Eingeschränktes Forschungsinteresse: Brustkrebsrisiken und Arbeitswelt

Ein Forscherpaar aus dem Bereich der Arbeitsmedizin in Kanada hat mit seiner Grundlagenforschung den Anstoß dazu gegeben, dass die American Public Health Association (APHA) im November 2014 mit ihrer Stellungnahme Breast Cancer and Occupation (No. 20146) zu „global action“ aufgerufen hat.

Frauen, die in Bereichen wie der Automobil-, Kunststoff- und Lebensmittelkonserven-Industrie beschäftigt sind, wo es potenziell zu hohen Expositionen gegenüber Karzinogenen und endokrinen Disruptoren (EDCs) kommt, haben nach einer 2012 durch Jim Brophy und Margaret Keith veröffentlichten Studie 1 ein erhöhtes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Es sei damit belegt, dass die Exposition am Arbeitsplatz ein relevanter Einflussfaktor auf die Neuerkrankungsrate für diese Krankheit sei, so Jim Brophy, der gemeinsam mit Margaret Keith u.a. die Ergebnisse  in der Fachzeitschrift Environmental Health veröffentlicht hat, s. Originalveröffentlichung unter Weiterlesen unten.

Arbeitsmediziner Jim Brophy und Mararet Keith

Brustkrebsrisiko und Beschäftigung

Jim Brophy und Margaret Keith haben Arbeits- und Umweltmedizin – und dabei zum wiederholten Mal speziell die Zusammenhänge zwischen Brustkrebsrisiko und Beschäftigung – über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten untersucht. Die beiden hatten vormals als Leitender Direktor und als Forschungskoordinatorin an der Arbeitsmedizinischen Klinik für Berufstätige in Ontario (Occupational Health Clinic for Ontario Workers, OHCOW) gearbeitet und sind gegenwärtig Lehrbeauftragte an der Windsor University. Zwischen 2002 und 2008 haben sie gemeinsam mit der Soziologie-Professorin Eleanor Maticka-Tyndale 1.005 Frauen mit Brustkrebsdiagnose aus den Regionen Essex und Kent untersucht und anschließend Daten über Zeiten der Berufstätigkeit und Reproduktionsgeschehen verglichen mit einer Kontrollgruppe von 1.147 Frauen, die nicht erkrankt waren.

Auf der Suche nach den Ursachen: Lifestyle, Arbeitsbelastung, betroffene Branchen

Sie fanden dabei heraus, dass bestimmte Branchen mit erhöhten Risiken verknüpft sind, so z.B. Landwirtschaft, Automobil- und Kunststoffproduktion, Konservenindustrie und Metallverarbeitung. Das höchste Risiko für prämenopausalen Brustkrebs in dieser Studie trugen Frauen aus der Automobilbranche. Das Risiko in diesen besonders belasteten Bereichen kann um bis auf mehr als das Dreifache erhöht sein.

Die Teilnehmerinnen füllten Fragebogen aus, die reproduktionsmedizinische Daten zu Menstruations- und Wechseljahren, Verwendung von Hormon“ersatz“therapie und oralen Kontrazeptiva sowie zur Familienanamnese beinhalteten. Zusätzlich zu demographischen Fragen wurden Lifestyle-Faktoren einschließlich Einkommen, Bildung, körperlicher Aktivität, Gewicht und Body Mass Index, Alkoholkonsum, Rauchgewohnheiten und Wohnorten abgefragt. Der berufliche Werdegang wurde einschließlich Beginn und Beendigung für bis zu 12 Arbeitsplätze untersucht, einschließlich einer Beschreibung der jeweiligen Arbeitstätigkeiten und Kategorisierung von Beruf, Branche und Exposition.

Ein vernachlässigtes Thema: Berufliche Exposition und Brustkrebsrisiko

Die Ergebnisse seien signifikant, so Brophy, der darauf verweist, dass Forschung in Bezug auf berufliche Expositionen und Brustkrebsrisiko ein im Allgemeinen vernachlässigtes Thema sei. Bisher gäbe es nur drei veröffentlichte Studien, die sich mit Brustkrebs und Berufstätigkeit ähnlich wie in der  vorliegende Studie befasst hätten, und davon nur eine, die Details zur reproduktiven Gesundheit mit eingeschlossen habe.

Belastungen am Arbeitsplatz: Eingeschränktes Forschungsinteresse

In ihrem Artikel Kein Blumenladen: Erforschung von Brustkrebs, Krebsrisiko und Gender Bias … in der Industrie für Automobilteile aus Plastik in Ontario setzt sich die Journalistin Mary-Louise Leidl mit den Forschungsergebnissen von Brophy und Keith näher auseinander und verweist darauf, dass in der Forschung zu wenig Interesse bestehe, sich mit beruflichen Risiken zu befassen. In einem Interview von 2012 habe Margaret Keith überdies darauf verwiesen, dass Frauen in der Arbeitswelt generell wenig Beachtung fänden und dass man deswegen zu wenig über ihre beruflichen Risiken wisse. Gemeinsam mit Brophy setzt sich Margret Keith seit den 1970er Jahren für Frauen ein, die in Kanada in einigen der gesundheitsgefährdendsten Arbeitsumgebungen beschäftigt sind. Schwerpunkt der Forschungsarbeiten ist dabei Plastik. Es sei notwendig, sich mit Bevölkerungsgruppen, die besonderen Belastungen ausgesetzt seien, zu befassen und ihre Erfahrungen zu integrieren.

Autokultur / Plastikwelt

Kritisch setzt sich Mary-Louise Leidl in ihrem Bericht mit der Autokultur der westlichen Gesellschaft auseinander. Ein durchschnittliches Auto enthalte heute durchschnittlich ca. 120 bis 150 kg Plastik. 37% der Arbeitsvorgänge mit Plastik würden von Frauen ausgeführt. Die Autoindustrie ist in Kanada, wie in anderen westlichen Ländern, von Deindustrialisierung betroffen. Die Produktion wird gegenwärtig in die sog. „Billiglohnländer“ verlagert. Allerdings gibt es noch viele kleinere Zuliefererfirmen, in denen 60 – 80 Prozent Frauen beschäftigt seien, die kaum über gewerkschaftliche Interessenvertretung verfügten. Die Arbeitsplätze seien oft heiß, geruchsbelastet bis verqualmt, kurz: dort arbeitende Frauen seien einer giftigen Suppe aus Chemikalien ausgesetzt. Chemikalien können bei Berührung über die Haut absorbiert, über die Atmung auch inhaliert und über Mund, Lunge und Haut aufgenommen werden. Als bei der Arbeit akut auftretende Beschwerden beschreibt Leidl Asthma, Kopfschmerzen, Erbrechen, Nasenbluten, Hautveränderungen usw. Außerdem litten die Frauen an Krankheiten des Reproduktionssystems und Fehlgeburten, Krebs und speziell an Brustkrebs.

Steigende Krebsraten

Kanada hat, nach den Vereinigten Staaten, die zweithöchste Brustkrebs-Erkrankungsrate weltweit. Mary-Louise Leidl sagt, dass die Mainstream-Krebsorganisationen sowie der Komplex aus Medizin, Regierung und Konzernen die Öffentlichkeit gern glauben lassen möchte, dass die ansteigenden Brustkrebsraten mit Genetik und sog. Lebensstilfaktoren wie ungesunder Ernährung, Alkoholkonsum, Rauchen oder Bewegungsmangel zusammenhingen. Obwohl seit den 1970er Jahren bekannt sei, dass bestimmte Chemikalien am Arbeitsplatz für 40% der Krebserkrankungen verantwortlich gemacht werden könnten, würden Behörden auf diesem Auge blind sein, während der Fokus auf individuell modifizierbare Lebensstilfaktoren gelegt würde. Mit anderen Worten: Der schwarze Peter wird der kranken Frau zugeschoben. Frauen seien verletzlicher gegenüber der Exposition mit Chemikalien, weil sie durchschnittlich kleiner seien und einen höheren Anteil an Fettgewebe im Körper haben, wo sich Chemikalien ansammeln (akkumulieren) können. Von dort könnten sie nicht mehr ausgeschieden werden, da die Chemikalien persistent seien.

Unzählige künstlich hergestellte Chemikalien, viele davon mit hormoneller Wirksamkeit, die als Krebs auslösend eingestuft oder gar nicht untersucht sind, befinden sich in der Luft, in Wasser und Boden, an Arbeitsplätzen, in unseren Wohnungen und in unserem Körper (sogar in der Muttermilch). Brustkrebs behandeln ist wichtig, jedoch aus Perspektive der öffentlichen Gesundheitsvorsorge (Public Health) wollen wir Brustkrebs vermeiden. 2

Text: Gudrun Kemper

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Neue Studie zeigt Hochrisiko-Berufe für Brustkrebs auf: New study targets high-risk occupations for breast cancer / University of Windsor

Originalveröffentlichung der Studie: J. T. Brophy et al., Breast Cancer Risk in Relation to Occupations with Exposure to Carcinogens and Endocrine Disruptors: A Canadian Case-Control Study, Environmental Health 11(87) (2012): 1-17, doi: 10.1186/1476-069X-11-87 (pdf)

Mary-Louise Leidl: Not a flower shop: Exploring breast cancer risk and gender bias … in the automotive plastics parts industry in Ontario, the Canadian Women’s Health network online, 18.07.2012, (pdf)

Arbeits- und berufsbedingte Krebserkrankungen: Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse unter besonderer Berücksichtigung weiblicher Krebsformen, Arbeitspapiere Berufskrankheiten Nr. 3, Arbeitnehmerkammer Bremen, Stand 04/2014 (pdf)

Bildnachweis/Credits: Jim Brophy, Margaret Keith embedded über Uni Windsor, Kanada; Foto Titelseite Arbeitnehmerkammer Bremen: BCAG; Beitragsbild: Silhouette industrielle von Gregory Tonon (Lizenz CC BY-SA 2.0)

 

References

  1. 1. J. T. Brophy et al., Breast Cancer Risk in Relation to Occupations with Exposure to Carcinogens and Endocrine Disruptors: A Canadian Case-Control Study, Environmental Health 11(87) (2012): 1-17, doi: 10.1186/1476-069X-11-87 http://www.ehjournal.net/content/pdf/1476-069X-11-87.pdf http://www.ehjournal.net/content/pdf/1476-069X-11-87.pdf

  1. 2. letzter Satz übersetzt/zitiert: Celeste Monforton, School of Public Health, George Washington Univ. in: Schmidt, D., Windsor cancer reasearch sparks call for action by global health organization, Windsor Star v. 15.02.2015 http://blogs.windsorstar.com/news/0212-news-cancer http://blogs.windsorstar.com/news/0212-news-cancer

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  1. Umweltbelastungen und Brustkrebs: Internationales Netzwerk „From Pink to Prevention“ zeigt Defizite auf - Breast Cancer Action Germany - 28. Februar 2016

    […] und es werden keine hinreichenden Schutzmaßnahmen getroffen, s. dazu auch unserer Bericht Eingeschränktes Forschungsinteresse: Brustkrebsrisiken und Arbeitswelt. So haben z.B. Flugbegleiterinnen von Transatlantikflügen mit Schichtarbeit höhere Risiken, die […]