Die Befreiung der Brustkrebsgene (3): CBS-Berichterstattung zum „Patent-Urteil“

(Zuletzt aktualisiert: 15. September 2013)

Beitrag bei 60 minutes - zum Video Der Trend einer industrialisierten Gesundheitsfürsorge wird uns voraussichtlich noch lange beschäftigen. Eine US-Fernsehsendung aus der Reihe „60 minutes“ hat sich gerade intensiver mit einigen der damit verknüpften Fragen befasst, über die hier im Weiteren berichtet wird.

Wir haben viele Dinge von unseren Vorfahren in die Wiege gelegt bekommen. Dazu gehören auch unsere Gene, die manchmal Krankheiten begünstigen können. Heute haben unsere Gene teilweise aber andere Besitzer. So utopisch sich dies anhört, sie sind patentiert durch profitorientierte Unternehmen. Tausende von Genen sind bereits patentiert worden. In den USA und auch in Europa hat das biopharmazeutische Unternehmen Myriad die Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2 für sich patentieren lassen. In einer CBS-Berichterstattung vom 5. April 2010 geht Morley Safer, ein kanadischer Journalist in den USA, der Frage nach, ob Firmen menschliche Gene besitzen dürfen, um damit Profite zu machen, und berichtet über die Hintergründe des neuen Gerichtsurteils zu den BRCA-Genen, das die Patentierung der Brustkrebsgene gerade für ungültig erklärte.

Was die Patente bewirken – Eingeschränkte Möglichkeiten für betroffene Frauen

In der CBS-Berichterstattung kommen betroffene Frauen zu Wort, die in den USA Erfahrungen mit den Myriad-Tests für die BRCA-Bestimmung gesammelt haben. Es geht dabei auch um versicherungsrechtliche Fragen. US-amerikanische Versicherungen müssen für die Kosten der Tests in Höhe von 3.200 US-Dollar für einen einfachen Bluttest meist aufkommen, doch bei weitem nicht alle Menschen haben eine Versicherung, die die Kosten trägt. Es ist in den USA bisher nicht möglich gewesen, die BRCA-Tests in unabhängigen Labors auf Richtigkeit überprüfen oder preiswerter durchführen zu lassen. Das ist bei der Tragweite der Therapieentscheidungen, die Frauen mit positivem Gentest treffen müssen (z.B. frühzeitige Entfernung der Eierstöcke und möglicher Verzicht auf eigene Kinder oder die Entfernung beider Brüste), oft nicht hinnehmbar.

Die juristische Situation

In den vergangenen Jahren war in den USA der Stand bei der medizinischen Testung der Brustkrebsgene so, dass es keinerlei Möglichkeiten gab, die teuren Myriad-Tests zu umgehen. Morley Safer ließ deswegen die Professorin für Rechtswissenschaften Lori B. Andrews vom Chicago Kent College of Law zu Wort kommen. Sie erklärte, die Patentierung der Gene wäre vergleichbar mit einer Situation, in der der erste Arzt, der eine Nieren-OP durchgeführt hat, sich gleich die menschlichen Nieren hätte patentieren lassen.

Der Genpatentierung vorausgegangen war ein amerikanisches Urteil aus dem Jahr 1980. Dieses habe die Patentierung eines lebenden menschlichen Microorganismus‘ für möglich erklärt. Biotechunternehmen hätten dann schnell begriffen, dass die Tür zur Patentierung menschlicher Gene offen stand.

Forschung und Gesundheitsversorgung eingeschränkt

Lori Andrews erklärt weiter, dass die Patierung ernste Folgen für unsere Gesundheitsversorgung habe. Mit der Patentierung habe Myriad nicht nur die Gene besessen, sondern die Krankheit. Myriad hatte die Genpatente 1994 beantragt und die Tests in den USA aggressiv beworben. Mehr als 400.000 Frauen haben sich in der Folge in den USA testen lassen. Doch Myriad habe andere Forschung unmöglich gemacht. Andere Einrichtungen konnten nicht mehr an der Krankheit forschen, und das sei das Problem, das entsteht, wenn eine einzige Firma ein Gen besitzt (bzw. wenn es den Besitz des Gens juristisch inne hat). Niemand konnte mehr legal an den Genen forschen, was die Forschung behindert habe. In Ländern, die die Genpatente nicht anerkannt hätten, konnten dagegen unabhängige Labors und Pathologen an den Genen weiterforschen. Sie entdeckten auch Genmutationen, die die Myriad-Tests nicht gefunden haben.

Zur Kostenfrage erklärt Lore Andrews, dass die Tests nur ca. 1/10, nämlich vielleicht nur rd. 300 US-Dollar kosten würden, wenn es die Patentierung nicht gäbe und das Gen weiterhin Gemeingut sei. Myriad selbst sieht dies natürlich anders und hält dagegen. Es ist immer die gleiche Argumentation. Nach dieser Logik scheinen erst überhöhte Profite über Patente Forschung möglich zu machen. Anders sah dies noch aus, als >>> Jonas Salk den Polio-Impfstoff entwickelte. Auch er wurde in den 1950er Jahren gefragt, ob der Impfstoff patentiert sei, und er antwortete, dass es kein Patent gäbe, auch die Sonne könne man schließlich nicht patentieren. Von der Sonne einmal abgesehen, lässt sich heute aber wohl fast alles andere patentieren, und auch Salk gründete späte seine eigene Pharmafirma.

Jedenfalls steht die Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU), die die Klage eingereicht hatte, auf dem Standpunkt, dass die Genpatente nicht mit der amerikanischen Verfassung in Einklang zu bringen sind und die Gesundheitsrechte der Betroffenen verletzen. Die Myriad-Patente sind in den USA 1998 anerkannt worden und laufen im Jahr 2018 aus. ACLU richtet sich im Übrigen nicht gegen die Patentierung von einzelnen Tests zur Austestung der Brustkrebsgene. Doch die Gene selbst – die Produkte der Natur seien – könnten nicht patentiert werden. Eine Auffassung, die auch das Gericht jetzt teilte. Doch die Anfechtung des aktuellen Urteils wird allgemein bereits erwartet, und auch der Streit um die Brustkrebsgene geht damit weiter.

Mehr Info

Die Befreiung der Brustkrebsgene (2): Patentanspruch auf Brustkrebsgene abgewiesen

Die Befreiung der Brustkrebsgene (1): Keine Profite auf Leben und Tod

Berichterstattung zum Urteil im Deutschen Ärzteblatt

Urteil zur Annullierung der BRCA-Gene

TV-Bericht: Patented Genes

Bildnachweis: Screenshot Patented Genes BCAG 

 

4 Kommentare
  1. […] CBS berichtete über das Urteil und die Auswirkungen, die auch für uns interessant sind … >>> weiterlesen infoblog!: 03.04.2010 – >>> Die Mammographie im Spiegel – Beginn einer […]

  2. […] Die Befreiung der Brustkrebsgene (3): CBS-Berichterstattung zum “Patent-Urteil” (05.04.2010) […]

  3. […] Myriads BRCA-Patente Die Befreiung der Brustkrebsgene: Keine Profite auf Leben und Tod Die Befreiung der Brustkrebsgene (2): Patentanspruch auf BRCA-Gene abgewiesen Die Befreiung der Brustkrebsgene (3): CBS-Berichterstattung zum “Patent-Urteil” […]

  4. […] Die Befreiung der Brustkrebsgene (2): Patentanspruch auf BRCA-Gene abgewiesen (03/2010) Die Befreiung der Brustkrebsgene (3): CBS-Berichterstattung zum “Patent-Urteil” (04/2010) Die Befreiung der Brustkrebsgene (4) – Mehrere Tausend […]

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