Diethylstilbestrol (DES)

[Entwufstatus! 07-2017]

DES von DES Daughter, Lizenz: (CC BY-SA 2.0)

Diethylstilbestrol (DES, auch Stilböstrol) ist ein synthetisches, carcinogenes Östrogen aus der Gruppe der synthetischen, nichtsteroidalen selektiven Estrogen-Rezeptor-Modulatoren (SERM). DES hat eine hormonimitierende Wirkung und schafft es, an Rezeptoren in menschlichen Körper zu binden und das natürliche hormonelle Gleichgewicht auf diese Weise zu stören. Es wird deswegen auch zu den endokrinen Disruptoren gezählt.

Geschichte

Die Synthese von DES wurde 1938 von dem britischen Wissenschaftler und Arzt Edward Charles Dodds bekanntgegeben. Obwohl dieses „vom Menschen geschaffene“ Hormon strukturell Östrogen überraschend wenig ähnelt, wirkte es wie Östrogen. Das „Östrogen von Menschenhand“ wurde fortan als Wundermedikament für eine Vielzahl von Indikationen eingesetzt und kann durchaus als Prototyp für eine nicht evidenzbasierte Anwendung von Hormonen am Körper der Frau interpretiert werden. Obwohl nicht belegt war, dass es Fehl- und Frühgeburten verhindern kann, wurde es für diese Indikation über lange Zeiträume hinweg schwangeren Frauen verordnet. Erst in späteren Analysen zeigte sich, dass es unter DES sogar zu einem  signifikanten Anstieg von Fehl- und Frühgeburten kommt.1 Frauen wurden weltweit zu Versuchsobjekten, ohne davon zu ahnen, die Wissenschaftlerin Theo Colburn spricht von einem „gigantischen Menschenversuch“.

Ungehörte Warnungen (1952)

Bereits 1952 präsentierte Dr. William Dieckman bei der Jahrestagung der American Gynecological Society „eine vernichtende Anklageschrift“, die herausstellte, dass DES keinen positiven Einfluss auf den Ausgang einer Schwangerschaft hatte, eine spätere Analyse der selben Daten kam zu dem Schluss, dass DES einen signifikanten Anstieg von Fehl- und Frühgeburten verursacht hatte, während sich auch die Neugeborenensterblichkeit erhöhte. 9230

Doch der Einsatz des Medikaments in der Schwangerschaft wurde fortgesetzt und auch die zuständige Behörde in den USA, die FDA, schränkte den Einsatz in der Schwangerschaft vorerst nicht ein. Einzelne Ärzte waren gewarnt, doch viele ignorierten die Forschungsergebnisse und immer weiter erhielten noch Hunderttausende Frauen während der Schwangerschaft DES verordnet.9230 Bis zum Einsatz von DES hatte sich in der Wissenschaft überwiegend die Meinung durchgesetzt, dass ein Medikament sicher sei, solange es keine unmittelbar sichtbaren Missbildungen hervorrief und das Verständnis von möglichen Langzeitfolgen war noch nicht entwickelt.

DES in der Pharmawerbung (1957)

Es gab keine Daten, die die versprochenen Wirkungen belegen und schwerwiegende Nebenwirkungen wurden erheblich unterschätzt.2Sie beschreibt u.a. die Pharmawerbung für DES:

„In prestigeträchtigen Journalen wie dem Journal of Obstetrics and Gynecology erschienen großangelegte Anzeigenwerbungen von Pharmafirmen, beispielsweise eine Reklame der Grant Chemical Company von Juni 1957, die dafür warb, DES „für alle Schwangerschaften“ zu verordnen, und damit prahlte, dass man so „größere und kräftigere Babys“ schüfe.“3

Langzeitwirkung Vaginalkarzinom u.a. (1971)

1971 wurde schließlich die Langzeitwirkung von DES belegt: Diethylstilbestrol wirkt teratogen und führt bei den Nachkommen zum Auftreten von u.a. Vaginalkarzinomen4 und verschiedenen Missbildungen der  inneren Geschlechtsorgane bei Mädchen und auch bei Jungen, wenn die Mutter das Medikament in den ersten Monaten der Schwangerschaft eingenommen hat.

Darüber hinaus hat man Hinweise, dass die pränatale und postnatale Einwirkung von DES oder anderen synthetischen Östrogenen den sich entwickelnden Fetus für Östrogen sensibilisieren kann und es entwickeln sich erhöhte Neigungen zu späteren Erkrankungen an Brustkrebs, Gebärmutterkrebs oder Prostatakrebs, die mit dem Einfluss auf das (künstliche) Östrogen in Verbindung gebracht werden. 5

Auswirkungen auf T-Zellen und natürliche Killerzellen

Desweiteren soll DES auch Einfluss auf die körpereigene Abwehr haben, indem sie die sog. natürlichen Killerzellen beeinträchtigen. Diese Zellen verhindern ggf. die Ausbreitung von Krebskrankheiten in andere Körperbereiche (Metastasierung) und es wirkt theoretisch verständlich, wie Krebserkrankungen bei Beeinträchtigungen schließlich einen schwierigeren Verlauf nehmen könnten. Entsprechende permanente Veränderungen in der Funktionsweise von T-Zellen und von natürlichen Killerzellen konnten gezeigt werden. Auch die Wahrscheinlichkeit für Autoimmunerkrankungen (z.B. der Schilddrüsenentzündung Hashimoto-Thyreoditis ) und Immundefekte sollen bei den Betroffenen speziell im Alter zunehmen.6

Erhöhte Brustkrebsgefährdung als Spätfolge – Dithylstilbestrol und Brustkrebs (1994)

In seiner Ausgabe 1994; Nr. 5 : 48 schreibt das unabhängige arznei-telegramm zu Spätfolgen und Brustkrebs nach DES:

Zwischen 1940 und 1970 erhielten Millionen Frauen Diethylstilbestrol (DES; CYREN u.a.) vor allem zur Vermeidung von Fehlgeburten. Obwohl das synthetische Östrogen in den 70er Jahren als Gynäkologikum vom Markt verschwand,* sind die Folgen nicht ausgestanden: Junge Frauen, deren Mütter in der Schwangerschaft mit Stilbestrol behandelt wurden, erkranken an Krebs der Scheide und des Gebärmutterhalses (1 von 1.000 Töchtern; a-t 6 [1971], 38). Töchter (50% bis 70%) und Söhne leiden an den Folgen der häufigen nicht malignen DES-bedingten Missbildungen der Geschlechtsorgane. Auch die Mütter selbst sind betroffen: Eine Fall-Kontroll-Studie an über 500.000 US-amerikanischen Frauen bestätigt deren erhöhte Brustkrebsgefährdung. Der Gebrauch von Diethylstilbestrol steigert das Risiko tödlichen Brustkrebses um etwa ein Drittel. Die Gefährdung scheint sich mit größerem zeitlichen Abstand zur Exposition nicht zu verändern. Die Autoren raten, Frauen mit Stilbestrolbehandlung in der Vorgeschichte besonders zu regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen zu motivieren 7.

Diethylstilbestrol (DES) – Spätfolgen (2008)

„DES gilt als ein Beispiel, welche Konsequenzen Patienten durch eine unqualifizierte Evaluation der Risiken eines Arzneistoffes zusammen mit einer euphorischen Wirkungsvermutung zu tragen haben. Der Einsatz dieses Arzneistoffes gegen verschiedene Schwangerschaftskomplikationen führte nach 15 bis 22 Jahren bei den geborenen Töchtern zu vaginalen Adenokarzinomen. Noch später entdeckte man gehäuft Hypoplasien der Zervix und des Uterus, so dass bei diesen Frauen schwerwiegende Schwangerschaftskomplikationen (ektopische Schwangerschaft, Fehlgeburt, Frühgeburt) auftraten. In Frankreich stellte deshalb ein Berufungsgericht 2006 fest, dass der Hersteller von DES (wurde bis 1981 dort noch verordnet) nicht nur für das Auftreten von Vaginalkarzinomen, sondern auch von morphologischen Veränderungen der Vagina und des Uterus sowie von Infertilität bei den betreffenden Frauen verantwortlich gemacht werden kann. Über den Verdacht eines erhöhten Risikos einer Hypospadie bei Söhnen von Müttern, die DES einnahmen, wurde bereits berichtet (Rhein. Ärztebl. 6/2007).“ 8

Bildnachweis: DES Daughter, Lizenz: (CC BY-SA 2.0)

Weiterlesen

Bücher

„Die bedrohte Zukunft“ von Theo Colburn (1996). Colburn setzt sich im Kapitel 4 „Hormonstörfälle“ (S. 76 ff) speziell mit DES und den Folgen auseinander

Frauen gegen Gen- und Preproduktionstechnologien: Beträge vom 2. Bundesweiten Kongress. Frankfurt, 28. – 30.10.1988. Hg. v. Paula Bradish, Erika Feyerabend u.a. München: Frauenoffensive 1989. Darin: Murphy, Joan: DES – Eine hormonelle Zeitbombe. S. 190 ff und Goerlich, Annette: DES. S. 195 f

Internet

Webseite zum Buch: Our Stolen Future
DESAction International

Kanzerogenes Stilbestrol u.a. in Kräutermitteln (arznei-telegramm v.  Juli 2002)
Kanzerogenes Stilbestrol in so genannten Kräutermitteln (arznei-telegramm v. Juni 2002)
Gefährliches Geflügel (Der Spiegel v. 23.12.1959)

References

  1. Colburn, T. Die bedrohte Zukunft, S. 86 3-426-26864-7
  2. Die bedrohte Zukunft, a.a.O., S. 77
  3. Colburn, T.: Die bedrohte Zukunft, a.a.O., S. 78
  4. Adenocarcinoma of the Vagina: Association of Maternal Stilbestrol Therapy with Tumor Appearance in Young Women, Arthur L. Herbst [u.a.]. N Engl J Med 1971; 284:878-881 http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJM197104222841604
  5. Colburn, T.: Die bedrohte Zukunft, S. 97
  6. Colburn, T.: Die bedrohte Zukunft, S. 98
  7. CALLE, E. E. et al.: Am. J. Epidemiol. 144 [1996], 645
  8. Rheinisches Ärzteblatt, Sicher Verordnen, Folge 196, S. 9 unter Bezugnahme auf: Prescr. Intern. 2008; 17. 128
5 Kommentare
  1. […] Begünstigung von Brustkrebs in Zusammenhang gebracht.  So hat sich bei dem tragischen Fall von DES (Diethylstilbestrol) gezeigt, dass die Exposition von ungeborenen Mädchen mit dem Anstieg einer bis dahin seltenen […]

  2. […] Entdeckung des künstlichen Östrogens Diethylstilbestrol (DES) 1938, einer Chemikalie, die sich im menschlichen Körper wie ein Hormon verhält, widmet sich […]

  3. […] vergessenen Anfänge ein (1940er bis 1970er Jahren und die Versuche mit dem synthetischen Östrogen Diethylstilbestrol (DES).  Der Leiter der Abteilung II 1 – Umwelthygiene stellt außerdem Auswirkungen von hormonell […]

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