Absolut sicher? Die Dokumentation zu Silikonimplantaten von Carol Ciancutti-Leyva

Brustimplantate aus Silikon gibt es seit 1963. In Absolutely Safe dokumentiert die Filmemacherin Carol Ciancutti-Leyva ihre Auseinandersetzung mit Silikon in der Brust.

Das perfekte Gegenmittel gegen Werbung

Judy Norsigian, eine der Säulen der Frauengesundheitsbewegung weltweit und Herausgeberin der auch mehrfach in deutscher und unzähligen anderen Sprachen erschienen Bücher „Unser Körper, unser Leben“ (Our Bodies Ourselves), sagt über diese Dokumentation, sie sei „das perfekte Gegenmittel zu all der Werbung und den TV-Berichten, die Frauen routinemäßig in die Irre führen“.

Absolutely-Safe

Absolutely Safe: Wie die Dokumentation entstand

Ciancutti-Leyva begann 1999, die Geschichte ihrer Mutter Audrey Ciancutti, einer Silikongeschädigten, aufzuarbeiten. Die Erfahrungen ihrer Mutter wurden zum Motor für die Filmdokumentation Absolutely Safe, die 2008 fertiggestellt wurde. Nachdem ihre Mutter 1974 nach einer Mastektomie wegen Brusttumoren mit den ihr eingesetzten Implantaten mehrfach Rupturen und schwere gesundheitliche Probleme erlitt, verfolgte Ciancutti-Leyva sowohl die wissenschaftliche Diskussion und Datenlage wie auch die FDA-Hearings zu Silikonimplantaten, bei denen auch ihre Mutter aussagte und dort öffentlich berichtete, wie schwer krank sie wurde. Sie hätte sich die Implantate nicht einsetzen lassen, wenn sie die Risiken zuvor gekannt hätte.

Risiko-Kommunikation zu Silikon-Implantaten und Brustkrebs ist auch bei uns kein beliebtes Thema

Rupturen, also gerissene Implantate, aus denen Silikon in großem Umfang austritt, sind eines der medizinischen Probleme, die mit Silikonimplantaten in der Brust auftreten können. Ein anders ist das sog. „Bleeding“, bei dem Silikon durch Diffusion auch bei intakter Hülle in die Umgebung austreten kann. Abbauprodukte des Silikons im Körper standen überdies immer wieder im Verdacht, systemische Immunreaktionen auszulösen. In ihrer Dokumentation lässt Ciancutti-Leyva ebenso Frauen, die sich Silikon einsetzen lassen, zu Wort kommen, wie solche die froh sind, wenn die Implantate wieder entfernt werden. Sie spricht mit plastischen Chirurgen, die Frauen Implantate einsetzen, und es kommt ein chirurgischer Spezialist zu Wort, der Frauen die Implantate, die einst zur Brustvergrößerung eingesetzt wurden, wieder entfernt, um ihre natürliche Brust so weit wie möglich wiederherzustellen.

Auch die Möglichkeiten einer Brustkrebsdiagnose durch Mammographie kann nach der Implantation von Silikon in die Brust beeinträchtigt sein. Ein Implantat kann auch durch die Kompression der Brust bei der Mammographie reißen. Kritisch betrachtet ist bisher auch der Ersatz der Brust bei Genveränderungen, das Verfahren des Austauschs von Brustgewebe in Silikon in deutschsprachigen Medien ganz überwiegend sehr simplifizierend dargestellt. 1

Welche Versprechungen werden Frauen gemacht?

Frauen einer Brustkrebs-Selbsthilfegruppe berichten ihre Erfahrungen. Wie fällt eine Entscheidung für Implantate? Welche Versprechungen werden den Frauen gemacht? Mit Berichten aus dem Leben von fünf  Frauen und ihrem Umgang mit Brustimplantaten erkundet die Dokumentation Absolutely Safe Gedanken und die Körper von Mädchen und Frauen bei einer medizinischen und kulturellen Auseinandersetzung kritisch. Es geht um das Streben nach dem „perfekten Körper“, das sich quer durch die gegenwärtige (Mainstream-) Kultur spiegelt. In den letzten vierzig Jahren haben sich mehrere Millionen Frauen dazu entschieden, mit Silikon oder Kochsalzlösung gefüllte Implantate chirurgisch in die Brust einsetzen zu lassen, um die Brust nach Krebsoperationen rekonstruieren  zu lassen oder die gesunde Brust zu vergrößern. Die Frauen erzählen von ihren Operationen und die Pro und Contra-Sichtweise von zwei Chirurgen wird gegenübergestellt. Silikonimplantate werden heute mehr den jemals zuvor eingesetzt, doch die Fragen nach der Sicherheit sind öffentlich fast verstummt.

Im Schnittpunkt von Geld, Wissenschaft, Gesundheit und Schönheitswahn

Nach Ciancutti-Leyva befinden sich Frauen im Schnittpunkt von Geld, Wissenschaft, Gesundheit und Schönheitswahn. Plastische Chirurgen, Toxikologen, Anwälte, Implantathersteller und Politik streiten sich auf ihrem Rücken. Während popkulturelle Einflüsse Frauen – und, wie der Film mit eindrücklichen Beispielen zeigt, bereits kleine Mädchen und Teenager – massiv beeinflussen, wenn es um das Gefühl zu ihrem Körper geht, boomt die Silikonindustrie. Sozialer Druck wird aufgebaut. Frauen werden dazu gebracht, sich Silikon in die Brust einsetzen zu lassen, oft in dem Glauben, dass die Implantate ewig halten. Und es gibt nur wenige Chirurgen, die bereit und in der Lage sind, die Implantate wieder zu explantieren und den Schaden dabei so gering wie möglich zu halten.

In den USA ist die Food and Drug Administration (FDA) die einzige Bremse im Implantatgeschäft, auf sie muss Verlass sein. Für Deutschland ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zuständig, das eine Patienteninformationen und Einverständniserklärungen zur Brustimplantation bereit hält. Die zuständigen Behörden müssen Daten analysieren und das Risiko bestimmen.

Wissenschaft unter Verantwortung der Hersteller

Für die Hersteller der Implantate und die Medizinindustrie geht es um einen Milliardenmarkt. Doch die Forschung für die Sicherheit wird ebenfalls von den Herstellern finanziert, die vorhandene Nachbeobachtungszeit ist kurz und blendet Langzeitrisiken aus. Es gibt Ärzte, die zu langfristig entstehenden Gefahren geforscht haben und Risiken sehen, etwa durch Platin, das bei der Herstellung von Brustimplantaten verwendet wird und so in den Körper von Frauen gelangt.

Absolutely Safe richtet sich an Frauen und Mädchen, die – sowohl freiwillig wie auch unfreiwillig (nach Krebs) – in der Diskussion um Schönheit, Medien, Risiken und „selbstbestimmte Wahl“ ihre Entscheidung treffen. Der Film bietet Einblicke in OP-Säle, Selbsthilfegruppen, Krankenhausbetten, in explantierte Silikonimplantate und ihren Zustand sowie öffentliche Anhörungen. Aus einer Selbsthilfegruppe von Frauen mit Brustkrebs, die bei der Implantation von Brustimplantaten massive Probleme hatten, berichtet die Leiterin der Gruppe, die Fotografin Anne StansellSie hatte die Möglichkeit, nach Mastektomie ohne Implantate zu leben, gar nicht in Erwägung gezogen, weil die Implantate ihr als Teil ihres medizinischen Behandlungspakets angeboten wurden.

Die Dokumentation zeigt, dass die Diskussion um Implantatsicherheit sehr komplex ist. Es geht nicht allein um die einfache Abwägung von Vor- und Nachteilen.

Kurze Geschichte der Implantate, ihr Verbot und die erneute Freigabe in den USA

Seit der Anwendung von Silikon in der Brust in den 1960er Jahren wurden immer wieder Fälle bekannt, in denen ein Zusammenhang zwischen Silikonimplantaten und Krankheiten, z.B. solchen aus dem rheumatischen Formenkreis, diskutiert wurde. Nach Silikonimplantation in die Brust wurde von Schmerzen, Muskelkrämpfen, Gelenkschwellungen, Erschöpfungszuständen, Schlafstörungen, Nervosität, Konzentrationsstörungen, Hautreizungen, Atembeschwerden und Immunschwäche berichtet.

Verbot in den USA 1992

Da die Vermutungen nicht entkräftet werden konnten, wurde 1992 die Verwendung mit Silikon gefüllter Implantate durch die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA mit der Begründung untersagt, ihre Sicherheit sei nicht gewährleistet. Letztlich fehlte aber der Beweis für die schädigende Wirkung des Silikons. Außerdem gab es auch das Interesse, die Brustimplantate nicht gänzlich zu verbieten, zumal auch die mit Kochsalzlösung gefüllten Implantate eine Silikonhülle haben.

Demonstration 1995

Bereits 1995 gab es in Washington eine Demonstration von betroffenen Frauen, die nach der Implantation von Silikonimplantaten krank geworden waren. Die Hersteller waren zum damaligen Zeitpunkt nicht in der Lage, Daten zur Produktsicherheit vorzulegen. So wurden zunächst strenge Regulierungen zu Brustimplantaten wirksam und die Profite der Anbieter gingen zurück. Die Frauenzeitschrift EMMA hat die Zusammenhänge in dem Artikel Brustkrebs: Siliconegate in ihrer Sept./Okt.-Ausgabe von 1996 herausgearbeitet. Ciancutti-Leyva steht auf dem Standpunkt, dass Männer sich eine solche OP, nach der sie mit ständigen Schmerzen leben müssen, nicht antun würden.

Neue Untersuchung 1997

Im Jahr 1997 wurde dann durch das Department of Health and Human Services (HHS) eine gründliche Untersuchung eingeleitet. Der Verdacht gegenüber Silikon als Auslöser der beschriebenen Symptome ließ sich in dem 1999 vorgestellten Bericht des beauftragten Institute of Medicine of the National Academy of Science (IOM) nicht erhärten.

Erneute Freigabe in den USA 2006

Es dauerte aber bis zum Jahr 2006, bis mit einer veränderten kohäsiven Silikonfüllung die erneute Freigabe von mit Silikon gefüllten Implantaten für Frauen ohne Brustkrebs durch die FDA erfolgte, verbunden mit zunächst strikten Auflagen bezüglich der Überwachung von Nebenwirkungen und Undichtigkeiten (z.B. durch MRT/Kernspintomografie).

Eine umfassende Chronologie der Ereignisse ist auf der FDA-Webseite nachzulesen.

Trailer zum Film

Weiterlesen

Webseite zum Film Absolutely Safe

Decisions in the Dark („Entscheidungen im Dunklen“), eine Veröffentlichung des National Research Center for Women & Families der USA zur Arbeit der FDA, Silikonimplantaten und Frauen mit Brustkrebs

Baysilone in Brustimplantaten von Jan Pehrke
Zur Geschichte des Silikons als „Rohstoff“ der Schönheitsindustrie: Skandalöser Normalzustand von Jan Pehrke
Frauenselbsthilfe zum PIP Silikonskandal
Silikonimplatate bei Brustkrebs
Siliconegate: Link zur EMMA von 1996

References

  1. 1. Beispiel s. Sigrid Leis-Püschel, Brustamputation „Ich ließ mir die Brüste abnehmen – und fühle mich weiblicher denn je!“ http://www.brigitte.de/frauen/stimmen/brustamputation-1227870

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