Brustkrebs – Bewegung unter Einfluss

Die kanadischen (Frauen-) Weltkonferenzen zu Brustkrebs 

Bewegung bringt Veränderung und Hoffnung auf Veränderung. Anlässlich der vierten Weltkonferenz zu Brustkrebs im Juni 2005 in Halifax ging die unabhängige kanadische Wissenschaftlerin und Autorin Sharon Batt der Frage nach, was mit den aus der Frauenbewegung hervorgegangenen „Brustkrebskonferenzen“ passiert (Fourth World Conference on Breast Cancer: Whither the Movement? | Vierte Weltkonferenz zu Brustkrebs – Wohin geht die Bewegung?) und was diese vierte Frauenkonferenz im Vergleich mit der ersten Weltkonferenz so anders erscheinen ließ.

Rückblick

Die erste von Frauen für Frauen einberufene fünftägige „World Conference on Breast Cancer“ fand im Juli 1997 in Kingston, Kanada statt und wurde von Janet Collins (politische Aktivistin, Griechologin und ehemalige Krankenschwester) und Karen Weisbaum ausgerichtet. Sharon Batt beschrieb die Konferenz, die auf dem Campus der Queen’s University mit Betroffenen aus aller Welt stattfand, als eine der außergewöhnlichsten Brustkrebskonferenzen, bei denen sie je dabei war.  Die Konferenz richtete sich an Betroffene, deren Stimmen Gehör finden sollten. 1 Am Rande angemerkt: Die Brustkrebsraten in Kingston gehör(t)en zu den höchsten in Nordamerika .

Für eine neue Zielrichtung: Globale Veränderungen sind unverzichtbar

Ziel der beiden Aktivistinnen war es, ein internationales und multidisziplinäres Forum zu schaffen, auf dem alle Fragen, die Brustkrebs tangieren – und nicht nur jene, die die Wissenschaft beschäftigen – Platz finden. Deswegen starteten sie einen Aufruf für „gobal action“.

Umwelt, Macht und Machtlosigkeit

Die zweite Konferenz richtete ihren Blick entsprechend auf die Lage von Frauen mit Brustkrebs in Entwicklungsländern und Frauen mit geringem Einkommen. Dort referierte z.B. die Ghanaerin Andiye mit einem Beitrag zu „Krebs und Macht“ (Cancer and Power) und beschrieb, dass der „größte Risikofaktor für Frauen in armen „Dritte-Welt-Ländern“ sei, in diesen Ländern zu leben“. Die „Machtlosigkeit, diese nationalen Ungleichheiten, die Menschen die Möglichkeit geben, unsichere und ungesunde Umweltbedingungen zu verändern, sind eine Hauptursache von Krebs heute“. Verantwortlichkeit für Krebserkrankungen wurde „unabhängig von Gen-Eigenschaften an politischen, geographischen und ökonomischen Umgebungen“ festgemacht. 2 Umweltbelastungen und Brustkrebs waren entsprechend zentrales Thema der Konferenz. Eine internationale Strategie im Interesse von Frauen sollte entwickelt werden.

Woodstock, Medienfokus, Stars der Konferenz

Sharon Batt beschrieb die 1. Konferenz als international: Frauen aus Japan, Afrika, Australien, Südostasien, Europa und den Philippinen tauschten Erfahrungen mit nordamerikanischen Betroffenen aus, doch der Medienrummel habe sich auf die amerikanischen „Stars“ wie Bella Abzug, Matuschka, Sandra Steingraber und Dr. Susan Love konzentriert. Viele WissenschaftlerInnen, so Batt, waren eingeladen (und einige kamen), aber es sei nicht beabsichtigt gewesen, eine wissenschaftliche Konferenz zu veranstalten, vielmehr  sollten „alle Stimmen gehört werden“. In den verschiedenen Plenen ging es mitunter emotional zu. Ein Arzt habe das Poster eines alternativen Heilpraktikers aus Mexiko heruntergerissen. Eine wütende Bella Abzug forderte 1997 aus dem Publikum heraus den Genetiker Steven Narod mit Fragen zur prophylaktischen Mastektomie bei Frauen, die positiv auf BRCA-1 oder 2 getestet worden waren, heraus. Die Konferenz sei eine Art „Woodstock für Brustkrebs“ gewesen.

Klimawechsel

Doch das Klima auf der Weltkonferenz für Frauen mit Brustkrebs änderte sich in den kommenden Jahren schnell. Weitere internationale Konferenzen fanden in Ottawa (2. World Conference im Sommer 1999) und Victoria (3. World Conference im Juni 2002) statt. Es gab mehrere Führungswechsel bei der Ausrichtung der Konferenz. Die Umwelt-Fraktion der 1998 verstorbenen Bella Abzug (Women’s Environmental Development Organisation / WEDO) ist nicht mehr Partner der Konferenz, Hotels und Konferenzzentren haben den Universitätscampus als Veranstaltungsort ersetzt und das Essen aus der Cafeteria hat sehr viel extravaganterer Küche Platz gemacht. Novartis, AstraZeneca, Ortho Biotech und Roche gehören fortan zu den Sponsoren. (Janet Collins als „Gründungsmutter“ lehnte Pharmafinanzierung ab.) Ist die Konferenz Mainstream geworden?, so fragt Sharon Batt sich in ihrem Bericht zur vierten Weltkonferenz.

Vermisst: Impulse für politische Ansätze und Veränderungen

Zwar sei auch die vierte Weltkonferenz noch eine Konferenz gewesen, die von Frauen für Frauen organisiert wurde. Es war immer noch beeindruckend international, nur das widerständige Flair sei verschwunden, so Batt. Sie beschrieb den weiteren Verlauf der vierten Konferenz: Die Umweltbelange hatten ihren Platz (einschließlich einer Vollversammlung mit Epidemiologin Kristan Aronson von der Queen’s University), allerdings getrennt von jeglichen Plänen für politische Ansätze. Dr. Annie Sasco von der Weltgesundheitsorganisation WHO, mit deren globalen Übersichten zu Brustkrebs frühere Konferenzen eröffnet hatten, war abwesend, obwohl sie im vorläufigen Programm genannt wurde. Eine Grundsatzrede der Umweltschützerin Elizabeth May, die anfangs noch im Programm stand, wurde nicht gehalten. Im Herbst 2004 eingeladen, um ein Plenum zur Nachbereitung anzubieten, wurde der Sierra Club, eine der wichtigen Organisationen für Umweltschutz, einige Monate vor der Konferenz wieder „ausgeladen“. Ein interessanter Beitrag ermöglichte Einblicke, wie Ureinwohnerinnen Brustkrebs erleben (einschließlich eines Beitrags der Cherokee-Heilerin Linda Burhansstipanov), aber auch hier gab es keine Impulse zur Veränderung von Politik im Umgang mit Brustkrebs.

Marktkonzept versus politische Hearings

Das Programm der vierten Weltkonferenz in Halifax mit Gesprächen und Workshops brachte irgendwas für jede. Während die Kingston-Konferenz ihren Abschluss in einem förmlichen „Hearing“ in einer Kirche fand, bei dem die Umweltaktivistinnen hochrangige politische Entscheidungsträger der Vereinten Nationen und verschiedener Länder zur Beseitigung von Umweltkarzinogenen aufriefen, sei die Halifax-Konferenz am letzten Tag ein Mischmasch aus Advocacy-Workshops gewesen, die von „Bewusstsein für Brustkrebs“ des Pharmamultis AstraZeneca über Screening und gesunde Lebensweise bis zu einer (guten) Diskussion mit der kalifornischen Aktivistin Nancy Evans über die „Zusammenhänge zwischen Brustkrebs und Umwelt“ reichten. Mit der Konferenz seien jedoch keine Anstrengungen mehr unternommen worden, einen Handlungskonsens zu schaffen oder politische Entscheidungsträger zu kontaktieren, so Sharon Batts Fazit: Die Vision und Hoffnung für internationalen Wandel wurde in ein Marktkonzept verwandelt. Was Frauen blieb, waren „Hunger nach mehr Substanz“ und die Erkenntnis, dass emotionale Unterstützung (bei uns würde man vermutlich „Selbsthilfe“ sagen) viel Raum einnahm, während die politische Interessenvertretung bei dieser Konferenz bereits vor sich hin dümpelte, noch bevor so etwas wie „Brustkrebsbewegung“ bei uns in Deutschland überhaupt ankam. Die von Sharon Batt beschriebenen Interessenkonflikte haben das in den 1990er Jahren aufkeimende Engagement bei uns von Anfang an geprägt.

Mehr zum Thema

Fourth World Conference on Breast Cancer: Whither the Movement? von Sharon Batt

Lies, Damn Lies and Public Protection: Corporate Responsibility and Breast Cancer Activism von Laura Potts, 2001

 

References

  1. 1. Strategic Pragmatism and the Politics of Feminism: American Breast Cancer Activism and the Global Possibilities of a Movement von Jill Christina Moffett. Phil Diss, ProQuest Juli 2007, S. 49

  1. 2. unter Bezugnahme auf Zillah Eisenstein, Manmade Breast Cancer, Cornell Univ. Press 2000, S. 164f

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