die Brustentwicklung bereits mit 9 Jahren ein[1]), warum werden ihre Brüste durchschnittlich größer und was bedeutet das im Zusammenhang mit der Entstehung von Brustkrebs?

Zu viel Chemie im Haushalt – Über die Kontamination mit endokrinen Disruptoren

Auch der Frage nach Hormonen in der Umwelt und wie sie den Hormonhaushalt von Frauen und die Entwicklung der Brust beeinflussen können, geht Williams nach. Die Spurensuche führt in unsere Haushalte, in Polstermöbel, Teppichböden oder elektronische Geräte, in denen beispielsweise chemische Flammschutzmittel verwendet werden. Bei Untersuchungen an Tieren konnte gezeigt werden, dass diese Flammschutzmittel vom Körper absorbiert werden und mit vorhandenen körpereigenen Hormonen interagieren. Einige dieser Flammschutzmittel interagierten beispielsweise mit Schilddrüsenhormonen, etwa mit dem Thyroid-Rezeptor; Schilddrüsenhormone steuern alle möglichen wichtigen Funktionen im menschlichen Körper, angefangen von der Nervenentwicklung bis hin zur Temperatur im Gehirn. Zusammenhänge zwischen Brustkrebs- und Schilddrüsenerkrankungen sind ebenfalls bekannt.[2] Gerade Plastikprodukte sieht Williams als Quelle von Umwelthormonen, die vom menschlichen Körper absorbiert werden. Sie gehe zwar nicht so weit, Kindern die Freude am Spielen mit Legosteinen zu verderben, aber sie hält Schwangerschaft und Stillzeit für die verletzlichsten Phasen.[3]

Auch Jungen und Männer sind betroffen

Im Radiointerview bei NPR stellt Williams fest, dass man über die Kenntnis der vielen Gifte in unserer Umwelt durchdrehen könne, was sie jedoch nicht empfiehlt. Sie nimmt bezüglich der Dinge, die wir tun können, eine relativ gelassene Position ein und sie sieht es weniger als Aufgabe der einzelnen Frau, all die Giftstoffe aus ihrem Leben zu verbannen, als vielmehr als eine politische Aufgabe. Sie verweist darauf, dass auch Jungen von den hormonimitierenden Stoffen betroffen seien. So käme es durch die Kontamination mit Umwelthormonen vermehrt zu Genitaldefekten bei Jungen, und man sähe vermehrt auch kleine Jungen mit mehr Brustdrüsengewebe. Williams sieht dies als Forschungsfelder der Zukunft. Experte zu diesen Fragestellungen in Deutschland ist insbesondere Prof. Dr. Ibrahim Chahoud von der Berliner Charite, der gleiche Schlussfolgerungen (Auswirkungen auf die genitale Entwicklung, besondere Verletzbarkeit schwangerer Frauen) auf der CHEMSEC-Tagung im Mai 2011 in Berlin bereits berichtet hatte.

Mittelfristig neue Wege finden

Neben der Schadstoffproblematik betont Williams allerdings die Vorteile von Muttermilch und dem Stillen, wie dies auch in ihrem Artikel Toxic Breast Milk? ausführlich beschrieben ist, obwohl sich heute in der Muttermilch DDT, PCBs, Flammschutzmittel, Dioxin, Trichloräthylen, Perchlor, Quecksilber, Blei und andere Schadstoffe nachweisen lassen. Als Quellen für diese Belastungen nennt Williams Farbverdünner, chemische Reiniger, „Holzschutzmittel“ [z.B. Lindan], „Raumdeodorants“, Zusatzstoffe in Kosmetika, Flammschutzmittel, Insektengifte usw. Gnadenlos zeigt sie auf, wo die gefährdenden Stoffe überall stecken, und verweist auf Sandra Steingraber, die in dem auch in deutscher Sprache erschienen Buch „Having Faith: An Ecologist’s Journey to Motherhood“ (Leben wächst in mir, erschienen im Walter Verlag 2002) festgestellt hat, dass es für praktisch all die toxischen Stoffe, die heute in der Muttermilch nachgewiesen werden, ungefährliche Ersatzstoffe gebe. Das wenigstens ist Grund zur Hoffnung. Gemeinsames Engagement von Frauen und Politik wären in der Lage, wenigstens mittelfristig wirksam für Abhilfe zu sorgen.

[Text: Gudrun Kemper]

The Science and Policy of Environmental Toxics and Breast Cancer

Rachel Carson: “Der stumme Frühling” (Silent Spring), Fifty Years Later – 50 Jahre später

Diskussion vom 20.09.2012 – in englischer Sprache – mit:

  • Julia G. Brody, Leitende Direktorin des Silent Spring Institute
  • Sheila Jasanoff, Pforzheimer Professor of Science & Technology Studies (Harvard Kennedy School of Government)
  • Florence Williams, Autorin von “Breasts: A Natural and Unnatural History”, Herausgeberin, Outside Magazine
  • Trey Grayson (Moderator), Direktor des Institute of Politics (Harvard University)

Sandra Steingraber - The Falling Age of Puberty in U.S. Girls[1] F. Williams in ihrem Radiointerview für NPR v. 16.05.2012: Just What’s Inside Those Breasts

[2] Einige Zusammenhänge hat die Ärztin und Diplombiologin Elisabeth Rieping, die selbst an Brustkrebs erkrankt ist, in ihren Dokumenten zur Schilddrüse zusammengefasst.

[3] F. Williams in ihrem Radiointerview für NPR v. 16.05.2012: Just What’s Inside Those Breasts

Weiterlesen

Sandra Steingraber: The Falling Age of Puberty in U.S. Girls. Breast Cancer Fund 2007 (komplett online, leider nur in engl. Sprache)

Dokuwiki Eintrag: Lindan (Insektizid, Biozid)

Ein vermeidbares Brustkrebsrisiko: Pestizide in Haus und Garten (Breast Cancer Action Germany infoblog! Jan. 2007)

Unnatural Women: Rezension von M. G. Lord in der New York Times v. 14.09.2012

[Zuletzt aktualisiert: 21.09.2012] 

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  2. Florence Williams-Buch: “Breasts” – Zu viel Chemie im Laufe des Lebens | maedchenhaftes Bloggen - 21. Juni 2012

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  3. GynäkologInnen gegen ECDs: Am Anfang des weiten Weges zur Bekämpfung hormoneller Schadstoffe - Breast Cancer Action Germany - 29. September 2013

    […] ACOG un ASRM) Brustkrebs und Umweltbelastung (Download Infobroschüre von WECF und AKF) Breasts (Zu viel Chemie im Laufe des Lebens von Florence Williams) ToxFox – Weniger Chemie […]

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