Brustkrebsmonat: Was unausgesprochen im Raum steht – Umweltbelastungen und Expositionen am Arbeitsplatz

 Internationaler Beitrag zum „Brustkrebs-Monat“

Das Netzwerk „From Pink to Prevention“ hat auch in diesem Jahr wieder eine „Oktober-Aktion“ mit interaktiven Poster erarbeitet, in dem engagierte Menschen aus verschiedenen Ländern – Belgien, Deutschland, Frankreich, England, USA, Kanada, Australien und Philippinen – zu Wort kommen. Es geht darum, Brustkrebs zu stoppen – bevor die Krankheit beginnt und es ist Zeit, dass etwas passiert. An dieser Stelle ein besonderes Dankeschön an Helen Lynn und Deborah Burton, deren Broschüre Brustkrebs und Umweltbelastungen (pdf) wir schon länger in einer deutschsprachigen Version anbieten.

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Interaktives Poster – Form Pink to Prevention

Während die Brustkrebsinzidenz weiter steigt und Umweltbelastungen in Wohnungen, am Arbeitsplatz und in Lebenswelten von Frauen zunehmen, oftmals ohne dass wir die Möglichkeit hätten, dies zu erkennen oder zu vermeiden, gibt es Aspekte, die in der allgemeinen Öffentlichkeit kaum Beachtung finden.

  • Ein großer Prozentsatz der Brustkrebserkrankungen kann mit Lebensstilfaktoren nicht erklärt werden.
  • Die Brustkrebsrate ist weltweit weiter angestiegen, in Deutschland ist sie innerhalb der letzten beiden Dekaden von unter 50.000 Neuerkrankungen auf ca. 70.000 geklettert, in Großbritannien gab es seit den 1970er Jahren einen Anstieg um 64% (Screening-Techniken spielen in diesem Zusammenhang ebenfalls eine Rolle).
  • Es gibt 216 Chemikalien, die mit der Entstehung von Brustkrebs in Zusammenhang gebracht werden. Und es gibt mindestens 1.000 Chemikalien, die im Verdacht stehen, das Hormonsystem von Lebewesen zu schädigen.

Es gibt eine beachtliche Menge wissenschaftlicher Daten bezüglich einer breiten Palette von risikobehafteten Chemikalien in Umwelt und Arbeitswelt (z.B. Karzinogene und hormonell wirksame Stoffen), die sich in unseren Alltag eingeschlichen haben. “From Pink to Prevention“ will deswegen auf die besonders außerhalb der Wissenschaft weniger bekannten Zusammenhänge hinweisen und Zusammenhänge aufzeigen, die nicht im „rosa Rampenlicht“ stehen.

Niedrige Expositionsrisiken[1], die uns ein Leben lang (sogar bereits pränatal) unsichtbar begleiten, dürfen nicht länger vertuscht werden. Sie s­­­tehen als Ursache von Brustkrebs nicht in einem Gegensatz zu den aktuell dominant verbreiteten Lebensstilfaktoren – wie beispielsweise Ernährung, Rauchen, Gewicht, Bewegung – im Fokus öffentlicher Gesundheitsinformation. Es geht vielmehr um weitere gesundheitliche Belastungen, die mehr Beachtung verdienen. Die Arbeit von Behörden, Industrie oder Charity-Organisationen sollte ebenso nicht ausschließlich auf bessere Diagnostikverfahren und Therapien zur Bekämpfung von Brustkrebs gerichtet sein, vielmehr müssen gesundheitliche Auswirkungen von „Chemikaliencocktails“, denen wir alle vielfach täglich ausgesetzt sind, ebenso Berücksichtigung finden.

Diese Risiken könnten gesuchte Schlüssel zum Verständnis der Ursachen von Brustkrebs und weiterer Krebserkrankungen und Gesundheitsstörungen sein. Engagierte und ExpertInnen sagen, warum die Dinge beim Namen genannt werden müssen und wo mehr Druck notwendig ist, um Primärprävention auf die Tagesordnung zu stellen. Primärprävention bedeutet, die Entstehung von Brustkrebs zu vermeiden. Dies wird fälschlich teilweise mit Früherkennung („Sekundärprävention“) verwechselt.

Brustkrebsmonat – schon der Begriff muss sich ändern

Gudrun Kemper, Breast Cancer Action Germany:

“Weil viele Millionen von Frauen inzwischen hyperbewusst gegenüber Brustkrebsrisiken sind, gibt es keinen Bedarf mehr für irgendein „rosa Brustkrebs-Bewusstsein“. Was wir jetzt brauchen, ist ein besserer Überblick über die vollständigen Zusammenhänge. Wenn man schon von Brustkrebsmonat spricht, sollte es wenigstens um die Vermeidung von Brustkrebs (Primärprävention) dabei gehen.“

Es gibt die Tendenz, sich auf Krebs zu konzentrieren – anstatt auf Krebs verursachende Substanzen

Professor Andrew Watterson, University of Stirling (UK)

„Wenn über Brustkrebsvermeidung gesprochen wird, geht es um Lebensstilfaktoren und darum was ein Individuum tun kann. Bekannte und im Verdacht stehende Umwelt- und Arbeitsbelastungen werden nicht genannt. Nach Schätzungen können wir 50% der Brustkrebserkrankungen bisher nicht erklären, doch es gibt Forschungsarbeiten die nahelegen, dass etwa 85% der Brustkrebserkrankungen in einem Zusammenhang mit der Langzeitexposition durch Krebs verursachende Substanzen und Umweltbelastungen stehen, einschließlich Ernährung und weiteren Faktoren. Es gibt Bereiche, in denen wirksam für Abhilfe gesorgt werden kann. Hier sollten Interventionen jetzt ansetzen. Die Behandlung von Krebs ist [für mehr Überlebende] ebenso entscheidend, wie die Vermeidung von Expositionen durch Karzinogene. Es gibt 216 Chemikalien, bei denen Zusammenhänge zur Entstehung von Brustkrebs bekannt sind. Wir können verschiedene Dinge vermeiden. Wir können Krebs verursachende Stoffe entfernen, was der Ansatz der Weltgesundheitsorganisation WHO ist (bereits im Vorfeld vermeiden, damit Menschen möglichst gar nicht erst erkranken), und behandeln, wenn notwendig. Die WHO schätzt, dass bis zu 19% aller Krebserkrankungen auf das Konto von toxischen Umweltbelastungen gehen, aber wenn wir uns mit den größeren Krebsorganisationen befassen, sehen wir, dass viele von ihnen diese Fragen vom Schirm verloren haben.“

Radio-Beitrag auf “BBC Radio 4 Woman’s Hour” (2012) ‘Unpinking Cancer[2]

Wir haben das Recht zu wissen, dass Brustkrebs als Umwelt- und Berufskrankheit besser vermeidbar ist. Die Belege dazu liegen vor, doch es wird nicht darüber gesprochen

Lisette van Vliet, Ph.D., Senior Policy Advisor, Health and Environment Alliance, BelgiumHealth and Environment Alliance (HEAL)

„Die Health and Environment Alliance (HEAL) ist eine führende Plattform von Gesundheits- und Umweltgruppen, die daran arbeiten, europäische Richtlinien im Sinne der Gesundheit von Menschen zu verbessern. HEAL arbeitet daran, das vorliegende Wissen besser darzustellen und die Wissengrundlage für die Gesundheitswissenschaft in der EU und im internationalen Entscheidungsverfahren zu verbessern, was Zusammenhänge zwischen Brustkrebs und Umweltbelastungen einschließt. Wir sehen, dass ein Hauptaugenmerk auf Brustkrebs liegt, sowohl von Seiten zivilgesellschaftlicher Gruppen, wie auch von Wissenschaftlern, um einen Weg zu finden, das wissenschaftliche Wissen zu Zusammenhängen und Risikofaktoren zu verbessern. Es ist allerdings bisher nur unzureichend an die Adresse der Politik gerichtet.“

Qualtativ hochwertige Quellen, die sich auf wissenschaftliche Evidenz stützen

The President Cancer Panel: Reducing the Environmental Cancer Risk (USA)
The Collegium Ramazzini: Endocrine Disrpting Chemicals in the EU (EU) und die
WHO Asturias Declaration (WHO)

In der Asturias Declaration stellt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Umwelt- und berufliche Faktoren an die erste Stelle hinsichtlich der Möglichkeiten einer Primärprävention von Krebs.

„Die Verringerung und schließlich Beseitigung der Exposition gegenüber Karzinogenen in der Umwelt und am Arbeitsplatz ist der effektivste Weg, um eine Reihe von Krebserkrankungen zu verhindern“.

Lisette van Vliet, leitende Politikberaterin für Chemikalien und Gesundheit bei HEAL, die an der „International conference on environmental and occupational determinants of cancer: interventions for primary prevention“ der WHO teilgenommen hat, stellte dazu fest:

„Die Declaration stellt einen wichtigen Meilenstein bei der Entwicklung eines internationalen Konsenses über die Primärprävention von Krebs dar, das heißt, Krebs stoppen, bevor die Krankheit beginnt durch Beseitigung von Expositionen gegenüber schädlichen Chemikalien am Arbeitsplatz und in der Umwelt. Die Anerkennung durch medizinische und wissenschaftliche ExpertInnen und die WHO unterstreichen unsere Forderung nach spezifischen EU- und nationalen Zielen und einer Reduzierung um die Hälfte bis 2020 umso dringlicher.“

Mehr zum Thema:
Health & Environment Alliance (HEAL)

Große Brustkrebsvereinigungen informieren Frauen nicht

Diana Ward – From Pink to Prevention, Australien

„Viele Brustkrebsvereinigungen sind hoch angesehen als Organisationen, die Patientinnenvertretung, Unterstützung und Informationen für Frauen, die von der Krankheit betroffen sind, leisten bzw. anbieten. Oft wird auch die breite Öffentlichkeit über Brustkrebs informiert. Deswegen ist es beunruhigend festzustellen, dass führende dieser Organisationen Frauen nicht über ALLE Risikofaktoren informieren, während sie ihren Fokus praktisch ausschließlich auf Lebensstilfaktoren (wie z.B. Ernährung, Rauchen, Gewicht, Bewegung) richten. Lebensstilfaktoren sind wichtig. Aber was ist mit den Auswirkungen toxischer Chemikalien auf die Gesundheit? Wie wir wissen, gibt es eine Vielzahl von Forschungsergebnissen über Zusammenhänge zwischen Brustkrebsentstehung und Expositionen gegenüber Chemikalien in Umwelt und am Arbeitsplatz, z.B. Karzinogene und hormonell wirksame Chemikalien. Brustkrebs ist eine hormonabhängige Krankheit. Genetische Faktoren betreffen weniger als 10% der Fälle. [Für die von Genveränderungen betroffenen Frauen wäre eine Vermeidung von Krebs verursachenden Umweltbelastungen überdies besonders wichtig, Anm.d.Übers.] Nur ein kleiner Anteil der restlichen rund 90% der Brustkrebserkrankungen lässt sich auf Lebensstilfaktoren zurückführen. Warum kümmern sich so viele Krebsorganisationen, Industrie und Behörden nicht um Chemikalienbelastungen in Umwelt und Arbeitswelt? Die selektive und enge Fokussierung der Brustkrebsorganisationen auf Lebensstilfaktoren ist einerseits ein Hindernis dafür, dass diese Gesundheitsrisiken öffentlich zur Kenntnis genommen werden. Andererseits steht die einseitige Fokussierung der Weiterentwicklung von anderen wissenschaftlichen Strategien zur Primärprävention entgegen. Brustkrebs vermeiden ist besser als der von der Industrie bevorzugte Weg pharmazeutischer Interventionen [vor oder] nach Ausbruch der Krankheit. Nicht zuletzt haben bereits viele Frauen ihr Vertrauen in die Integrität von Krebsorganisationen verloren, weil ihnen das Wissen zu Umweltbelastungen dort vorenthalten wird.“

Was sind EDCs, wo sind sie, warum müssen wir über sie informiert sein und wie hoch ist der Schaden, den sie verursachen?

Das Hormonsystem besteht aus seiner Reihe von Drüsen, die Hormone produzieren. Diese Hormone regulieren den Stoffwechsel, Wachstum und Entwicklung, Sexualität, Reproduktion etc. und umfassen ein komplexes System, das u.a. die Eierstöcke, Hoden, Schilddrüse, Nebennieren, Bauchspeicheldrüse und unser Gehirn einschließt. Endokrine (also hormonell) störende Chemikalien (EDCs) interagieren mit diesem komplexen System, sowohl in Hinsicht auf die Menge der im Körper produzierten Hormone, wie auch in Hinsicht auf ihre Verteilung. Hormonell störende Chemikalien sind allgegenwärtig. Wir können sie in unseren Wohnungen, am Arbeitsplatz und in der Umwelt nicht selbst vermeiden. Sie sind enthalten in Plastik, Kosmetika und in Pestiziden, in Haushaltsgegenständen von der Einrichtung über Teppiche bis hin zu Utensilien in unserer Küche sowie in Lebensmitteln.

Zwar hat die EU bereits auf Verbesserungen gedrungen, doch die Industrie sieht das anders. Sie hat aktiv Veränderungen im Zusammenhang mit der Verbreitung von EDCs blockiert. [s. dazu: EU-Chemikalien-Regulierung: Wie die Industrie in Brüssel ihren Willen bekommt in: SPIEGEL ONLINE v. 20.05.2015]

Wir wissen, dass Brustkrebs eine hormonell gesteuerte Krankheit ist. EDCs imitieren im Körper das Sexualhormon Östrogen. Nach der WHO-Veröffentlichung State of the Science of Endocrine Disrupting Chemicals (2012) handelt es sich um rund 1.000 Chemikalien, die nachgewiesenermaßen in das Hormonsystem von Lebewesen eingreifen bzw. die im Verdacht stehen, dies zu tun. Für 216 dieser Chemikalien sind außerdem Zusammenhänge zur Entstehung von Brustkrebs aufgezeigt worden. Warum also werden unsere Behörden nicht aktiv? Warum schließen die Zuständigen, wenn es um die Vermeidung von Brustkrebs geht, neben Lebensstilfaktoren EDCs nicht ein?

Die französische Journalistin und Filmemacherin Stephane Horel hat sich jahrelang mit Zusammenhängen von Konzernlobbyarbeit in der EU und den daraus resultierenden Auswirkungen auf Umwelt- und Gesundheitsrichtlinien in Europa befasst. Ihre Filme Le Grande Invasion und Endocrination geben zusammen mit ihren umfassenden Recherchen und Veröffentlichungen einen tieferen Einblick in diese Zusammenhänge. [3Sat zeigte am 15.01.2015 ihre Dokumentation Umweltgifte und Lobbyismus (Aus dem Pressetext: „Die Dokumentation „Umweltgifte und Lobbyismus“ von Stephane Horel zeigt, wie schwierig es ist, politische Entscheidungen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu treffen, weil auch die Wissenschaft politisch und wirtschaftlich instrumentalisiert wird“.]

Eine verschmutzte Umwelt bedeutet, es betrifft auch Menschen

Helen Lynn, Alliance for Cancer Prevention, UK

„Es ist schockierend herauszufinden, dass regulär durchschnittlich 70.000 Chemikalien kommerziell genutzt werden, für die es bei lediglich 10% geeignete Gesundheits- und Sicherheitsinformationen gibt. Dies ist bedingt durch das historische Fehlen einer Regulierung, fehlenden politischen Willen und den Mangel an Unternehmensverantwortung. Über 1000 dieser Chemikalien greifen nachweislich in das Hormonsystem von Lebewesen ein bzw. sie stehen zumindest im Verdacht, dies zu tun. Wir wissen, dass insbesondere östrogenartig wirkende Substanzen das Brustkrebsrisiko beeinflussen können. Chemikalien, von denen bekannt ist, dass sie hormonell wirksam sind (EDCs), sind besonders deswegen besorgniserregend, weil sie in Alltagsprodukten, einschließlich Lebensmitteln und Getränken, die wir ständig verwenden, enthalten sind. Kosmetika und Körperpflegeprodukte, Plastik, Nahrungsmittel und Nahrungsmittelverpackungen sowie Einrichtungsgegenstände können solche Substanzen enthalten. Diese toxischen Chemikalien können sich im Körper und im Fettgewebe, einschließlich dem Fettgewebe der Brust, anreichern. Wissenschaftliche Untersuchungen haben nachgewiesen, dass sich bis zu 300 unterschiedliche künstliche Chemikalien im Körper von Menschen bzw. in Körpersekreten, so auch in der Brustmilch, nachweisen lassen. Eine Vielzahl davon ist bekannt für ihr Krebs verursachendes Potential in Lebewesen und konnte bereits im Nabelschnurblut von Neugeborenen nachgewiesen werden, darunter auch neurotoxische Chemikalien und solche Chemikalien, die für Entwicklungs- und Reproduktionsprobleme in Säugetieren (einschl. Menschen) verantwortlich gemacht werden.

Toxische Chemikalien, die im Zusammenhang mit der Entstehung von Brustkrebs und anderen Krebserkrankungen, Gesundheitsstörungen und Krankheiten stehen, gehören nicht in unseren Körper. Es geht nicht ausschließlich um EDCs, auch andere Risikofaktoren wie ionisierende Strahlung müssen dringend besser berücksichtigt werden. Nach allem, was wir bisher in diesem Zusammenhang wissen, ist es unerlässlich zu fragen: Warum werden Belastungen aus Umwelt und Arbeitswelt nicht in sämtliche Strategien und Programme gegen Krebs integriert?“

Mehr zum Thema:
Social and gender inequalities in environment and health (WHO, pdf), angemerkt: Die WHO zitiert Helen Lynn und verweist auf ihre/unsere Broschüre
Environment and health risks: of social inequalities (WHO, pdf)

Brustkrebsrisiken am Arbeitsplatz

Dr. Jim Brophy and Dr. Margaret Keith , University of Windsor Ontario

„Unsere langjährige wissenschaftliche Forschungsarbeit hat zu einem klaren Ergebnis geführt: Frauen, die am Arbeitsplatz Karzinogenen und hormonell wirksamen Chemikalien ausgesetzt sind, haben ein höheres Risiko an Brustkrebs zu erkranken. Belastungen am Arbeitsplatz können unterschiedlich sein. Menschen, die in diesen Branchen arbeiten, stellen dabei eine Art Barometer für das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft dar. Toxische Chemikalien, die in der Arbeitswelt produziert und verwendet werden, finden ihren Weg in die Umwelt, wo sie zur Bedrohung für Menschen aller Altersgruppen werden. Im Jahr 2012 haben wir mit einem internationalen, multidisziplinären Team von Forschern gearbeitet, die die vollständigen Krankengeschichten von 2.100 Frauen aus Südwest-Ontario (Kanada) gesammelt hat. Dabei haben wir herausgefunden, dass Frauen aus Landwirtschaft, Metallindustrie, Gastronomie, aus der Plastikindustrie für Automobile und der Lebensmittelverpackung ein erhöhtes Brustkrebsrisiko hatten. Besonders erwähnenswert ist, dass prämenopausale Frauen sowohl in der Plastikindustrie für Automobile als auch in der Lebensmittelverpackung ein nahezu fünffach erhöhtes Erkrankungsrisiko hatten. Gemeinsam mit der National Network on Environments and Women’s Health (NNEWH), Gewerkschaften und anderen Frauengesundheitsorganisationen haben wir als Interessenvertretung von Frauen gefordert, dass an diesen Arbeitsplätzen Untersuchungen vorgenommen und Verbesserungen umgesetzt werden. Das Problem gibt es nicht nur in Kanada, es betrifft Menschen weltweit. Wir arbeiten mit allen zusammen, die zur Vermeidung aufrufen, weil wir auf dem Standpunkt stehen, dass keine Frau gezwungen sein sollte, Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, die ihr Krebsrisiko erhöhen.“

Mehr Informationen zu Brustkrebs am Arbeitsplatz:
Arbeits- und berufsbedingte Krebserkrankungen: Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse unter besonderer Berücksichtigung weiblicher Krebsformen (Arbeitnehmerinnenkammer Bremen, pdf)
Breast Cancer and Occupation: The Need for Action (American Public Health Association, APHA, pdf)

Yes we can! Vermeidung statt “pink” ist möglich

Gayle Sulik, Ph.D. Founder Breast Cancer Consortium USA

„Über die letzten 30 Jahre hat die Brustkrebsbewegung daran gearbeitet, Brustkrebs zu einer nationalen Priorität zu machen, Bewusstsein zu fördern und Spenden zu sammeln, für soziale Unterstützung zu sorgen und Einfluss auf Forschung zu nehmen. Frauen waren die Vorreiterinnen in Sachen Informationsaustausch, Entwicklung von Maßnahmen und Selbstbestimmung von Patientinnen. Damit wurde viel Gutes bewirkt. Aber heute würde ich sagen (und habe es gesagt), dass es dringend notwendig ist, andere Diskussionsschwerpunkte zu setzen, wenn man tatsächlich Krebs bekämpfen will, und zur Kenntnis zu nehmen, dass es ein Meer von Desinformation, Trivialisierung und Kommerzialisierung gibt, was die Bewegung und die gute Sache selbst unterlaufen hat. Der rosa Rummel führt die Aufmerksamkeit weg von Bemühungen und Ansätzen, die eine bessere Chance böten, etwas an Erkrankungsraten, Risiken und der Epidemie insgesamt zu verändern. Ich sehe mich bestärkt durch viele hartnäckige Aktivistinnen, eine zunehmende Anzahl von Journalistinnen, ÄrztInnen und Öffentlichkeit, die ihre Stimme erheben, um Transparenz und Vertrauenswürdigkeit von allen Interessengruppen im Kontekt der Brustkrebsindustrie einzufordern. Obwohl sie mit unterschiedlichen Problemen umgehen und unterschiedliche Methoden nutzen, ist eine kritische Haltung erforderlich, wenn sich etwas verändern soll. Wir müssen neu nachdenken über Brustkrebs. Dabei müssen wir die Herangehensweise von „Bewusstsein gegen Brustkrebs mit rosa Schleife“ hinter uns lassen. Wir brauchen Wahrheit. Evidenz. Taten statt Worte.“

Breast Cancer Consortium, USA
www.breastcancerconsortium.net

Warum einige von uns “pink” skeptisch sehen

Patricia Kearns, Pink Ribbons, Inc. Scriptwriter; Research And Network Advisor, Breast Cancer Action Quebec

„Unsere langjährigen wissenschaftlichen Erfahrungen hatten sich zunächst Hoffnung, Stärke und Gemeinschaftssinn durch Spendenaktionen mit rosa Schleife vorgestellt, doch unser Film Pink Ribbons, Inc. warf kritische Fragen zur Industrie und der „Marke rosa Schleife“ auf. Die Kritik zum Trend der Geschäftemacherei und Profitorientierung im Umgang mit Krankheit nimmt zu. “Pink washing” bedeutet, Produkte, die Brustkrebs verursachen können, mit rosa Schleife zu verkaufen, um Geld gegen Brustkrebs zu spenden. Brustkrebs wird so zu einer guten Sache – für große Konzerne -, denn Frauen treffen 80% aller Kaufentscheidungen. Wir bei Breast Cancer Action Quebec können nicht anders, als diesbezüglich mehr als sein wenig skeptisch zu sein.

Deswegen ist es unverzichtbar, sich ein wenig mehr über die kleinen rosa Lügen, die aktuell im Oktober sehr verbreitet sind, zu informieren, kritische Fragen zu stellen, auch danach, was mit den Spenden passiert. Nach so vielen Jahren des Einsammelns sieht es so aus, dass nur sehr wenig Geld der Suche nach den Ursachen von Brustkrebs gewidmet wurde und wird (weniger als 5% werden für „Prävention“ verwendet).“

Es geht darum, Brustkrebs zu stoppen – bevor die Krankheit beginnt.

Es ist Zeit, dass etwas passiert. Helfen sie mit beim „Entfernen der „rosa Augenbinde“ (pdf) und helfen Sie, unsere Fragen bei Krebsorganisationen, Behörden und Industrie zu stellen:

  • Warum wird der Zusammenhang zwischen gravierenden toxischen Chemikalienexpositionen in Umwelt- und Arbeitswelt und der Entstehung von Brustkrebs -jahrzehntelang und bis zum heutigen Tage – ignoriert?
  • Warum beschränken sich Krebsorganisationen weiterhin mehr oder weniger auf individuelle Aspekte der Verhaltensprävention („Lifestyle-Risikofaktoren“, mit denen Frauen der schwarze Peter für ihre Erkrankung zugeschoben wird), anstatt sich zugleich auch für eine Verbesserung der Verhältnisse („Verhältnisprävention“) einzusetzen?
  • Welche Rolle spielen Chemikalien, Umweltbelastungen und Expositionen am Arbeitsplatz bei der Entstehung von Brustkrebs?

Oktober 2016

Projekt: From Pink to Prevention
Interaktives Poster

Anmerkungen

[1] sog. „low dose effect“, in geringer Dosierung können hormonelle Belastungen sogar gefährlicher sein als in höherer Dosis

[2] Alle Originalzitate s. interaktives Poster von „From Pink to Prevention“

 

 

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